ArchivDeutsches Ärzteblatt13/1996Anthroposophie und Naturwissenschaft: Die Mistel im Spagat

THEMEN DER ZEIT: Kommentar

Anthroposophie und Naturwissenschaft: Die Mistel im Spagat

Gabius, Hans-Joachim; Gabius, Sigrun

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Basis für die Anwendung der Mistel in der Krebsbehandlung ist das anthroposophische Gedankengebäude zur Menschen- und Naturerkenntnis, das von Rudolf Steiner intuitiv als in sich geschlossenes System formuliert wurde. Die kosmische Urverwandtschaft, die zwischen den Naturreichen und den vier Leibesgliedern des Menschen (physischer Leib, Ätherleib, Astralleib, Ich-Leib) bestehen soll, und die geistig-lichthafte Qualität der Mistel motivierten ihn, sie als das zukünftige Heilmittel der Krebskrankheit zu bezeichnen. Stoffliche Eigenschaften und die Zubereitung des Heilfaktors, der nicht symptomatisch auf der Ebene des physischen Leibes ansetzen soll, sind nicht präzisiert.
Steiners anthroposophische Erkenntnisfindung ist geleitet von seiner Begabung zur Intuition, die die höchste Stufe der Erfassung der geistigen Welt darstellt und Imagination und Inspiration übertrifft. Sie grenzt sich somit fundamental von der wissenschaftlichen Empirie, dem "bloßen Probieren und Experimentieren", ab.
Der Freiraum für subjektive Interpretationen und das gültige Arzneimittelrecht mit seinem Sonderstatus für Anthroposophika ermöglichen es, unter Berufung auf die Anthroposophie Präparate aus unterschiedlichen Produktionsverfahren ohne präzise stoffliche Charakterisierung kommerziell erfolgreich anzubieten. Umfangreiche Literaturanalysen können den Anspruch auf Wirksamkeit nicht belegen. Der gleichartige Indikationsanspruch trotz fehlender stofflicher Identität legte nahe, im Sinne Steiners ideelle Prinzipien als Wirkfaktor zu postulieren. Infolgedessen haben sich Mistelpräparate bisher einer Fachdiskussion entzogen.
Mittlerweile finden sich in den Werbeaussagen verschiedener Hersteller jedoch zunehmend Hinweise auf die mögliche Bedeutung einzelner Inhaltsstoffe. Dadurch wird die seit langem bestehende scharfe Trennlinie zwischen anthroposophischer Weltanschauung und naturwissenschaftlichen Grundsätzen verwischt. Wenn bei einem anthroposophischen Mittel eine pharmazeutisch-pharmakologische Terminologie einbezogen und Substanzen für die reproduzierbare Dosierung benannt werden, hat das zur Folge, daß eine klinische Prüfung nach den gängigen Kriterien der wissenschaftlichen Forschung konsensfähig ist. Gleichfalls ist zu prüfen, ob unter diesen Voraussetzungen für Mistelpräparate, die den "besonderen Therapierichtungen" zugerechnet werden, weiterhin die erleichterten Zulassungsbedingungen gelten können.
Die beschriebene Entwicklung ist begrüßenswert. Nunmehr können die Komponenten von Extrakten für die Produkte verschiedener Hersteller standardisiert werden, obwohl dies keine Voraussetzung für die Zulassung der Präparate war. Ob die Erweiterung der Palette des Marktführers um ein "Spezial"-Präparat mit gleichbleibendem Gesamtlektingehalt auf der Basis klinischer Daten oder eingehender Zielgruppenanalyse erfolgte, bleibt offen. Auch wenn noch keine Einzelangabe zu diesen immunologisch unterschiedlich aktiven Proteinen gemacht wurde, ist in jedem Fall ein wichtiger Schritt getan, um zu prüfen, ob die Mistel außerhalb der Anthroposophie einen Platz in der Tumorbehandlung finden könnte. Die Behauptung einer "umfassenden Wirkung des Extraktes als Ganzes im Gegensatz zur Giftigkeit isolierter Komponenten" für ein anderes Präparat ist wissenschaftlich nicht haltbar, so daß die begonnene wirkstoffbezogene Prüfung nach rationalen Gesichtspunkten zu isolierten Wirkstoffen führen wird.
Die Angabe von Wirkstoffen, die den Weg zur naturwissenschaftlichen Überprüfbarkeit öffnet, ermöglicht nun den (im Sinne der Rechtsprechung des Bundessozialgerichts) statistisch signifikanten Nachweis der behaupteten Wirksamkeit bei "allen Tumorarten". Zu beachten ist bei dieser Fragestellung, ob sich wirkstoffbedingte Immunmodulation, beispielsweise Erhöhung der Zytokinfreisetzung, negativ auswirken kann (primum non nocere). Die Veränderung von Immunparametern ist potentiell ambivalent, was den experimentellen Ausschluß einer Stimulation des Tumorwachstums in vivo erforderlich macht. So ist beispielsweise Interleukin-6 ein Wachstumsfaktor unter anderem für B-Zell-Neoplasien. Dieser Befund widerspricht den Anwendungsempfehlungen und führt zu der Frage, ob eine mögliche Gefährdung des Patienten auf der Basis von Studienresultaten definitiv ausgeschlossen werden kann.
C. Werning faßt die bedenkenswerte Kritik an ungenügend geprüften Methoden zusammen: "Es ist meines Erachtens ethisch nicht vertretbar, den Patienten – nicht selten aus wirtschaftlichen Gründen – Methoden anzubieten, deren Wirkungen nicht bewiesen sind, deren Nebenwirkungen nicht unterschätzt werden dürfen und deren Kosten oft unverhältnismäßig hoch sind." In diesem Sinne ist zu hoffen, daß sich die langsam abzeichnende Rationalisierung bei den Mistelpräparaten, beispielsweise durch Versuche zur Produktnormierung und die Arbeit an isolierten Wirkstoffen, als beispielhaft für andere unkonventionelle Methoden erweist.


Anschrift der Verfasser:
Prof. Dr. rer. nat. Hans-Joachim Gabius
Institut für Physiologische Chemie
Tierärztliche Fakultät
Ludwig-Maximilians-Universität
Veterinärstraße 13
80539 München


Dr. med. Sigrun Gabius
Hämatologin/Onkologin
Internistische Praxisgemeinschaft
Sternstraße 12
83022 Rosenheim

Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote