ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2011Missbrauch der Psychologie in der DDR: Grundsäulen des Selbstwerterlebens schädigen

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Missbrauch der Psychologie in der DDR: Grundsäulen des Selbstwerterlebens schädigen

PP 10, Ausgabe Juni 2011, Seite 287

Bomberg, Karl-Heinz

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Schauer und Wut über die versachlichte Gewalt, den befohlenen Verrat unter Missbrauch der Psychologie und die Enthumanisierung des Sozialismus überkamen mich beim Lesen der Richtlinie 1/76, ausgearbeitet vom Ministerium für Staatssicherheit der DDR an der Juristischen Hochschule Potsdam-Golm.

Die Autoren des Buches geben einen Überblick über die subtilen Methoden der „operativen Psychologie“ innerhalb der oben genannten Richtlinie, um kritische Haltungen als negativ-feindlich unschädlich zu machen, indem Einzelpersonen und Gruppierungen von außen und innen durch ein ausgeklügeltes Spitzelsystem zu unterwandern und zu zersetzen sind. Die Beteiligten sollten in den Grundsäulen ihres Selbstwerterlebens gestört und nachhaltig geschädigt werden. Deshalb können heute Zersetzungsopfer so schwer neu Vertrauen aufbauen und brauchen oft jahrelange Therapie.

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Die gut ausgewählten Fallbeispiele durchziehen alle Kapitel und machen deutlich, welche Schicksale und psychischen Folgen aus den verordneten Missbrauchstechniken entstehen. Klaus Behnke unterstreicht, dass psychoanalytisches Denken und Handeln den Betroffenen in Theorie und Praxis helfen kann. Die Besonderheiten dieser Diktatur bestanden in der tagtäglichen Einschüchterung, Verunsicherung der Wahrnehmung, Störung des beruflichen und privaten Lebensweges der Systemkritiker, Telefon- uns Postüberwachung sowie gezielten Eingriffen in alltägliche Lebensabläufe. Dieses Vorgehen bedeutete eine permanente Bevormundung und gravierende Verletzung der persönlichen Freiheit. Es war ein Kampf gegen Windmühlen, der Faust’sche Spruch – „Nur der verdient sich Freiheit für das Leben, der täglich sie erobern muss“ – wurde ad absurdum geführt.

Die geschlossene Gesellschaft DDR sollte auf Linie gebracht und abgerichtet werden. Dennoch regte sich Widerstand bei Anwerbungen und bei tätigen inoffiziellen Mitarbeitern. Manche traten unter dem Druck erlebten oder bevorstehenden Verrats aus dem Vertrag aus oder gar nicht erst ein. Ein grausiger Gedanke: Immerhin waren großflächig Lager für mehrere Tausend Andersdenkende geplant.

Das Buch ist eine hochaktuelle Mahnung für bestehende Diktaturen. Totalitäres Denken beginnt immer schon auch in bestehenden Demokratien. Deshalb ist seine Neuauflage so wichtig. „Aus dem Nein zu Spitzeltätigkeit und Vertrauensbruch sowie dem Mut, den Verursachern von totalitären Strukturen entgegenzutreten, ergibt sich die heutige Chance, Diktatur zu überwinden.“ Mit dieser Vision gehen die Autoren über das Erlebte hinaus und tragen die Hoffnung auf eine menschliche Gesellschaft weiter. Karl-Heinz Bomberg

Klaus Behnke, Jürgen Fuchs (Hg.): Zersetzung der Seele. Psychologie und Psychiatrie im Dienste der Stasi. 3. Auflage. Europäische Verlagsanstalt, Hamburg, Leipzig 2010, 323 Seiten, 22 Euro

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