ArchivDeutsches Ärzteblatt4/1998Therapie angeborener und erworbener Kieferfehlstellungen

MEDIZIN: Zur Fortbildung

Therapie angeborener und erworbener Kieferfehlstellungen

Schumann, Dieter; Zenk, Witold

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LNSLNS Stichwörter: Kieferorthopädie, Hirn- und Gesichtsschädelfehlbildung, Mikroplatten-Osteosynthese
Kieferfehlbildungen können angeboren sein oder erworben werden. Nach primär kieferorthopädischer Behandlung im Kindesalter ergeben sich bei therapieresistenten Formen Indikationen zur Operation. Ober- und Unterkiefer zeigen unterschiedliche Symptomausprägungen, die sich als "Bißstörung" darstellen. Gelenkfolgeerkrankungen sind nicht selten. Verbindungen zu Hirn- und Gesichtsschädelfehlbildungen kommen bei Syndromen gehäuft vor. Hier sind Operationen im Säuglingsalter möglich. Diagnostik, Therapie und Nachsorge unter Beachtung der Wachstumszentren des Kauschädels sind auf simultane operative Methoden (Oberkiefer- und Unterkieferkorrektur in einem Eingriff) orientiert und beginnen im allgemeinen mit dem Jugendalter. Dreidimensionale Modelloperationen ermöglichen korrekt die präoperative Bestimmung von Funktion und Ästhetik. Computerintegrierte Navigation und mikrochirurgische Technik im Grenzgebiet zur Schädelbasis werden durch Mikroplatten-Osteosynthese ergänzt.
Key words: Orthodontic treatment, structural deformaties of face and skull, microplate-osteosynthesis
Deformities of the jaw are congenital or acquired. Even if individuals receive primary orthodontic treatment in childhood, some cases still remain resistent to therapy and require operation. Both upper and lower jaw deformities cause symptoms of differing types and intensities which present as malfunction of the bite. Very often this syndrome gives rise to structural deformities of the facial bones and skull. Babies with such deformities can be helped by an operation. Diagnosis, therapy, and postoperative treatment require careful consideration of how the skull grows and should begin in the teenage years. Upper and lower jaw should be treated simultaneously. Three-dimensional operations on models help to determinate preoperatively the functional and cosmetical outcome. Computer-integrated navigation and micro-surgical techniques around the base of the skull are complemented by microplate-osteosynthesis.


it seinen vergleichenden Studien zur Entwicklungsmorphologie bestätigte Johann Wolfgang von Goethe (1794) in Jena die Beobachtungen des flämischen Anatomen Adriaan van den Spieghel (1578 bis 1625), der die Fusion der Oberkieferabschnitte (Proc. alveolaris und Prämaxilla) beschrieb.
Lexer (1914) berücksichtigte zwar als Jenenser Spaltchirurg mit seiner Modifikation der Lippenplastik bei doppelseitigen Spaltbildungen die Bedeutung der Zwischenkieferposition in der Mittelgesichtsentwicklung, nahm jedoch durch ausgiebige Weichteilmobilisationen zur Erzielung einer spannungsfreien Naht Wachstumseinbußen des Mittelgesichts infolge dieses Vorgehens in Kauf. Der Einfluß der Weichteile auf die Entwicklung des Kauschädels konnte durch Rosenthal (1884 bis 1971) belegt werden.
Für die heutige Chirurgie der Kieferfehlbildungen gibt es auch aus diesen Quellen Möglichkeiten der Begriffsableitung von angeborenen und erworbenen Krankheitsbildern.
Definition
Unter angeborenen kraniofazialen Fehlbildungen versteht man Störungen, die vor oder während der Organogenese auftreten und multifaktorielle Ursachen haben. Je früher die Embryogenese gestört wird, um so schwerer sind die Abweichungen von der Norm. Kieferfehlstellungen können primär im Rahmen dieser gestörten Morphogenese entstehen oder sekundär durch äußere und innere Faktoren, die das Wachstum beeinflussen, hervorgerufen werden.
In den verschiedenen Kopfregionen und Wachstumszonen bilden sich pathognomonische Kardinalsymptome heraus, die für die jeweilige Störung typisch sind. Die nachfolgende Übersicht gibt zu den jeweiligen Störungen einige Beispiele.
Vorderkopfregion
¿ Störungen im Prosenzephalon, der Schädelkalotte, der Stirn, der Glabella, der Behaarung.
À Veränderungen der Nase, ihres Septums, der Columella, des Philtrums und des Zwischenkiefers.
Á Fehlbildung von Schneidezähnen (Aplasien, Hypoplasien).
Zwischenkopfregion
¿ Superfizielle Anomalien an der Stirn-Schläfen-Grenze, an der Orbita und Nase.
À Zentrale kraniofaziale Dysmorphien wie Hypertelorismus, M. Crouzon, M. Apert.
Á Lippen-, Kiefer- und Gaumenspalten, schräge und quere Gesichtsspalten.
Hinterkopf- und Seitenkopfregion
¿ Störungen im Rhombenzephalon, des Ohres, der Wange.
À Oberlippe, Mundspalte, Gaumen, Zunge, Speicheldrüsen.
Á Abweichungen der Zahnform Chirurgie in Größe, Zahl und Anordnung in Ober- und Unterkiefer (inklusive Bißlage). !
Kauschädelnähte und Wachstumszonen
Fehlbildungen im Bereich des Temporo-Mandibular-Gelenks (hemifaziale Mikroskomie) oder Störungen des Wachstums im Bereich der Gesichtschädelnähte:
1 Sutura frontomaxillaris,
1 Sutura zygomaticomaxillaris,
1 Sutura zygomaticotemporalis,
1 Sutura pterygopalatina,
mit Abweichungen in senkrechter Richtung zum Suturenverlauf.
Eine rein morphologische Klassifikation (Tessier, 1976) setzt die Kenntnis der Entwicklungsvorgänge voraus, denn das Erscheinungsbild ist das Ergebnis von drei miteinander verbundenen Prozessen.
Zu diesen zählen die Ausbildung der Entwicklungsstörung, die Reaktion der Umgebung ("nolens-volens- Kompensation") sowie die Veränderungen durch die späteren intrauterinen und post partum ablaufenden Vorgänge (Abbildung 1).
In der Klinik bewährt sich die Erfassung der Abweichungen am wachsenden Hirn- und Gesichtsschädel auf einem Dokumentationsbogen, der kontrollierte Studien zur Entwicklung erlaubt.
Ätiologie der Dysgnathien
Die hier zu besprechenden angeborenen Dysgnathien (Kieferfehlstellungen) sind überwiegend multifaktoriell bedingt. Von Ausnahmen abgesehen (v. d. Woude-Syndrom), wird ein multifaktorieller Erbgang mit additiver Polygenie und Schwellenwerteffekt angenommen. In einem solchen System gelangen die Informationen, die auf verschiedenen Genen lokalisiert sind, dann zur Manifestation im Phänotyp, nachdem sie durch äußere Einflüsse (Umweltfaktoren) über eine Schwelle gehoben worden sind (Jörgensen, 1966). Dabei können die exogenen Einflüsse in Abhängigkeit von der genetischen Anlage mehr oder weniger stark sein, wodurch es zur Merkmalsausprägung als Spaltbildung oder Dysgnathie kommt. Denkbar ist aber auch, daß die Umweltfaktoren einer genetischen Information entgegengerichtet sind und diese den Phänotyp maskieren.
Man geht gegenwärtig davon aus, daß die folgenden dysgnathen Bißlagen, wie skelettal tiefer Biß, Progenie, bimaxilläre Protrusion, skelettal offener Biß und skelettaler Distalbiß, erbbedingt sind (Tabelle 1).
Nach Zwillingsuntersuchungen sind auch folgende Zahnfehlentwicklungen, wie Größe der Zähne, Zahnform, Zahnzahl und Reihenfolge des Zahndurchbruchs beim Zahnwechsel, erbbedingt.
Die exogenen Einflüsse können systemisch oder lokalisiert sein. Während systemische Faktoren wie Mangelernährung und Krankheiten die Gesamtentwicklung des Menschen beeinflussen, wirken die lokalen Faktoren in der Ätiogenese der Anomalien speziell auf das Kausystem.
Die exogenen Einflüsse, die eine Änderung der Morphologie verursachen, können statischer oder funktioneller Natur sein.
Die Wirkung statischer Faktoren ist begrenzt (Trauma mit Kieferbruch und Okklusionsstörung). Funktionelle Faktoren können in verschiedenen Entwicklungsphasen einwirken und eine Bißanomalie bedingen, so führt zum Beispiel Daumenlutschen zu Protrusion der Oberkieferfrontzähne. Auch als Behandlungsfolgen können Dysgnathien auftreten, wie zum Beispiel nach Strahlentherapie im Kauschädelbereich des Kindesalters.
Diagnostik der Kieferfehlstellungen
Um die aufwendige, über die Wachstums- und Entwicklungsperiode laufende Therapie dieser Patienten mit optimaler Effizienz zu gestalten, empfiehlt sich bei Feststellung der ersten Symptome die Vorstellung beim Mund-Kiefer-Gesichtschirurgen. Für Dysmorphien ist dies schon in den ersten drei Lebenswochen wichtig, da die meisten Therapieprogramme im ersten Lebensmonat beginnen.
Um Wachstumsstörungen zu vermeiden, sind die Operationsverfahren morpho-funktionell ausgerichtet. Das umfaßt den atraumatischen Weichteilverschluß unter Beachtung der normalen Schichtfolge sowie den Aufschub von Eingriffen am Knochen bis zum Beginn der Wechselgebißperiode. Abweichungen davon sind in Fällen mit Beteiligung des Hirnschädels zu sehen (so zum Beispiel bei Kraniostenosen, Lückenschädel, Syndrome). Bei der Vorstellung der kleinen Patienten sollte zunächst auf Symmetrie-Abweichungen geachtet und funktionelle Störungen registriert werden. Hinweise auf Kieferfehlstellungen ergeben sich nach folgendem Schema:
Bei der klinischen Befunderhebung werden alle Form- und Funktionsstörungen erfaßt. Mehrfachschädigungen unterschiedlicher Regionen sind möglich, so zum Beispiel Augenfehlbildung, Nasenfehlbildung, Gesichtsspalte (Gehör und Sprache können sekundär betroffen sein). Auf familiäre Häufungen und Mikrosymptome bei den Eltern ist zu achten. Mit bildgebenden Verfahren (CT in 3-D-Rekonstruktion) wird das Ausmaß der skelettalen Schädigung sichtbar gemacht.
Mit den Methoden der kieferorthopädischen Diagnostik, wie kephalometrische Analyse, Modellanalyse, zentrale Bißregistrierung und Splintanfertigung, werden Ort und Ursache der Abweichung definiert.
An interdisziplinären Zentren liegen entsprechende Protokolle vor, nach denen multidisziplinär behandelt wird. Die individuelle Behandlungsplanung kann erst nach einer kephalometrischen Analyse vorgenommen werden, weil durch sie die dominierenden Abweichungen deutlich werden. Auf der Grundlage dieser Daten und der Ätiologie der Dysgnathie wird die individuelle Behandlungsaufgabe für den basalen, dentobasalen und dentoalveolären Kieferabschnitt interdisziplinär abgestimmt. Tabelle 1 zeigt einen allgemeinen Überblick über gebräuchliche Operationstermine. Die kephalometrische Analyse des Fernröntgenseitenbildes erfaßt zweidimensional den sagittalen und vertikalen Gesichtsschädelaufbau. Es zeigt die Lagebeziehungen der Kieferbasen, der Schneidezahnachsen und läßt auch eine Beurteilung der Weichteilmorphologie im Profilbild zu. Darüber hinaus sind die Wachstumstendenz und -richtung und die Lokalisation der Dysgnathie zu erkennen. Obwohl die Lagekonstanz der Referenzpunkte während des Wachstums des Gesichtsschädels unterschiedlich ist, können im allgemeinen auf der Grundlage der kephalometrischen Daten die Behandlungsmöglichkeiten und ihre Grenzen prognostiziert werden. Die kephalometrische Analyse erlaubt eine Bestimmung des Gesichtstyps (Hasund, 1972) und eine Charakterisierung der skelettalen und vertikalen Ebene sowie die Beziehung der Kieferbasen zueinander.
Die Modellanalyse erfaßt meßtechnisch die Lagebeziehungen des Ober- und Unterkiefers in den drei Dimensionen. Hierzu werden die Gipsmodelle des Oberkiefers und Unterkiefers in den drei Raumebenen RapheMedianebene, Tuberebene und Kauebene zueinander orientiert. Dabei können die Istwerte des Auswertungsfalls mit den Sollwerten des "Normgebisses" verglichen werden. Der Vorteil der Modellanalyse ist in der Tatsache zu sehen, daß sie in nur einer Auswertungsmethode die dreidimensionale Erfassung von Abweichungen bei Dysgnathien ermöglicht. Die zentrale Bißregistrierung ermöglicht weiterhin die Erfassung der Lagebeziehungen der Kiefergelenke in der Gelenkpfanne und die Simulation der Mundöffnungsbewegung mit Gipsmodellen im halbindividuellen Artikulator. Das ist eine wesentliche Voraussetzung für die präoperative Simulation von Verlagerungsosteotomien im Unter- oder Oberkiefer oder für die Planung von einzeitigen Unter- und Oberkieferverlagerungen. Dem Operationsablauf dient von kieferorthopädischer Seite das Einbringen von inaktiven, dental verankerten Operationsbögen. Diese Bögen sollen als passives Stabilisierungselement etwa vier Wochen vor der Operation eingelegt werden. Dann sind zwei bis drei Tage vor der Operation die interokklusalen Splinte entsprechend der Modelloperation vorbereitet, die zur genauen intraoperativen Verschlüsselung der verlagerten Kieferabschnitte dienen.
Indikation zur chirurgischen Therapie
Die Indikation für eine chirurgische Therapie der Dysgnathien ist dann gegeben, wenn die Möglichkeiten der kieferorthopädischen Behandlung ausgeschöpft sind oder primär solche Verfahren ausscheiden. Allgemein fällt der Kieferorthopädie die Aufgabe zu, bis zum Abschluß der Wachstumsphase die notwendige Beeinflussung im dentoalveolären Bereich vorzunehmen. Die Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie dagegen übernimmt die Harmonisierung der skelettalen Lagebeziehungen der Kiefer nach Abschluß des Wachstums. Die zeitliche Abstimmung dieser beiden Therapieverfahren erfolgt für den Einzelfall in einer interdisziplinären Koordination zwischen Kieferorthopädie und Kieferchirurgie (6).
Die Indikation zur Operation ergibt sich weiterhin bei Fehlentwicklungen im basalen Bereich, dentobasalen Kieferabschnitt, bei posttraumatischen oder iatrogen verursachten Fehlstellungen der Kiefer. Dabei wird die Indikation zur Operation besonders duch funktionelle Störungen diktiert. Natürlich beeinflussen in vielen Fällen auch ästhetische Belange den Wunsch des Patienten zur Operation. Die chirurgisch erzielbare Verbesserung der Kaufunktion ist häufig eng verknüpft mit einer Verbesserung der Gesichtsform und -ästhetik (Grafik).
Behandlungsplan angeborener Fehlbildungen, -fehlstellungen
Schwerwiegende Behandlungsfehler, die auf rein chirurgisch-orientierte Therapieansätze zurückzuführen waren, haben Wachstumsstörungen, morphofunktionelle Schäden und soziale Desintegration hervorgebracht. Es haben sich daher in den letzten drei Jahrzehnten auf der Grundlage von multizentrischen Langzeitstudien Behandlungsprotokolle für unterschiedliche Krankheitsbilder ergeben.
Allgemein kann von einer Festlegung der Operationstermine am Gesichtsschädelskelett nach Abschluß von mindestens zwei Dritteln des Kieferwachstums ausgegangen werden. Lediglich die kraniofazialen Osteotomien können davon abweichen, weil neurologische Symptome (Anfallsneigung, Hirnentwicklungsstörung) eine Terminverschiebung nicht erlauben.
Prinzipien der Chirurgie am Gesichtsschädel
Nerven- und Blutversorgung des Gesichtsschädels lassen bei genauer Festlegung der Osteotomielinien (beispielsweise durch computerintegrierte Navigation) Bewegungen von Kieferabschnitten oder der gesamten Maxilla im Verbund mit anderen Schädelknochen zu. Dabei können Knochenanteile herausgelöst und verlagert werden (Ostektomie, Knochentransfer). Auch die Kombination mit Beckenkamm-Transplantaten ist zur Auffüllung zu erwartender Defekte möglich. Bei fehlender funktioneller Belastung kommt es hier allerdings auch zu Resorptionserscheinungen. Die Position der Fragmente kann durch Fernröntgen-Bild-Auswertung, 3-DVisualisierung, Imaging, Modellherstellung und Modell-operation bestimmt werden. Komplikationen sind daher selten (Grafik).
Man unterscheidet am Kiefer folgende Osteotomien: komplette Kieferosteotomie, Teilosteotomie, Segmentosteotomien (einzelne Alveolen oder kleinere Gruppen werden von der Kieferbasis getrennt).
So ist es möglich, die gestörte Okklusion und Artikulation zu normalisieren, Kiefergelenkerkrankungen und parodontalen Schäden vorzubeugen. Die kieferorthopädische Therapie begleitet diese Maßnahmen. Eine spezielle Nachsorge dient der Rezidivprophylaxe, weil myofunktionelle Übungen die knöchernen Umstellungen begleiten müssen.
Eingriffe am Oberkiefer und zentralen Mittelgesichtsschädel
Wassmund (1935) beschrieb in Kenntnis der temporären Oberkiefer-Osteotomie nach Langenbeck (1859) die Oberkiefer-Mobilisation in der Le Fort-I-Ebene. Nach den experimentellen Resultaten Bells (1970) wurde dieser Eingriff zur Routinemethode der OberkieferVerlagerung. Dabei kann der Oberkiefer mit seinem Alveolarfortsatz gestielt an den Palatinalgefäßen abgetrennt und in die vorausbestimmte Position verschoben werden. In der neuen Position erfolgt die Fixation der Fragmente mit Hilfe der Titanplatten-Osteosynthese.
Auf Grund der skelettalen und funktionellen Gegebenheiten zur Erzielung von Normwerten im Mittelgesicht sind auch in der Le Fort-II- und Le Fort-III-Ebene Osteotomien möglich. !
Einige wichtige Osteotomieverfahren zeigt die Grafik. Die klinischen Beispiele verdeutlichen die planbaren Resultate (Abbildungen 1 und 2).
Unterkieferaufbau und Unterkieferosteotomie
Ein Beispiel für die ein- oder doppelseitige mandibulofaziale Unterentwicklung ist die Mikrosomie. Ihre funktionellen Folgen durch den hypoplastischen oder fehlenden Kondylus führen ohne Behandlung zur schweren Gesichtsskoliose.
Es hat sich daher eine Kondylus-Ersatzoperation im Alter von 10 bis 12 Jahren bewährt. Bis zu diesem Operationstermin wird kieferorthopädisch die Koordination des Unterkiefers über eine Gelenkregion geführt. Danach erfolgt mit Hilfe einer autogenen Knochentransplantation die Herstellung des Gelenkfortsatzes, der funktionell eine Abstützung des Unterkiefers erlaubt und durch die postoperative kieferorthopädische Therapie eine regelrechte Interkuspitation erreichen läßt. Das klinische Beispiel (Abbildung 3) verdeutlicht unser Vorgehen.
Beschränkt sich die hemifaziale Mikrosomie nur auf die Weichteile (Kondylus und Okklusion sind intakt), stellt sich die Indikation zur Unterfütterung der Wange mit einem mikrovaskulären Omentum-Transplantat, das Volumenstabilität durch autochthone Gefäßversorgung zeigt. Nachfolgendes Beispiel zeigt das Resultat nach mikrochirurgischem Omentumtransfer (Abbildung 6). Handelt es sich um eine traumatisch erworbene Gelenkkopf-Hyperplasie, ist eine Resektion und Rippensegment-Transplantation erforderlich (Abbildungen 5 und 7).
Zur Behebung der Unterkieferfehlstellung bedient man sich unterschiedlicher Osteotomien. Unterschieden werden die totale und segmentale Osteotomie. Die totale Osteotomie kann prinzipiell von intra- oder extraoral ausgeführt werden. Es liegt auf der Hand, daß hier diejenigen Techniken bevorzugt werden, die auf äußere Inzisionen verzichten. Die Osteotomie des Kiefers kann in folgenden Abschnitten ausgeführt werden:
1 Gelenkhals,
1 aufsteigender Unterkieferast,
1 Kieferwinkel,
1 Unterkieferkörper.
In der Abbildung 4 sind verschiedene Möglichkeiten der Osteotomie dargestellt. Die Segmentosteotomie wird im Unterkiefer zwischen dem Alveolarfortsatz und der Unterkieferbasis ausgeführt. Wichtig ist der Erhalt der Blutversorgung von zu verlagernden Alveolarfortsatzsegmenten. Bei ausreichender Blutversorgung lassen sich Knochenverlust und Zahnschädigungen vermeiden. Auch sollte die Osteotomie ausreichend weit unter den Wurzelspitzen der Zähne liegen, um Zahnschädigungen und Vitalitätsverlust vorzubeugen. Als ausreichend wird eine Knochenstärke von sechs bis acht Millimeter unterhalb der Wurzelspitzen angesehen. Zur Vermeidung einer Schädigung des N. alveolaris inferior muß bei einer Osteotomie proximal vom Foramen mentale auch der Verlauf des Canalis mandibularis berücksichtigt werden. Das am weitesten verbreitete Verfahren zur totalen Osteotomie des Unterkiefers ist die sagittale Spaltung des aufsteigenden Unterkieferastes. Diese Operation wurde von Obwegeser (1955) beschrieben und wird heute vorzugsweise in der Modifikation von Dal Pont (1961) angewendet. Die Vorteile dieser Methode sind der intraorale Zugang, die größere knöcherne Kontaktfläche und die Möglichkeit der Korrektur des Kieferwinkels sowie der Länge des Corpus mandibulae. Damit eignet sich das Vorgehen nach Obwegeser, Dal Pont für viele Formen der Dysgnathie, die mit einer Verlängerung des Unterkieferkörpers wie auch mit seiner Verkürzung einhergehen. Ebenso sind Abflachungen des Unterkieferwinkels, wie sie bei den progenen Dysgnathieformen auftreten, mit dieser Methode korrigierbar.
Bei totalen Osteotomien des Unterkiefers muß eine postoperative Immobilisation der Kieferfragmente erfolgen. Dies ist entweder durch dentale Schienungen und intermaxilläre Immobilisation von sechs bis acht Wochen oder bevorzugt mit der funktionsstabilen Osteosynthese möglich. Wir führen seit einigen Jahren die Miniplattenosteosynthese zur postoperativen Fragmentfixierung durch. Diese Technik erlaubt die Reduzierung der intermaxillären Immobilisation auf wenige Tage.
Bimaxilläre Osteotomie
Mobilisationen beider Kiefer werden erforderlich, wenn die Ursachen für die Fehlstellung in Maxilla und Mandibula zu sehen sind. Mit einem entsprechenden Splintsystem werden die Okklusion und Gelenkposition auf den jeweiligen Operationsschritt übertragen, so daß korrekte Fragment-Einstellungen möglich werden.
In der Regel beginnt die Operation mit der Oberkiefer-Osteotomie, Oberkiefereinstellung und Osteosynthese. Es folgt die Unterkiefer-Osteotomie, die mit einer symmetrischen oder asymmetrischen Verschiebung der Fragmente bei stufenförmiger Knochendurchtrennung kombiniert werden kann.
Ausgedehnte Eingriffe mit Knochentransplantationen werden nicht selten mit Eigenbluttransfusionen ausgeführt (Abbildungen 1 und 2).
Syndrome und Kieferfehlstellungen
Spaltbildungen und Kieferfehlstellungen können einerseits isoliert, andererseits als Symptom eines Syndroms auftreten. Tabelle 2 verdeutlicht einige Syndrome mit Spaltbildungen und/oder Fehlstellungen im Kieferbereich.
Die Behandlung wird nach den Kardinalsymptomen ausgerichtet und ist individuell festzulegen. Wachstum und Entwicklung des Gesichtsschädels limitieren die Ausdehnung von "Operationen" am Gesichtsschädel im Säuglings- und Kleinkindesalter. Allgemeine Regeln lassen sich hier nicht aufstellen (Tabelle 2).
Resümee
Kieferfehlstellungen können angeboren sein oder erworben werden. Ober- und Unterkiefer zeigen unterschiedliche Ausprägung von Symptomen. Bei Spaltbildungen beginnen die Operationsprogramme schon im Säuglingsalter. Frühe Vorstellung der Patienten in Zentren, die sich mit kraniofazialen Anomalien beschäftigen, ist daher zweckmäßig. Auch die Kombination mit Hirnschädelfehlbildungen kann frühzeitig operativ behandelt werden. Durch die Aktivität der Wachstumszentren des Mittel- und Untergesichts sind skelettale Eingriffe bei Spalten erst im Vorschulalter und maxilläre oder mandibuläre Osteotomien jenseits des 16. Lebensjahres angezeigt.
Diagnostik, Therapie und Nachsorge verlaufen in enger Verbindung zwischen Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie, Kieferorthopädie und Pädiatrie. Syndrome erfordern an Kardinalsymptomen (Funktionsstörungen) orientierte Programme. Morphofunktionelles Vorgehen im Rahmen der Knochen- und Weichteilchirurgie sichert gute Resultate. Korrektureingriffe sind nicht auszuschließen, weil eine sichere Prognose über Wachstumsvorgänge am Kauschädel auch heute noch nicht im Kleinkindesalter zu stellen ist.


Zitierweise dieses Beitrags:
Dt Ärztebl 1998; 95: A-143-151
[Heft 4]


Literatur
1. Dal Pont G: L’osteotomia retromolare per la correzione della progenia. Minerva chir 1958; 1: 1138.
2. Jörgensen G: Zur Ätiologie der Lippen-, Kiefer- und Gaumenspalten. Med heute 1969; 18: 293-298.
3. Lexer E: Die gesamte Wiederherstellungschirurgie. Leipzig: Joh A Barth Verlag, 1931.
4. Obwegeser JA: Eine neue Operationsmethode zur Osteotomie des gesamten Unterkieferalveolarfortsatzes. Dt Z Mund- u Kiefer-Gesichtschir 1987; 11: 276-277.
5. Schneider G: Klinische Syndrome der Kiefer-Gesichtsregion. Berlin: VEB Verlag Volk und Gesundheit, 1975.
6. Schwenzer N, Grimm G: Spezielle Chirurgie in Zahn-Mund-Kieferheilkunde, Georg Thieme Verlag, Stuttgart, New York 1990; 2: 463-518.
7. Tessier P, Guiot G, Rougerie J, Delbet JP, Pastoriza J: Osteotomies cranio-nasoorbitales hypertelorisme. Ann chir Plast 1967; 12: 103.
8. Wassmund M: Lehrbuch der praktischen Chirurgie des Mundes und der Kiefer. Band 2. Leipzig: Joh A Barth Verlag, 1939; 268.
9. Zisser G: Zur operativen Behandlung der maxilliären Retrusion. Zahnärztl Praxis 1969; 20: 205.


Anschrift für die Verfasser
Prof. Dr. Dr. med. habil. Dieter Schumann
Direktor der Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie/Plastische Chirurgie
Bachstraße 18
07749 Jena

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