ArchivDeutsches Ärzteblatt3/1996Internate: Locken mit Luxus

VARIA: Bildung und Erziehung

Internate: Locken mit Luxus

Driesen, Oliver

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Der Markt ist eng, der Konkurrenzkampf wächst. Die Internate müssen mehr bieten, um die immer wählerischeren Schüler anwerben zu können. Wurden traditionell gerade an elitären Instituten Tugenden wie Pflichtbewußtsein und Verzicht vermittelt, klingen Werbeprospekte nun wie das Leistungsangebot des Club Méditerranée. Der Trend zum Schönen und Teuren geht zu Lasten finanzschwächerer Eltern.
Der Schultag auf Schloß Salem beginnt mit preußisch-enthaltsamem Drill: Morgenlauf im "Schulanzug", Appell um zehn vor neun bei der Zimmerführerin. Dabei zu spät angetreten? Ein "Pünktlichkeitsminus" ist die Strafe; weil es das dritte "Pümi" ist, setzt es ein "Ex", und sollte noch ein Ex hinzukommen, ist als Sühne Werkarbeit in der Küche fällig.

"Salem 2000"
Diese spartanische Szene liegt Jahrzehnte zurück, und obwohl es den Schauplatz, das Elite-Internat Schloß Salem, immer noch gibt, findet am Bodensee Revolutionäres statt. Am nördlichen Rand der Kurstadt Überlingen gönnt sich das Traditions-Institut für satte 44 Millionen DM einen Neubau, in dem es an Annehmlichkeiten nicht mangeln wird. Ausgelöst hat den Modernisierungs-Rausch ein Gutachten der amerikanischen Unternehmensberatung Bain & Company, das Salem eine rosige Zukunft voraussagte.
Manchem behagt das gar nicht, so etwa dem Enkel des Internatsgründers, dem jetzigen Prinzen von Baden. Er erkennt im modernen "Salem 2 000", das zudem demokratische Mitwirkung der Schüler fördert, das spartanische Erziehungsideal der frühen Jahre nicht mehr wieder. Und auch Ulrich Lange, Geschäftsführer der Zentralstelle für Internatsberatung im hessischen Grünberg, sieht auf das deutsche Internatswesen eine Welle des bedenkenlosen Luxuskonsums zukommen: "Es gibt schon Internate", warnt Lange, "da wird das Essen dezent von dienstbaren Geistern serviert, und die Schüler kennen das soziale Training eines Küchendienstes nicht mehr."


Konkurrenzkampf
Werbeprospekte der Privatschulen lesen sich heute wie Steckbriefe eines Fünf-Sterne-Hotels mit Animationsprogramm für Anspruchsvolle: "Wo einst in einem Wirtschaftshof Kühe und Schweine zu Hause waren, wurde mit großen Investitionen ein Domizil für die Musen geschaffen", wirbt etwa das Landschulheim am Solling. Nicht nur das Doppel-Internat Schloß Hohenwerda und Schloß Bieberstein hält es für obligat, seinen Schützlingen "Golf und Segelflug" zu bieten – auf der Angebotspalette der bis zu 4 000 DM pro Monat teuren Institute ist das eher die Regel als die Ausnahme. Schloß Wittgenstein in Bad Laasphe setzt noch die private Reitschule und Fechtunterricht obendrauf.
Hintergrund der nach oben offenen Skala von Annehmlichkeiten, die das Schülerleben versüßen sollen: Es tobt ein Konkurrenzkampf der Internate im mittleren Preissegment von circa 1 500 bis 2 500 DM Monatsbeitrag. Während die sehr preisgünstigen, meist kirchlichen Häuser zu Preisen teils unter 1 000 DM ihre feste Kundschaft haben und andererseits die traditionsreichen Top-Adressen wie Salem durch die Elite mit dem "alten Geld" dauerhaft ausgebucht sind, spürt der Internats-Mittelstand jede Delle in der Konjunktur-Kurve wie einen Ritt auf der Guillotine.
Das Internatesterben der letzten 20 Jahre hat dafür gesorgt, daß es heute mit rund 350 Instituten in Deutschland nur noch halb so viele gibt wie um 1975 – und das trotz des "hinzugekommenen" Bestandes der Ex-DDR. Zwar sieht Internats-Berater Lange "seit drei, vier Jahren wieder einen Aufwärtstrend", aber Neugründungen sind selten wie die Nadel im Heuhaufen – zu unsicher die Zeiten.
In diesem Verteilungskampf muß bei allen Aspekten des Anstalts-Lebens immer wieder nachgelegt werden: bessere Qualifikation des Lehrkörpers, aktuellerer Technologie-Bestand, differenzierterer Fächer-Kanon. Und eben gehobenere Wohnatmosphäre. An Tagen der offenen Tür und zu "Schnupperkursen" strömen Eltern und Nachwuchs durch die Gebäude, die selbstverständlich in "landschaftlich reizvoller Umgebung" zu liegen haben. Da Kids von heute bisweilen leicht bei ihren materialistischen Ansprüchen zu packen sind, bleiben deren ersten Eindrücke oft nicht ohne Wirkung auf die elterliche Internats-Entscheidung. "Man kann sich von sowas beeindrucken lassen", meint Beratungslehrer Günther Mieth von der Münchner Euro-Internatsberatung, "wenn man eine neureiche Einstellung hat." Als Laufbahn-Experte allerdings, da ist er sich mit seinem hessischen Kollegen Lange einig, müsse man hier strikt gegensteuern: "Wir raten allen Eltern, die das geeignete Internat suchen, zunächst auf die pädagogische Qualität und das soziale Umfeld zu achten. Luxus ist sekundär."
Die Schattenseite der kollektiven Ausstattungs-Offensive: Sie heizt den Preisschub weiter an, der auf dem Internate-Markt zu beobachten ist. "Noch vor fünf Jahren", weiß Berater Lange, "lag der Durchschnittspreis 500 DM im Monat niedriger als heute." Statistisch nicht erfaßt – aber naheliegend – ist, daß dadurch viele Eltern in das "Unterer-Mittelstands-Loch" fallen und auf einen Internatsplatz für ihr Kind verzichten müssen. Dabei zeigen Ausnahmen, daß ein preisgünstiger Internatsbesuch durchaus nicht mit Enthaltsamkeit einhergehen muß – wie ausgerechnet ein katholisches Internat beweist. In Büren bei Paderborn gelegen, zur unteren Preiskategorie zählend, bietet es seinen Zöglingen ab Klasse 8 ein Einzelzimmer. Oliver Driesen

Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote