ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2011EHEC-Ausbruch: Wirrwarr an Informationen

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EHEC-Ausbruch: Wirrwarr an Informationen

Dtsch Arztebl 2011; 108(24): A-1343 / B-1127 / C-1127

Hibbeler, Birgit

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Spätestens seit der Schweinegrippe empfinden viele Menschen Meldungen über angebliche Seuchen als bloße Panikmache. Doch die Infektionen mit enterohämorrhagischen E. coli (EHEC) haben niedergelassene Ärzte und Kliniken in den betroffenen Regionen vor echte Herausforderungen gestellt. Besonders in den Krankenhäusern haben Ärzte und Pflegekräfte bis an die Belastungsgrenze gearbeitet. Ihnen bot sich ein zum Teil erschreckendes Bild auf den Stationen: viele junge, schwer kranke Patienten. Und eine Erkrankung, bei der man auf keine etablierten Therapiestandards zurückgreifen kann. Unerwartet waren vor allem die schwerwiegenden neurologischen Komplikationen (dazu „Neurologisch ist eine ,restitutio ad integrum‘ möglich“ in diesem Heft).

Hilflos fühlten sich manchmal die Ärzte, wenn sich der Zustand ihrer Patienten trotz aller Bemühungen verschlechterte. Hilflos wirkten aber vor allem die zuständigen Behörden. Manches Landesministerium hat sicherlich selbst zu diesem Eindruck beigetragen, wenn wieder einmal die vermeintlich sichere Infektionsquelle präsentiert wurde. Tatsächlich ist es verwirrend, wenn sich ständig andere Personen und Institutionen mit Botschaften an die Medien wenden. Nicht nur deshalb gehören die Strukturen aus Bundesministerien, Bundesämtern, Landesbehörden und Gesundheitsämtern auf den Prüfstand. Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Daniel Bahr (FDP) hat bereits angekündigt, das Meldeverfahren für Erkrankungen vereinfachen zu wollen.

Auch auf ganz banale Fragen findet man nicht ohne weiteres eine Antwort: Dürfen EHEC-Patienten wieder arbeiten gehen, wenn sie sich besser fühlen, aber noch Keime ausscheiden? Gelten in dieser Ausnahmesituation die Vorgaben für „normale“ EHEC-Fälle? Unterschiedliche Empfehlungen dazu liegen bereits vor: So riet die Hamburger Gesundheitsbehörde, EHEC-Patienten sollten zunächst nicht zur Arbeit gehen und Massenveranstaltungen meiden (dazu „Das Vorgehen in der Praxis“ in diesem Heft). Fest steht: Ansprechpartner ist das zuständige Gesundheitsamt. Ein einheitliches Vorgehen wäre allerdings wünschenswert – zumal es sich überall um den gleichen Keim handelt.

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Bleibt schließlich die Frage: Was ist das eigentlich für ein Erreger? Bemerkenswert ist eine Mitteilung des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR). Demnach wurde der Keim offenbar nicht vom Tier, sondern vom Menschen auf Lebensmittel beziehungsweise in die Umwelt übertragen. Bisher galten Wiederkäuer als Reservoir für EHEC. Als Ausbruchsstamm ist der Serotyp O104:H4 identifiziert worden. Dabei handelt es sich dem BfR zufolge um ein Hybrid zweier Bakterien. Der Keim weise wesentlich mehr Gemeinsamkeiten mit enteroaggregativen E. coli (EAEC) als mit bekannten EHEC auf. Er habe auf Sequenzebene 93 Prozent Ähnlichkeit zu einem EAEC-Bakterium. Dessen Reservoir sei nach derzeitigen Erkenntnissen der Mensch. Dazu, wie der Keim auf die Sprossen oder die Sprossensamen gelangt sein könnte, äußerte sich das BfR nicht.

Dr. med. Birgit Hibbeler Redakteurin für Gesundheits- und Sozialpolitik
Dr. med. Birgit Hibbeler Redakteurin für Gesundheits- und Sozialpolitik

War es also keine Gülle, sondern kam das Bakterium durch menschliche Fäkalien in die Nahrungskette? Das muss noch geklärt werden. In jedem Fall zeigt der Keim ein breites Spektrum an Resistenzen, unter anderem gegen Cephalosporine der dritten Generation (ESBL). Wenn also eine Aufarbeitung der EHEC-Krise erfolgt, dann gehört dazu auch eine Debatte über den unkritischen Einsatz von Antibiotika.

Dr. med. Birgit Hibbeler
Redakteurin für Gesundheits- und Sozialpolitik

Stand bei Redaktionsschluss (14. Juni)

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