ArchivDeutsches Ärzteblatt22/2011Madagaskar: Ein Chirurg für eine Million

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Madagaskar: Ein Chirurg für eine Million

Emmrich, Julius

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Elson Randrianantenaina ist der einzige Chirurg im Krankenhaus von Ejeda.

Im früheren Missionskrankenhaus von Ejeda fehlt es an nahezu allem, etwa an sterilen Handschuhen, die immer wieder von Blut gereinigt und resterilisiert werden, bis sie für eine Wiederverwendung endgültig zu groß geworden sind. Fotos: Julius Emmrich
Im früheren Missionskrankenhaus von Ejeda fehlt es an nahezu allem, etwa an sterilen Handschuhen, die immer wieder von Blut gereinigt und resterilisiert werden, bis sie für eine Wiederverwendung endgültig zu groß geworden sind. Fotos: Julius Emmrich

Eine junge Mutter hält ihr lebloses Kind in den Armen. In den Haaren des Mädchens schimmert so etwas wie eine Spange. Es ist ein Amulett – Zeichen dafür, dass das Kind von einem Medizinmann „behandelt“ wurde. Es sei keine Seltenheit, erfahre ich von Dr. med. Elson Randrianantenaina, dass Patienten mit solchen Amuletten oder auch Hauteinritzungen in die Klinik kämen, zumeist in einem bereits ausweglosen Stadium ihrer Krankheit. Der Einfluss von traditionellen Heilern ist groß in dieser kargen, abgeschiedenen Region im Süden Madagaskars. Erst wenn sich das Krankheitsbild dramatisch verschlechtere, kämen die Patienten zu ihm, dem einzigen Chirurgen im Krankenhaus von Ejeda. Nur wenigen könne er dann noch helfen, denn die Mittel für eine erfolgreiche Behandlung der Tumorleiden, Infektionen, urologischen Erkrankungen, Traumata, Verbrennungen, den Folgen von Mangelernährung oder von schwierigen Geburten seien begrenzt.

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Die Klinik, die Randrianantenaina seit zehn Jahren leitet, ist aus einem Missionskrankenhaus hervorgegangen. Sie ist für 80 Betten ausgelegt und nicht nur für die 10 000 Einwohner des Städtchens Ejeda zuständig, sondern auch für mehr als eine Million Menschen, die in der umliegenden Savanne leben. Randrianantenaina hat in der Hauptstadt Antananarivo Medizin studiert und dort auch seine Weiterbildung zum Facharzt absolviert. Von amerikanischen Chirurgen ließ er sich fünf Jahre lang auf die Tätigkeit im Busch vorbereiten. Finanziert wurde er dabei von einer amerikanischen Hilfsorganisation, die bis heute sein Gehalt bezahlt. Seine Aufgabe ist es, in dem von Misswirtschaft und Ausfällen geplagten Krankenhaus wieder Ordnung herzustellen und die medizinische Versorgung der Region zu sichern. Dies gelingt ihm mit einem Team von 40 OP-Helfern und Pflegekräften mehr und mehr. Seit kurzem unterstützt ihn ein Allgemeinarzt.

Es ist ein schier unglaubliches Pensum, das Elson Randrianantenaina Tag für Tag leistet – getragen von seinem christlichen Glauben und einem unbedingten Willen zum Helfen. Jeden Morgen schreibt er den OP-Plan für den Tag an eine Tafel.
Es ist ein schier unglaubliches Pensum, das Elson Randrianantenaina Tag für Tag leistet – getragen von seinem christlichen Glauben und einem unbedingten Willen zum Helfen. Jeden Morgen schreibt er den OP-Plan für den Tag an eine Tafel.

Die schlimmsten Missstände in der Klinik sind abgestellt. Randrianantenainas Frau hat das Reinigungspersonal in Hygiene geschult und Mangobäume und Papaya für eine vitaminreiche Ernährung der Patienten angepflanzt. Ein Verpflegungsprogramm für die stationären Patienten ist auf den Weg gebracht. Trotz der einfachen Ausstattung ist die Klinik ein funktionierendes medizinisches Zentrum, zu dem die Einwohner Vertrauen entwickeln.

Im Umland betreibt Randrianantenaina darüber hinaus Projekte zur Verbesserung der Lebensbedingungen. Einen Lehrer, der Kindern Lesen und Schreiben beibringt, bezahlt er von seinem eigenen Gehalt. Außerdem organisiert er Spenden für den Bau und Erhalt von Brunnen und Fahrpisten.

Trotzdem bleibt viel zu tun. Dies zeigte uns ein Besuch vor Ort. Drei Jahre nach unserem ersten Kontakt war es Anfang März so weit: Gemeinsam mit Dr. med. Robin Wachowiak und Dr. med. Wilma Beyen flog ich nach Madagaskar. In Ejeda warteten mehr als 100 Patienten auf uns: Kinder mit ihren Eltern, viele aus weit entfernten Dörfern. Manche hatten tagelange Reisen auf einem Ochsenkarren hinter sich. Sie standen in einer Schlange, bis weit auf den Vorplatz des Krankenhauses hinaus. Mehr als 50 sonst in Ejeda nicht durchführbare Operationen bewältigte unser Team während des achttägigen Aufenthaltes. Im Gepäck hatten wir Instrumente, Medikamente und einige gebrauchte Geräte für den Operationssaal. Private Spender, niedergelassene Kollegen und zwei Leipziger Krankenhäuser hatten unser Projekt unterstützt.

Wir nehmen einen bedrückenden Eindruck des Notstands mit nach Hause. Für die Diagnostik stehen dem Krankenhaus ein einziges Ultraschallgerät und ein rudimentäres Labor zur Verfügung. Das Röntgengerät ist defekt. Auch das OP-Team muss mit diversen Schwierigkeiten zurechtkommen. Stromausfälle sind die Regel. Um ausreichend Licht zu haben, wird dann tagsüber bei offener OP-Tür operiert. Magisch angezogen vom Geruch des jodhaltigen Desinfektionsmittels stürzen gelegentlich fliegende Käfer in offene Wunden.

Sauerstoff ist vorhanden, ein maschinelles Beatmungsgerät aber nicht. Deshalb müssen Patienten während der Operationen per Hand beatmet werden. Das Absaugen übernimmt ein Pfleger mit dem Fußpedal. Vor zwei Monaten wurde auch noch der Brunnen des Krankenhauses durch einen Sturm schwer beschädigt. Seitdem fehlt es an fließendem Wasser. Auch sonst fehlt es an nahezu allem.

2012 wollen wir erneut, möglichst mit weiteren ärztlichen Spezialisten, nach Ejeda reisen. Auch dann wollen wir vor allem mit medizinischer Behandlung helfen, zugleich aber einen Beitrag zur Fortbildung des dortigen Personals leisten. Herzlich willkommen ist jeder, der dieses zweite Madagaskar-Projekt oder das Krankenhaus in Ejeda finanziell oder mit medizinischen Geräten unterstützen möchte.

Julius Emmrich
julius.emmrich@web.de

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