ArchivDeutsches Ärzteblatt22/2011Sexueller Kindesmissbrauch: Psychotherapie und Entschädigung

POLITIK

Sexueller Kindesmissbrauch: Psychotherapie und Entschädigung

Bühring, Petra

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Die Unabhängige Beauftragte für die Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs legt nach einjähriger Arbeit ihre Empfehlungen vor. Gefordert ist nun die Politik.

Mehr und spezifischere Psychotherapie und Beratung für Betroffene stehen gleich an erster Stelle der Empfehlungen, die die Unabhängige Beauftragte zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs fordert. Dazu gehören die Integration von traumatherapeutischen sowie kreativ- und körpertherapeutischen Methoden, die nicht von den Kassen bezahlt werden. „Die Betroffenen berichteten uns immer wieder, dass ihnen diese Methoden sehr geholfen haben“, betonte Dr. med. Christine Bergmann bei der Vorstellung ihres Abschlussberichts Ende Mai in Berlin. Die Bundesfamilienministerin a. D. war im März 2010 von der Bundesregierung mit der Aufarbeitung beauftragt worden, nachdem Fälle von sexuellem Kindesmissbrauch an Jesuitenkollegs, dem Kloster Ettal und der Odenwaldschule in ungeahntem Ausmaß bekannt wurden. Das Deutsche Ärzteblatt berichtete in Heft 38 und 41/2010.

„Wir haben unseren Auftrag ernst genommen und unser Bestes gegeben“, betonte Christine Bergmann. „Wir hoffen, dass die Bundesregierung die Empfehlungen nun umsetzt.“ Foto: dapd
„Wir haben unseren Auftrag ernst genommen und unser Bestes gegeben“, betonte Christine Bergmann. „Wir hoffen, dass die Bundesregierung die Empfehlungen nun umsetzt.“ Foto: dapd
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Notwendig seien des Weiteren eine bessere psychotherapeutische Versorgung auf dem Land, spezielle Angebote für Männer, Migranten und ältere Menschen. Die Stundenkontingente in der Regelversorgung sollten für komplex Traumatisierte erweitert werden; die Aus-, Weiter- und Fortbildung für Psychologische Psychotherapeuten und Ärzte zum Thema sexueller Missbrauch ausgebaut werden. „Wir schlagen ein auf Missbrauch spezialisiertes therapeutisches Ambulanzmodell vor“, erklärte Prof. Dr. med. Jörg Fegert, Ulm, der die wissenschaftliche Begleitforschung übernommen hat. Eine solche Ambulanz soll die „zeitnahe und passgenaue Versorgung“ der Betroffenen ermöglichen. Außerdem sollen Beratungsstellen ausgebaut und ein rechtlicher Anspruch auf Fachberatung festgelegt werden.

Ausgewertet wurden für die Empfehlungen circa 15 000 Anrufe und Briefe von Betroffenen, die bei der vor einem Jahr eingerichteten Anlaufstelle der Missbrauchsbeauftragten ankamen. Außerdem gingen die Ergebnisse einer Online-Befragung von 2 000 Psychologischen Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten ein, eine Studie des Deutschen Jugendinstituts e.V. (DJI) zu sexueller Gewalt in Institutionen sowie Expertisen von Beratungsstellen.

Bei der Anlaufstelle haben sich mit 63 Prozent überwiegend Frauen gemeldet, meist Betroffene, aber auch Angehörige. Das Durchschnittsalter lag bei 40 Jahren. In mehr als 60 Prozent der Fälle handelte es sich um wiederkehrende Taten. Die Täter waren überwiegend Männer. Frauen waren häufiger Opfer im familiären Kontext, Männer dagegen in Institutionen. Das DJI fand heraus, dass 62 Prozent der Übergriffe in kirchlichen Institutionen stattfanden und dass ein Täter meist mehrere Kinder missbrauchte. Unter den Patienten der befragten Psychotherapeuten waren zu 22 Prozent von Missbrauch Betroffene, von denen 84 Prozent den Missbrauch in der Familie erlitten und zehn Prozent in Institutionen.

Die Empfehlungen umfassen außerdem:

  • ein „Hilfemodell Rehabilitation“ für verjährte Fälle, bei dem die Therapiekosten bei Missbrauch in Institutionen die Einrichtung übernehmen soll, in anderen Fällen der Bund
  • eine Entschädigung gemäß gerichtlicher Schmerzensgeldtabelle, die die Institutionen Betroffenen in bereits verjährten Fällen zahlen sollen; die Anträge überprüft eine unabhängige Clearingstelle
  • eine Reform des Opferentschädigungsgesetzes, die Betroffenen von inbesondere familiärem Missbrauchs zugutekommt
  • eine Verlängerung der zivilrechtlichen Verjährungsfrist auf 30 Jahre statt bisher drei; gelten soll diese frühestens ab dem 21. Lebensjahr
  • die Einführung von Mindeststandards für Institutionen, wie ein erweitertes Führungszeugnis auch für ehrenamtliche Mitarbeiter
  • die Berücksichtigung der DDR-Heimkinder bei Hilfemodellen und eine Aufarbeitung der Thematik.

Die Empfehlungen werden am 6. Juni dem runden Tisch „Sexueller Kindesmissbrauch“ vorgelegt, der die Umsetzung in die Wege leiten soll. Bis Oktober wird die Missbrauchsbeauftragte noch im Amt sein, und die telefonische Anlaufstelle (kostenfreie Hotline: 0800 2255530) wird fortgeführt. Die Hilfe für die Betroffenen muss weitergehen.

Petra Bühring

@Der Abschlussbericht als Download: www.beauftragte-missbrauch.de

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