ArchivDeutsches Ärzteblatt4/1998Tuberkulose/Epidemiologie: Keine Entwarnung

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Tuberkulose/Epidemiologie: Keine Entwarnung

Clade, Harald

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LNSLNS Russisch-Deutscher Pneumologenkongreß in Moskau war der weltweit wichtigsten Infektionskrankheit gewidmet.
uch wenn in Deutschland im Jahr 1996 die Zahl der an Tuberkulose Erkrankten um rund 3,1 Prozent zurückgegangen ist, dürfen die Maßnahmen zur Bekämpfung dieser Erkrankung auch in Deutschland nicht vernachlässigt werden. Die Maßnahmen sollten in die aktive Fallfindung eine effektive Behandlung und die Minderung des Übertragungsrisikos einschließen.
Weltweit ist die Tuberkulose wieder im Kommen, vor allem in Süd- ostasien, in Afrika, Südamerika und in Osteuropa. Daran erinnerte das Deutsche Zentralkomitee e.V. zur Bekämpfung der Tuberkulose anläßlich der Wiederkehr der Entdeckung des Tuberkulose-Erregers durch Robert Koch in Berlin vor hundert Jahren. Auch der 1. Russisch-Deutsche Pneumologenkongreß in Mos-kau am 30./31. Oktober 1997 war der Tuberkulose, der weltweit wichtigsten Infektionskrankheit, gewidmet.
Die Tuberkulose ist unverändert - trotz AIDS - die am häufigsten zum Tode führende Infektionskrankheit. Nach Schätzungen der Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) ist bereits rund ein Drittel der Weltbevölkerung mit dem Tuberkulose-Erreger infiziert, davon wahrscheinlich bereits 50 Millionen mit multiresistenten Bakterienstämmen. Rund acht Millionen Menschen erkranken weltweit jedes Jahr an einer aktiven Tuberkulose; drei Millionen Menschen sterben an dieser Erkrankung. Diese Zahlen nannte Prof. Dr. med. Robert Loddenkemper, der Generalsekretär des Deutschen Zentralkomitees zur Bekämpfung der Tuberkulose e.V., Chefarzt der Lungenklinik Heckenhorn zu Berlin, in Moskau, der bei dem zusammen mit dem Bundesverband der Pneumologen in Deutschland e.V. organisierten Kongreß referierte.
Trotz der leicht rückläufigen Erkrankungszahlen ist die Tuberkulose, insbesondere auch auf Grund der zum Teil alarmierenden Zahlen aus Teilen Osteuropas und der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) eine auch in Deutschland sehr alarmierende Infektionskrankheit. Nachlässigkeit und eine vorzeitige Entwarnung auf Grund mangelnder Erkenntnisse und Erfahrung und des selteneren Auftretens der Tuberkulose in Deutschland seien fehl am Platz, so Loddenkemper.
Nach den bisherigen Erkenntnissen ist aber Deutschland bisher nicht von einer Zunahme der multiresistenten Tuberkulose betroffen. Um keine Behandlungslücken auftreten zu lassen und um keine unkalkulierbaren Risiken einzugehen, seien aber weiterhin eine rasche Entdeckung, Diagnostik und umfassende Therapie-Einleitung sowie Behandlung über eine längere zeitliche Distanz notwendig, und sie müßten konsequent mit allen gebotenen Mitteln in Angriff genommen werden, so der Wissenschaftler vor dem Moskauer Kongreß.
In Deutschland war auch 1996 die Tuberkulose die Infektionskrankheit: 11 814 neue Erkrankungsfälle wurden registriert. Dies entspricht bei einer Gesamtbevölkerung von 81,82 Millionen Einwohnern einer Inzidenz von 14,4 je 100 000 Einwohner. Gegenüber 1995 war die Zahl mit 394 Fällen weniger leicht rückläufig (23,1 Prozent). Mit 3 474 Ausländern (258 Ausländer gegenüber 1995) ist die Inzidenz dieser Bevölkerungsgruppe wesentlich höher als bei Inländern. Die Inzidenz lag hier bei 47,5 je 100 000 Einwohner der in der Bundesrepublik Deutschland lebenden Ausländer; sie war mithin 4,2fach höher als die Inzidenz von 11,2 je 100 000 bei der einheimischen Bevölkerung. Der Rückgang an Neuerkrankungen betrug hier 3,8 Prozent (326 Fälle weniger als im Jahr 1995).
Wie Loddenkemper weiter berichtete, betrifft die Tuberkulose vor allem häufig die ältere und hier insbesondere die männliche Bevölkerung. Die höchste Inzidenz in der Gesamtbevölkerung hatten Männer mit 48,8/100 000, die 75 Jahre alt und älter sind. Bei den Ausländern liegt der Inzidenzgipfel bei den 20- bis 40jährigen.
Bei der Tuberkulose bei Inländern konnten in 60 Prozent aller Fälle Tuberkulosebakterien direkt im Sputumausstrich nachgewiesen werden, bei den Ausländern betrug der Anteil der offenen Tuberkulosen 48 Prozent. Die Zahl der offenen und damit ansteckenden Tuberkulosen war mit 6 639 Fällen gegenüber dem Vorjahr nahezu unverändert. Bei den Inländern überwog die Form der offenen Tuberkulose mit 59,5 Prozent, die geschlossenen Formen machten 26,5 Prozent und die extrapulmonalen Tuberkulosen 14 Prozent aus. Bei den Ausländern führten mit 48,4 Prozent ebenfalls die offenen Tuberkulosen - vor den geschlossenen Formen mit 31,9 und den Fällen mit extrapulmonaler Manifestation mit 19,7 Prozent.
Ausländer und Männer stärker betroffen
Insgesamt entfielen von den 6 639 Fällen mit offener Lungentuberkulose 74,7 Prozent (4 959) auf die inländische Bevölkerung. Die Inzidenz der offenen Tuberkulose betrug bei den Inländern 6,7 je 100 000 Einwohner und bei den Ausländern, die zur Zeit in Deutschland leben, waren es 22,9 je 100 000 Personen. Im Vergleich zu 1995 bedeutet dies: Rückgang der absoluten Zahlen von 3,4 Prozent bei der Gesamtbevölkerung, von 1,4 Prozent bei der einheimischen und vier Prozent bei der ausländischen Bevölkerung.
Auch im Referenzjahr 1996 erkrankten fast doppelt so viele Männer an Lungentuberkulose wie Frauen; bei den extrapulmonalen Tuberkulosen erkrankten Frauen weiterhin etwas häufiger.
Bei den extrapulmonalen Tuberkulosen war 1996 die periphere Lymphknotentuberkulose am häufigsten (43,6 Prozent), wobei die Hälfte (51 Prozent) der Patienten, die an Lymphknotentuberkulose erkrankt waren, Ausländer waren. Insbesondere in den jüngeren Altersgruppen dominiert der Ausländeranteil bis zu 74,5 Prozent; er nimmt aber mit zunehmendem Alter deutlich ab und beträgt bei Erkrankten, die älter als 75 Jahre sind, nur noch 6,8 Prozent.
Als zweithäufigste Manifestation folgt die Urogenitaltuberkulose mit 27,9 Prozent. Bei 10,2 Prozent der Fälle waren Knochen und Gelenke betroffen, eine Meningitis tuberculosa fand sich in 3,3 Prozent der Fälle, davon waren sieben Kinder (ein Ausländerkind).
1996 erkrankten in Deutschland 578 Kinder an einer aktiven Tuberkulose, was einer Inzidenz von 4,37/
100 000 Kinder entspricht. Im Vergleich zu 1995 wurden 64 Fälle mehr gemeldet (+12,5 Prozent); die Inzidenz betrug vor zwei Jahren 3,87 je 100 000 und ist mithin geringfügig gestiegen. Von den 578 erkrankten Kindern waren 328 Ausländer (56,7 Prozent). Die Inzidenz lag bei 21,5/100 000 bei den in Deutschland lebenden ausländischen und 2,1/100 000 bei den inländischen Kindern; bei den ein- bis fünfjährigen ausländischen Kindern war die Inzidenz von 24,5 je 100 000 gleichaltriger Kinder am höchsten.
Von der Häufigkeit der Neuerkrankungen waren die Stadtstaaten Berlin, Bremen und Hamburg am meisten betroffen, am wenigsten die Flächenstaaten, wie etwa Bayern (14,8/100 000). Der Bundesdurchschnitt der Tuberkulosen-Inzidenz lag im vergangenen Jahr bei 14,4/100 000. Dies gilt auch für die Neuerkrankungen an offener Tuberkulose.
Nach der Todesstatistik starben an einer aktiven Tuberkulose beziehungsweise an den Spätfolgen 1996 in Deutschland 896 Personen (692 beziehungsweise 204); dies sind fünf Prozent weniger als im Vorjahr.
Eine epidemiologische Studie, die vom Deutschen Zentralkomitee e.V. zur Bekämpfung der Tuberkulose (DZK) zusammen mit 285 Gesundheitsämtern durchgeführt wurde, ergibt bei 2 305 kulturell gesicherten Lungentuberkulosen folgendes Resistenzmuster: 5,2 Prozent der Bakterienstämme waren gegen INH, 1,6 Prozent gegen RMP und 1,3 Prozent gegen beide Medikamente resistent. Unter Berücksichtigung des Herkunftslandes betrug der höchste Wert für die kombinierte Resistenz gegen INH und RMP 4,9 Prozent. Die Umfrageergebnisse des Arbeitskreises Mykobakterien zeigten im Vergleich zu den Vorjahren für 1996 keine wesentlichen Änderungen. Insgesamt ergibt sich für Deutschland mithin noch kein Hinweis auf eine Zunahme der multiresistenten Tuberkulosestämme.
Rußland hat Probleme
Wie der Chairman des 1. Russisch-Deutschen Pneumologenkongresses, Prof. Dr. med. Alexander Petrovitsch Chuchalin (57), Direktor des Forschungsinstituts für Pneumologie in Moskau, Präsident der Russischen Pneumologengesellschaft, berichtete, sind als Entstehungsherde für die Tuberkulose in Rußland zum Teil die schlechten Wohnverhältnisse, aber auch die desolate Situation in Gefängnissen und in Unterkünften mit schlechten hygienischen Verhältnissen sowie Obdachlosigkeit, Drogenabhängigkeit und HIV-Infektion am meisten verantwortlich. Seitens der Regierung und der Gesundheitsadministration in Moskau würden jedoch Anstrengungen unternommen, um die Krankheitsentstehungsherde einzudämmen und Behandlungsmaßnahmen einzuleiten. Allerdings hapert es in Moskau wie in ganz Rußland an einer ausreichenden und qualitativ hochstehenden medikamentösen Langzeitversorgung in Kliniken und Staatsarztpraxen. Dr. Harald Clade
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