ArchivDeutsches Ärzteblatt6/1998Humanitäre Hilfe: Helfen wollen reicht nicht

THEMEN DER ZEIT: Tagungsberichte

Humanitäre Hilfe: Helfen wollen reicht nicht

Dtsch Arztebl 1998; 95(6): A-276 / B-220 / C-208

Kloppenborg, Josef

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LNSLNS Mit Theorie und Praxis der humanitären Hilfe beschäftigte sich ein dreitägiger Kongreß in Berlin, zu dem das Auslandsbüro der Ärztekammer Berlin eingeladen hatte.
Michael Krawinkel, von der Arbeitsgemeinschaft Tropenpädiatrie der Universitätsklinik Kiel, stellte eine Problematik dar, die auch Motivation für den Kongreß, den ersten seiner Art, gewesen ist: Die politischen Katastrophen in vielen Teilen der Welt haben in Deutschland unter anderem dazu geführt, daß Hilfsorganisationen teilweise wahllos Ärzte und Ärztinnen, in einigen Fällen sogar Medizinstudentinnen und studenten angeworben haben, um sie in Katastrophengebieten einzusetzen. Die Leistungsfähigkeit solcher Helfer, aber auch mancher Organisationen, ließ zu wünschen übrig.
Helfersyndrom ist keine
Qualifikation für Nothilfe
Die Motivation, sich Menschen in Not zuzuwenden, ist, so Krawinkel, keine hinreichende Qualifikation für einen Einsatz im Rahmen von Hilfsprogrammen. Erst recht ist das Motiv, aus zwischenmenschlichen Beziehungen zu flüchten und einen persönlichen Neubeginn zu versuchen, keine erfolgversprechende Basis. Erforderlich seien vielmehr spezielle Qualifikationen: einerseits die Fähigkeit, die Gesundheitsprobleme des Einsatzortes unter den Bedingungen der Armut zu erkennen, andererseits die Bereitschaft, die eigene Bedeutung in der Zusammenarbeit mit anderen zu relativieren.
Dementsprechend hielt der Kongreß für die mehr als 300 meist jüngeren Teilnehmer ein breitgefächertes Informationsangebot bereit, das einen Eindruck von den erforderlichen Kenntnissen vermittelte. Es umfaßte neben der tropenmedizinischen Fortbildung mit Fragen zu Diarrhö, AIDS/HIV, Tuberkulose und Malaria auch Darstellungen ärztlicher Tätigkeit unter einfachen Bedingungen, beispielsweise in Chirurgie, Gynäkologie und Anästhesie.
Die Vorstellung von Projekten, die Hilfsorganisationen in der Vergangenheit durchgeführt haben, verdeutlichte das breite Spektrum von medizinischer Nothilfe. So schilderte eine Vertreterin des Deutschen Roten Kreuzes die Verwendung medizinischer Module am Beispiel eines Einsatzes in Tansania. Die Deutsche Ärztegemeinschaft für medizinische Zusammenarbeit (DÄZ) stellte ein Medikamentenhilfsprojekt für Krankenhäuser und Heime in Bulgarien vor. Caritas International, Missionsärztliche Klinik Würzburg, berichtete über ihr "Konzept der Katastrophenhilfe über Partnerstrukturen" am Beispiel der Bekämpfung der Schlafkrankheit in Angola. "Ärzte ohne Grenzen" erläuterten "Emergency Public Health" anhand eines Projektes in Burundi. Das Komitee Cap Anamur berichtete über die "Strukturierung medizinischer Nothilfe" anhand einer Analyse der Erfahrungen mit einem Krankenhausprojekt in Ruanda. Der Deutsche Entwicklungsdienst (DED) stellte die Förderung des Distrikt-Gesundheitswesens durch eine Organisation der Entwicklungszusammenarbeit in Tansania zur Diskussion. Und Oxfam schilderte die Bereitstellung von sauberem Trinkwasser sowie die Organisation basishygienischer Maßnahmen.
Ansätze und Methoden der Hilfe sind bei den verschiedenen Hilfsorganisationen recht unterschiedlich. Zwischen den Organisationen herrscht nicht nur Konkurrenz, die qualitätsfördernd sein könnte, sondern auch Rivalität. Grund dafür sei nicht zuletzt die Abhängigkeit von Spendengeldern, sagte Dr. Gundula Graack von "Ärzte ohne Grenzen".
Dementsprechend unterschiedlich sind auch die Anforderungsprofile für Einsatzbewerber in den einzelnen Organisationen. Wer für die eine Organisation bereits im Einsatz war, ist damit für die andere Organisation längst nicht qualifiziert. Elgin Hackenbruch von "Ärzte ohne Grenzen" berichtete, daß seit März 1997 ein von mehreren Hilfsorganisationen getragener Arbeitskreis "Interdisziplinärer Grundkurs humanitäre Hilfe" besteht. Der Arbeitskreis bemüht sich, ein gemeinsames Ausbildungskonzept zu entwickeln, und will im Herbst 1998 einen ersten Grundkurs durchführen. Die Entwicklung eines Aufbaukurses ist ebenfalls geplant.
Über die Schadensfeststellung und Koordination der internationalen Katastrophenhilfe vor Ort berichtete Prof. Dr. Bernd Domres von der Deutschen Gesellschaft für Katastrophenmedizin. Danach haben die Vereinten Nationen seit Anfang der neunziger Jahre neue Instrumente zur Verbesserung von Effektivität und Effizienz der Katastrophenhilfe entwickelt. Hierzu gehört das "Department of Humanitarian Affairs" als Einrichtung der UN. Das Department hat Standards der Struktur- und Prozeßqualität sowohl für die internationalen Einsatzteams als auch für die von den Katastrophen betroffenen Länder aufgestellt. Sie werden ergänzt durch den ethischen "Code of Conduct" des Deutschen Roten Kreuzes und der Nicht-Regierungsorganisationen.
Daß humanitäre Hilfe auch ihre Schattenseiten hat, verdeutlichte Hurand Knaup, Autor des Buches "Hilfe, die Helfer kommen". Seine fünf provokanten Thesen lauten: Humanitäre Hilfe dient als Deckmäntelchen für ein Versagen der Politik; sie läßt sich von der Politik instrumentalisieren; sie ist nicht neutral, sondern ergreift Partei; sie unterstützt in der Regel bestehende politische Systeme; sie verlängert kriegerische Konflikte und zerstört gewachsene Strukturen. Der afrikanische Arzt Dr. Matomora Matomora wies darauf hin, daß die Vertreter der Hilfsorganisationen aus der sogenannten ersten Welt in den Einsatzgebieten nicht nur als selbstlose Helfer, sondern auch als Vertreter des Systems gesehen werden, aus dem sie kommen. Mit diesem System ist die Lieferung von Landminen ebenso verbunden wie die Armut in den sogenannten Entwicklungsgebieten und die sich daraus ergebenden Kriege. Matomora forderte, daß sich die Helfer als Gastarbeiter verstehen und sich entsprechend verhalten. Zudem setzte er sich dafür ein, die lokalen Strukturen zu stärken.
In einer Abschlußdiskussion wurde vor allem auf die Schwierigkeit verwiesen, den Arbeitsplatz in Deutschland für die Zeit nach der Rückkehr aus dem Kriseneinsatz zu sichern. Auch die Anrechnung von Hilfseinsätzen auf die Weiterbildung ist ein Problem. Damit soll sich ein zweiter Kongreß beschäftigen, der für 1998 geplant ist. Zum Schluß richteten die Kongreßteilnehmer einen Appell an die Bundesregierung, sich auf internationaler Ebene für die Unterzeichnung der Internationalen Konvention gegen Landminen einzusetzen.
Josef Kloppenborg
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