ArchivDeutsches Ärzteblatt5/1998Novellierung des Betäubungsmittelrechts: Die Schmerztherapie wird deutlich erleichtert

POLITIK: Medizinreport

Novellierung des Betäubungsmittelrechts: Die Schmerztherapie wird deutlich erleichtert

Dtsch Arztebl 1998; 95(5): A-197 / B-167 / C-156

Vetter, Christine

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LNSLNS Außerdem einheitliche Standards für die Verschreibung von Substitutionsmitteln für Suchtkranke / Gültig ab 1. Februar
eutliche Erleichterungen bei der Verschreibung von Betäubungsmitteln in der alltäglichen Praxis erwarten die Experten von der 10. Novelle der Betäubungsmittel-Verschreibungs-Verordnung (BtMVV), der am 13. Januar die Bundesregierung zugestimmt hat. Die neue Verordnung tritt damit nach ihrer Veröffentlichung im Bundesgesetzblatt am 1. Februar in Kraft. Sie soll die Verschreibungsmöglichkeiten für Betäubungsmittel dem "neuesten Stand der medizinischen Wissenschaft anpassen und die medizinisch notwendigen Verschreibungen fördern", erklärte Ministerialrat Helmut Butke vom Bundesministerium für Gesundheit in Frankfurt.
Gleichzeitig soll sie den Mißbrauch betäubungsmittelhaltiger Arzneimittel soweit wie möglich ausschließen und dafür sorgen, daß der Besitz und der Verkehr von Betäubungsmitteln ausschließlich auf medizinische Anwendungen beschränkt wird. Die Änderungen für die Praxis schilderten die anwesenden Experten unter Leitung von Prof. Michael Zenz (Bochum) folgendermaßen:
l BtM-Rezepte brauchen nicht mehr handschriftlich ausgefüllt zu werden. Die Rezepte sind über einen PraxisNadeldrucker komplett ausdruckbar, handschriftlich muß lediglich durch den Arzt unterschrieben werden. Damit können erstmals auch andere Personen das Rezept ausfüllen, was den Praxisablauf deutlich vereinfacht. Da nach wie vor Durchschläge des Rezeptes erforderlich sind, funktioniert das Ausdrucken nach Zenz allerdings nur mit einem Nadeldrucker, nicht aber beispielsweise mit einem Laserdrucker. Wird ein solcher in der Praxis genutzt, so kann man sich jedoch mit Kopien behelfen (siehe Abbildung). l Angaben bezüglich Bezeichnung der Darreichungsform sowie Gewichtsmenge, die bereits in der Arzneimittelbezeichnung enthalten sind, müssen nicht mehr zusätzlich aufgeführt werden.
l Im Notfall, beispielsweise beim Hausbesuch, ist nunmehr auch eine Verschreibung von Betäubungsmitteln auf einem Normalrezept oder einfach einem Stück Papier möglich. Die Verordnung muß mit dem Zusatz "NotfallVerschreibung" gekennzeichnet sein. Ein BtM-Rezept kann, markiert mit einem "N", nachgereicht werden.
l Es gibt keine "Tageshöchstmengen" mehr. Die angegebene Verschreibungshöchstmenge, für Morphin beispielsweise 20 000 mg, darf innerhalb von 30 Tagen verordnet werden. Sofern sie nicht überschritten wird, kann die Reichdauer der verschriebenen Medikamente auch 30 Tage überschreiten. Damit können laut Zenz insbesondere Schmerzpatienten, die reisen wollen, besser als bisher versorgt werden. Bei Auslandsreisen sollte ihnen jedoch eine Bescheinigung mitgegeben werden, die bestätigt, daß die Patienten aus medizinischen Gründen Betäubungsmittel mit sich führen, damit diese an der Grenze ausgeführt und bei der Rückreise entsprechend wieder eingeführt werden können.
l Ist im Einzelfall eine Überschreitung der Höchstmenge erforderlich, so entfällt die Anzeigepflicht bei der zuständigen Landesbehörde. Es reicht in solchen Fällen die Kennzeichnung des Rezeptes mit dem Buchstaben "A" für Ausnahme.
l Erkennbare Fehler auf dem BtM-Rezept oder dem Anforderungsschein können vom Apotheker (oder Krankenhausapotheker) korrigiert werden. Auch telefonische Rückfragen sind jetzt möglich.
l Innerhalb von 30 Tagen können nunmehr zwei Betäubungsmittel verschrieben werden, und es ist außerdem die kombinierte Verordnung von zwei Mitteln auf einem Rezept möglich. Dies spielt nach Zenz vor allem dann eine Rolle, wenn verschiedene Darreichungsformen erforderlich sind. l Bei der Nachweisführung besteht künftig Wahlfreiheit zwischen Karteikarten, BtM-Büchern oder Computererfassung mit Ausdruckmöglichkeit.
l Für nicht abhängige Patienten bleiben Dihydrocodein (DHC) und Codein für die Indikationen Husten- und Schmerztherapie weiterhin ohne BtM-Rezept verordnungsfähig.
Computer-Rezept
Für die ärztliche Praxis sind die Neuerungen durchaus positiv zu bewerten, bauen sie doch laut Dr. Wolfgang Sohn, Allgemeinmediziner aus Düsseldorf, Hemmnisse und bürokratische Schwierigkeiten bei der Verordnung von Betäubungsmitteln ab. Die Situation dürfte sich nach seinen Worten zukünftig weiter entschärfen, da schon in wenigen Jahren durch Online-Verordnungen, wie sie derzeit bereits in Dänemark erprobt werden, direkt ein "Computer-Rezept" vom Arzt an den Apotheker übermittelt werden kann. "Dann hat sich das Problem des BtMRezeptes von alleine erledigt", so Sohn.
Wenig erfreut sind die Apotheker von der Novellierung der BtMVV, da bei ihnen kaum ein Abbau der Bürokratie beim Umgang mit den sogenannten Betäubungsmitteln erzielt wurde. So bleiben die Regularien bei der Belieferung, Lagerung und dem Bezug eines BtM-Rezeptes laut Apotheker Martin Wöhler (Braunschweig) weitgehend unverändert und erfordern immer noch einen erheblichen Mehraufwand gegenüber einer normalen Verschreibung. Längere Wartezeiten in der Apotheke werden bei Schmerzpatienten denn auch die Regel bleiben. Nicht weit genug geht die neue Regelung Patientenvertretern wie Rüdiger Fabian, der als Präsident der Deutschen Schmerzhilfe e.V. kritisierte, daß das Verordnen der notwendigen Schmerzmittel nach wie vor an ein spezielles Rezept und damit an bürokratische Hindernisse gebunden bleibt. Die Gesellschaft fordert, daß ausschließlich zur Schmerztherapie gedachte Analgetika in ihrer retardierten Zubereitungsform analog zum Codein und Dihydrocodein im Rahmen der festgelegten monatlichen Höchstmengen von den Vorschriften der BtMVV freigegeben werden.
Denn nach wie vor gibt es, so Fabian, bei der Schmerztherapie eine erhebliche Unterversorgung. So wird die Zahl der Patienten mit chronischen Schmerzen hierzulande auf rund fünf Millionen geschätzt, wobei etwa eine Million Menschen aufgrund stärkster Schmerzen auf eine Behandlung mit Opioiden angewiesen ist. In der Realität erfolgten 1996 laut Fabian aber nur 1,8 Millionen Einzelverordnungen von Medikamenten, die der BtMVV unterliegen. Damit können maximal 100 000 bis 150 000 Schmerzpatienten adäquat versorgt werden. Die Unterversorgung erklärt nach Fabian die mit rund 5 000 Fällen jährlich erschreckend hohe Zahl von Suiziden bei Schmerzpatienten.
Mit der Verordnung erfolgt ferner eine Erweiterung der absoluten Verbotsliste für illegale Drogen und insbesondere Designerdrogen, die als Ecstasy-Zubereitungen in der Rauschgiftszene angeboten werden. Auch werden natürlich vorkommende Betäubungsmittelgemische in Form von Pilzen, Pflanzen und Tieren verboten, ebenso wie speziell gezüchtete Hanfsamen, die für den unerlaubten Anbau bestimmt sind. Neu sind nach Butke darüber hinaus Regelungen für das Verschreiben von Substitutionsmitteln für opiatabhängige Patienten. Zirka 50 000 bis 60 000 der insgesamt in Deutschland auf 100 000 bis 120 000 geschätzten Zahl von Opiatabhängigen erhalten derzeit ein Substitutionsmittel. Dessen Verordnung ist zukünftig nur noch im Rahmen eines Suchtbehandlungskonzepts möglich, so daß das Mittel nicht länger als bloße Ersatzdroge oder gar für die Drogenszene mißbraucht werden kann. Neu ist nach Butke außerdem, daß sowohl Codein und DHC, aber auch das Benzodiazepin Rohypnol bei Betäubungsmittelabhängigen für alle Indikationen nur auf einem Betäubungsmittelrezept und als Substitutionsmittel auch nur in Ausnahmefällen verordnet werden kann.
Substitutionsmittel der Wahl sind künftig, so Butke weiter, Methadon, Levomethadon und LAAM, das hierzulande aber noch relativ selten ein-gesetzt wird. Die Verschreibung eines Substitutionsmittels ist auf dem Rezept mit dem Buchstaben "S" zu kennzeichnen. Um dem Mißbrauch zu begegnen, dürfen Ärzte diese Substanzen nur dann verschreiben, wenn sie auf die Durchführung der im Rahmen des Behandlungskonzeptes erforderlichen psychotherapeutischen und psychosozialen Betreuungsmaßnahmen hinwirken. Andererseits kann der Arzt nach sechs - und nicht wie bisher erst nach zwölf - Monaten darüber entscheiden, wann er dem Patienten einmal pro Woche ein bis zu sieben Tagen (bisher zu drei Tagen) gültiges Rezept aushändigen und ihm damit die eigenverantwortliche Einnahme des Mittels gestatten will. Unter der Verantwortung des Arztes kann das Substitutionsmittel auch durch speziell qualifiziertes Personal oder in bestimmten Einrichtungen wie etwa der Apotheke sowie anerkannten Einrichtungen der Suchtkrankenhilfe verabreicht werden.
Insgesamt wurden laut Butke auf diese Weise trotz eines höheren Schutzniveaus erhebliche Erleichterungen für Ärzte wie auch Patienten geschaffen, und zwar sowohl bei der Substitution als auch bei der Schmerztherapie. Dazu Butke: "Es steht zu hoffen, daß die neue Regelung mehr Ärzte dazu motiviert, vor allem Schmerzpatienten im medizinisch gebotenen Umfang ausreichend mit Schmerzmitteln zu versorgen." Allerdings kann, darauf wies der Bonner Ministerialrat explizit hin, die Novellierung der BtMVV nicht die grundlegenden Mängel der ärztlichen Aus- und Fortbildung beseitigen, die auch nach Auffassung der Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft nach wie vor die vorherrschende Ursache der immer noch vorhandenen Defizite bei der medikamentösen Schmerztherapie sind. Christine Vetter

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