ArchivDeutsches Ärzteblatt22/2011Körperbilder: Paul Cézanne (1839–1906) – Harmonie von Mensch und Natur

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Körperbilder: Paul Cézanne (1839–1906) – Harmonie von Mensch und Natur

Schuchart, Sabine

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Anfang des 20. Jahrhunderts trugen zwei Schwestern aus Baltimore eine der bedeutendsten Kunstsammlungen der Welt zusammen: die Cone Collection, heute Aushängeschild des Baltimore Museum of Art. Seit 1902 reisten Claribel und Etta Cone regelmäßig nach Paris und erwarben von damals noch wenig bekannten Künstlern Gemälde, die sie zu Hause in ihren Wohnungen aufhängten. „Die Bilder bedeckten jeden freien Zentimeter an den Wänden, bis hin zum Badezimmer. Sie kauften nur, was sie wirklich mochten, und liebten jedes einzelne Werk, das sie erworben hatten“, erinnerte sich Edward T. Cone nach einem Besuch der mit Avantgardekunst voll gestopften Apartments seiner Tanten.

Paul Cézanne, „Les Baigneurs“, 1898–1900, Öl auf Leinwand, 27 × 46,1 cm: Figur und Landschaft verschmelzen zu einer Einheit, wenn Cézanne seine Badenden am Ufer eines Flusses zwischen Bäumen und Sträuchern gruppiert. Das transzendente, ins Violett gehende Blau des Himmels und das Ockergelb des Bodens bis hin zum lichten Grün der Blätter verwendet er auch zur Kolorierung der nackten Männerkörper. Die langgestreckten androgynen Leiber sind kaum von den hohen Stämmen der sich im Wind wiegenden Zypressen zu unterscheiden. Die Szene drückt Harmonie und Ordnung aus, das Gleichgewicht von Mensch und Natur ist perfekt. ©The Baltimore Museum of Art: The Cone Collection; Foto: Mitro Hood
Paul Cézanne, „Les Baigneurs“, 1898–1900, Öl auf Leinwand, 27 × 46,1 cm: Figur und Landschaft verschmelzen zu einer Einheit, wenn Cézanne seine Badenden am Ufer eines Flusses zwischen Bäumen und Sträuchern gruppiert. Das transzendente, ins Violett gehende Blau des Himmels und das Ockergelb des Bodens bis hin zum lichten Grün der Blätter verwendet er auch zur Kolorierung der nackten Männerkörper. Die langgestreckten androgynen Leiber sind kaum von den hohen Stämmen der sich im Wind wiegenden Zypressen zu unterscheiden. Die Szene drückt Harmonie und Ordnung aus, das Gleichgewicht von Mensch und Natur ist perfekt. ©The Baltimore Museum of Art: The Cone Collection; Foto: Mitro Hood

Zu den von den Baltimorer Damen mit bemerkenswertem Sachverstand ausgewählten Arbeiten gehörten neben Bildern unter anderem von Matisse, Picasso und van Gogh auch „Die Badenden“ von Paul Cézanne, die dieser um 1900 gemalt hatte. Cézannes Akte galten damals gemeinhin als hässlich, unförmig, gar bestialisch. Lediglich in Künstlerkreisen ahnte man schon die überragende Bedeutung des Kollegen, der durch seinen experimentellen Umgang mit Abstraktion und Perspektive zum Wegbereiter der Moderne werden sollte. In den „Baigneurs“ stellte er nackte Körper in die arkadische Natur seiner Heimat Aix-en-Provence, deren Geschlecht trotz des eindeutig männlichen Bildtitels ambivalent ist. Es sind anonyme Einzelwesen ohne Persönlichkeit, deren formale Gestalt dem Maler wichtiger war als ihre Individualität. Denn Cézanne wollte auf der Leinwand ein harmonisches Gefüge aus Proportionen, Rhythmik und Farben schaffen und damit die sichtbare Welt mit den Mitteln der Kunst neu erfinden. Von der traditionell-ästhetisierenden Abbildung realer Körper hatte sich der Rebell längst verabschiedet. Ohnehin malte er diese meist aus der Erinnerung, da er die Konfrontation mit nackten Modellen scheute.

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Seine androgynen, skulpturalen Gestalten erlauben aufgrund ihrer künstlerischen Perfektion anatomische Abweichungen und sind nicht gängigen Formeln von Schönheit unterworfen. Dieses Konzept verfolgte Cézanne bis zu seinem Tod mit unerbittlicher Konsequenz: Circa 200 Versionen der Badenden schuf er in drei Jahrzehnten und verließ mit jedem neuen Bild mehr den Boden der Tradition. Sabine Schuchart

Ausstellung

„Matisse, Picasso, and the Parisian Avant-Garde“

The San Francisco Museum of Modern Art, 151 Third Street, San Francisco (USA); www.sfmoma.org; Mo./Di. und Fr.–Sa. 11–17.45 Uhr, Do. 11–21.45 Uhr; bis 6. September 2011

1.
Michael Doran (Hrsg.): „Gespräche mit Cézanne“, Taschenbuch, 288 Seiten, Diogenes, 1991, 9,90 Euro.
2.
„Paul Cézanne“: 3 Dokumentarfilme, DVD, 108 Minuten, Absolut Medien/Arte Edition, Neuauflage: 1. Juli 2011, 14,90 Euro.
1.Michael Doran (Hrsg.): „Gespräche mit Cézanne“, Taschenbuch, 288 Seiten, Diogenes, 1991, 9,90 Euro.
2.„Paul Cézanne“: 3 Dokumentarfilme, DVD, 108 Minuten, Absolut Medien/Arte Edition, Neuauflage: 1. Juli 2011, 14,90 Euro.

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