ArchivDeutsches Ärzteblatt13/1996Alltag in einer Jerusalemer Klinik: Lernen, mit der Realität zu leben

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Alltag in einer Jerusalemer Klinik: Lernen, mit der Realität zu leben

Marnach, Barbara

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LNSLNS Wenn man in Jerusalem nach dem Weg zur Hadassah-Klinik fragt, dann kommt es nicht selten zur Verwirrung. Denn in der Stadt gibt es unter demselben Namen gleich zwei Krankenhäuser. Die große Hadassah-Klinik in En Kerem ist vielen durch die Chagall-Fenster der Krankenhaus- synagoge als Touristenattraktion bekannt. Sie liegt etwas außerhalb von Jerusalems City im Westen. Mit 700 Betten ist sie das größte Krankenhaus der Stadt, ein Haus der Spitzenversorgung von internationalem Rang, in das Patienten aus dem ganzen Land und auch aus anderen Staaten des Nahen Ostens eingeflogen werden. Hier liegen zur Zeit auch die meisten Opfer der Jerusalemer Busattentate. Kleiner ist das 400-Betten-Hospital auf dem Skopusberg, das vor allem Patienten aus den hauptsächlich von Arabern bewohnten nördlichen und östlichen Stadtteilen Jerusalems und den angrenzenden Regionen zur Behandlung zur Verfügung steht. Beide Kliniken sind in rein privater Trägerschaft von Hadassah, der größten zionistischen Frauenorganisation Amerikas. Sie wurde 1919 gegründet, und ihre Mitglieder haben es sich zur Aufgabe gemacht, besonders die medizinische Versorgung der is-raelischen Bevölkerung zu fördern. Mit ihren Geldern wurde nicht nur der Bau der beiden Hospitäler finanziert, sie gründeten 1949 in Zusammenarbeit mit der Hebrew-Universität auch die erste medizinische Fakultät in Israel, und sie sind verantwortlich für zahlreiche medizinische Forschungseinrichtungen, Schwesternschulen und soziale Projekte, die in enger Kooperation mit den Krankenhäusern stehen. Der Grund dafür, daß in Jerusalem gleich zwei Hadassah-Kliniken existieren, steht in einem engen Zusammenhang mit den kriegerischen Auseinandersetzungen, die den israelischen Staat in den ersten Jahren seines Bestehens erschütterten. 1939 gebaut, wurde das Hadassah-Hospital auf dem Mount Skopus bereits neun Jahre später während des Unabhängigkeitskrieges vom Westteil der Stadt abgeschnitten. Jerusalem war eine geteilte Stadt, und der Skopusberg lag in jordanischer Hand. Erst 1967 nach dem Sechs-Tage-Krieg war der Ort für Israelis wieder zugänglich. Inzwischen hatte Hadassah mit dem Bau eines neuen, größeren Krankenhauses in En Kerem begonnen, das 1961 eröffnet wurde. Das ältere Gebäude hatte erheblich unter dem Krieg gelitten und mußte von Grund auf renoviert werden.


Hohe Qualität
Heute besteht die chirurgische Abteilung dort aus drei Stationen, darunter eine kinderchirurgische, mit rund 60 Betten. Stolz ist man hier besonders, ein Trendsetter auf dem Gebiet der endoskopischen Operationen zu sein. Dr. Sold, einer der Oberärzte, kann sich nicht erinnern, wann er zuletzt eine Cholezystektomie auf herkömmliche Art vorgenommen hat. "Eigentlich werden bei uns Gallen nur noch endoskopisch entfernt. Und unsere Komplikationsquoten sind dabei äußerst gering", berichtet er. Gelernt hat Dr. Sold wie viele seiner Kollegen in den USA. Inzwischen wird er von Kliniken in den Vereinigten Staaten eingeladen, um dort Fortbildungen zu halten. Das ist kein Einzelfall. Denn während der Ausbildung zum Facharzt in Hadassah wird von den jungen Ärzten erwartet, daß sie einen Teil ihrer Zeit in den USA verbringen. Prof. Freund, Chefarzt der Chirurgie auf Mount Skopus, ist stolz auf die hohe Qualität seines Teams. "Wir können uns hier in Hadassah sicher mit amerikanischem Standard messen", meint er und betont, daß er wie auch die anderen Abteilungen im Haus großen Wert auf die Aus- und Weiterbildung der Mitarbeiter legt. Einmal pro Woche findet in En Kerem eine zentrale Fortbildungsveranstaltung mit Vorträgen, Fallvorstellungen und anschließender Diskussion statt, die live per Video auf den Skopusberg übertragen wird. Dar-über hinaus besteht für jede Abteilung ein eigener Weiterbildungsplan. Unten in der Ambulanz sind vor allem unfallchirurgische Kenntnisse gefragt. Israel hat im Vergleich zu anderen Ländern eine der höchsten Raten an Verkehrsopfern. "Es gibt kaum einen Tag, an dem nicht Verletzte aus einem Autounfall hier hereingetragen werden", berichtet Dr. James, einer der behandelnden Ärzte in der Ambulanz. Und er erklärt: "Viele Israelis fahren sehr riskant und aggressiv. Die Menschen hier haben gelernt, mit dem täglichen Risiko zu leben."
Dr. James spielt auf eine weitere traurige Realität seines Landes an: "Wenn wir in den Bus steigen, wissen wir nicht, ob sich unser Nebenmann nicht eine Bombe umgeschnürt hat." Wie schnell das Szenarium Wirklichkeit werden kann, zeigte sich in den vergangenen Wochen, als durch zwei Busbomben mehr als 50 Menschen in Jerusalem ums Leben kamen und rund hundert verletzt wurden. Auch auf solche verheerende Katastrophen müssen die beiden Kliniken, insbesondere in Hadassah En Kerem, eingerichtet sein. Dort sind eines der modernsten Traumatologiezentren und eine Neurochirurgie, in denen Unfallopfer aus dem ganzen Land behandelt werden. Wie sehr die politischen Auseinandersetzungen den Alltag prägen, wird schon nach ein paar Tagen Arbeit in der Ambulanz deutlich. Denn es passiert nicht selten, daß Soldaten eingeliefert werden, die bei Scharmützeln in besetzten Gebieten oder während eines Manövers angeschossen oder verletzt worden sind. Um so erstaunlicher wirkt der lockere und unkomplizierte Ton, mit dem Araber und Juden in dem Krankenhaus miteinander umgehen. Viele der Ärzte oder Schwestern sprechen bereits arabisch, und die Medizinstudenten in der Chirurgie können einmal pro Woche früher von der Station gehen, damit sie rechtzeitig zu ihrem arabischen Sprachkurs kommen. Da der größte Teil der arabischen Bevölkerung Jerusalems im Osten der Stadt wohnt, stellt sie auch einen relativ hohen Anteil an Patienten in Hadassah. Doch das ist in dem jüdischen Hospital selten ein Thema: "Die Menschen, die hierher kommen, sind vor allem krank. Ob sie Juden, Moslems oder Christen sind, interessiert uns nicht", stellt Deborah fest, eine junge Krankenschwester, die auf einer der chirurgischen Stationen arbeitet. "Wenn es sich einrichten läßt, versuchen wir zwar die jeweiligen arabisch und hebräisch sprechenden Patienten zusammenzulegen, schon damit sie miteinander reden und sich verstehen können. Doch das ist meistens gar nicht möglich. So viele Räume haben wir nicht." Die Konflikte entstehen für einen Außenstehenden oft ganz unvermutet. Zum Beispiel bei den obligatorischen Taschenkontrollen, wie sie in jedem öffentlichen Gebäude Jerusalems üblich sind. Doch hier im Krankenhaus dienen sie nicht nur zur Suche nach Waffen oder Sprengstoff, sondern ebenso nach unkoscherem Essen. Besonders in der Zeit zu Pessach, in der nach jüdischer Regel auch nicht ein Krümel gesäuerten Brotes im Haus sein darf, kommt es während der Kontrollen zu lautstarken Auseinandersetzungen des Wachpersonals mit jüdischen und mit arabischen Angehörigen. Denn das Krankenhaus richtet sich nach den jüdischen Gesetzen. Dar-über wacht eigens ein Rabbiner, und in der Küche ist zusätzliches Personal angestellt, das darauf zu achten hat, daß dort nach jüdischen Regeln gekocht und gearbeitet wird. Damit das Essen koscher ist (das bedeutet unter anderem, daß Fleisch- und Milchgerichte getrennt zubereitet und gegessen werden müssen), gibt es zwei verschiedene Küchen, verschiedenfarbige Geschirre und zwei Arten von Bestecken, die durch ein dezentes Loch im Griff in einem der beiden unterschieden werden können. In einem israelischen Krankenhaus gibt es manches, das einen Europäer auf den ersten Blick ein wenig fremd anmutet, das aber gleichzeitig das Arbeiten und Leben dort so interessant und liebenswert macht. So gewöhnt man sich zum Beispiel erst nach und nach daran, nicht mehr auf eine der zahlreichen Uhren zu achten, die in den Gängen und Zimmern hängen. Es ist nutzlos, keine von ihnen geht richtig. Auf die Frage, ob er den Blick auf eine exakte Uhrzeit während der Operation nicht manchmal missen würde, lacht Dr. Sold nur. "Typisch deutsch", sagt er, "aber wir leben hier im Nahen Osten, wir sind das Tor zum Orient", und deutet mit seinem Arm auf die Fenster des Operationssaales, die einen großartigen Blick auf die judäische Wüste freigeben. "Ich brauche nur nach dem Lauf der Sonne zu schauen und weiß, wie lange ich bereits operiert habe." In Israel gehen die Uhren eben anders.


Anschrift der Verfasserin:
Barbara Marnach
Herderstraße 18
50931 Köln

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