ArchivDeutsches Ärzteblatt4/1998Homöopathie: Nicht in der Klemme

SPEKTRUM: Leserbriefe

Homöopathie: Nicht in der Klemme

Jahrmärker, Hans

Zu dem Akut-Beitrag "Homöopathische Präparate: Schulmedizin in der Zwickmühle" von Klaus Koch in Heft 43/1997:
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LNSLNS Das hauptsächliche Bedenken betrifft die Auswahl der analysierten Studien. Von 186 Studien der internationalen Literatur aus den Jahren 1943 bis 1995 wurden 89 Studien mit Teilnehmerzahlen zwischen 1 270 und 5 Patienten der Analyse zugrunde gelegt. 30 der 89 Studien hatten ein positives Ergebnis mit einer Odds ratio, deren Vertrauensbereich die 0-Linie nicht erreichte. Als Kriterium für die Auswahl der Studien ist angegeben: "Doppelblinde und/oder randomisierte Placebo-kontrollierte Studien klinischer Zustände". Dieses "und/oder" bedeutet, daß nicht alle Studien doppelblind durchgeführt waren. 81 der 89 verwerteten Studien hatten zwar ein Doppelblind-Design, aber nur in 34 Fällen war die Zuordnung zu den Therapiearmen wirklich verschleiert (und nur bei 28 waren auch die Ausscheider korrekt berücksichtigt). Auch schließt eine geringe Verdünnung (12 Studien verwendeten D1 bis D4) eine Erkennbarkeit nicht ganz aus (etwa bei Asa foetida D1) und stellt auch keine Homöopathie im strengen Sinne dar. Wenn aber die Patienten wissen, welchem Therapiearm sie angehören, reicht auch eine Randomisierung (erfolgte sie überhaupt immer korrekt erst nach dem informed consent?) nicht aus, um die Erwartungshaltung gegenüber der Verumtherapie auszugleichen, und ein positives Ergebnis ist vorprogrammiert. Damit ist besonders dann zu rechnen, wenn der Patient mit seiner bisherigen Behandlung nicht zufrieden war oder wenn er überhaupt "Naturheilkunde" bevorzugt. Nicht ganz selten werden Studien auch an Institutionen durchgeführt, welche speziell alternative Therapien anbieten und gerade deswegen von den Patienten aufgesucht werden. Zusätzlich kann auch mit aller Vorsicht gefragt werden, ob bei der Entscheidung über die Berücksichtigung einer Studie eine unbewußte Voreingenommenheit ganz undenkbar ist; die Auswahl wurde laut Deklaration von zwei Autoren getroffen, dem Erstautor und einer Doktorandin, die beide einer Arbeitsgruppe angehören, welche sich speziell der komplementären Medizin widmet. Als wesentliche Kritik verbleibt jedenfalls: Die Einbeziehung von Studien, die nicht wirklich doppelblind durchgeführt werden konnten, ist potentiell irreführend.
Gravierend kommt hinzu, daß auch mit einem "publication bias" zu rechnen ist in dem Sinne, daß negativ ausgehende Studien häufiger abgebrochen werden und jedenfalls weit seltener zur Publikation kommen als solche mit positivem Ergebnis. Sponsoren wie Zeitschriften haben an negativen Ergebnissen meist wenig Interesse. Die Autoren glauben, solche Fehler unwahrscheinlich machen zu können anhand der Ergebnisverteilung im Analysediagramm und aufgrund der quantitativen Überlegung, daß dann ein zu großer Teil der Studien betroffen sein müßte, um die Daten zu erklären. Beides erscheint jedoch wenig sicher.
Die vorliegende Metaanalyse schließt nicht überzeugend aus, daß ein Effekt bereits durch wohlbekannte psychologische Mechanismen (sprich Placebo-Effekte) ausreichend erklärt werden kann. Den Bericht von Klaus Koch präzisierend, müssen wir feststellen: Die sogenannte Schulmedizin, die gerade nicht auf Glauben beruht, sondern gegenüber allen Beweisen offen ist, befindet sich mit ihrer Skepsis keineswegs in der Klemme, und "Bauchschmerzen" sind schon gar nicht zu befürchten!
Prof. Dr. med. Hans Jahrmärker, Karl-Valentin-Straße 9, 82031 Grünwald


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