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Psychiatrie in Äthiopien: Heiliges Wasser gegen den „bösen Blick“

Deutsches Ärzteblatt Studieren.de, 3/2011: 22

Jobst, Andrea; Dehning, Sandra; Siebeck, Matthias; Müller, Norbert

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Einen einzigartigen Ausbildungsgang hat die Ludwig-Maximilians-Universität München in Zusammenarbeit mit der Universität Jimma ins Leben gerufen. „Mental Health Worker“ sollen die psychiatrische Versorgung im Land zu verbessern.

Als einziger Psychiater der Universität ist Dr. Markos Tesfaye für die psychiatrische Abteilung mit 26 Betten verantwortlich. Fotos: privat

In der Hütte ist es dunkel. Durch die verdeckte Eingangstür fällt nur ein schmaler Lichtstreifen. Seit Wochen schon liegt die 25-jährige Mekdes am Boden der Lehmhütte ihrer Familie und starrt vor sich hin. Sie erzählt von Geisterstimmen und fühlt sich von anderen Menschen bedroht. Sie ist unruhig. Kürzlich entfloh Mekdes in die Savanne und musste von Familienangehörigen tagelang gesucht werden. Aus Hilflosigkeit und Scham haben die Familienmitglieder sie mit einem Seil an die Hüttenwand angebunden. Täglich kommt ihre Großmutter zu ihr und benetzt ihren Kopf und ihre Schultern mit „heiligem Wasser“. Gerade berät die gesamte Familie, wie man Mekdes wohl helfen kann.

So oder ähnlich könnte die Geschichte einer Äthiopierin lauten, die unter einer psychiatrischen Erkrankung leidet. Mekdes würde dringend eine psychiatrische Behandlung benötigen, doch dies ist für die meisten der 80 Millionen Bewohner Äthiopiens noch eine Zukunftsvision. Im Land praktizieren nur 34 Fachärzte für Psychiatrie, 30 von ihnen in der Hauptstadt Addis Abeba. Eine psychiatrische Klinik, das Amanuel Mental Hospital in Addis Abeba, und vier psychiatrische Abteilungen in Universitätskliniken können Patienten im Land stationär versorgen. Ansonsten beschränkt sich die psychiatrische Versorgung in Äthiopien auf eine allgemeinmedizinische Mitbehandlung in regionalen Gesundheitsstationen.

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Die Fahrt von Addis Abeba nach Jimma gibt einen Eindruck über die wenig ausgebaute Infrastruktur des Landes. Die Hauptverkehrsader führt vorbei an wenig besiedelten Landstrichen und kleinen Siedlungen. Mehr als acht Stunden ist man mit dem Auto für die Strecke von 350 km unterwegs. Für psychiatrisch Erkrankte gerade aus der Landbevölkerung bedeutet dies, dass sie mehrere Hundert Kilometer Fahrt oder Fußmarsch über staubige Landstraßen auf sich nehmen müssen, um einen der wenigen Psychiater zu konsultieren. Auch besteht innerhalb der Bevölkerung wenig Aufklärung über psychische Erkrankungen. Psychiatrische Symptome werden daher häufig „magisch“ erklärt und Patienten von ihren Familienangehörigen zu traditionellen Heilern gebracht, die heiliges Wasser anbieten, welches geträufelt oder getrunken werden soll. Auch werden Amulette getragen, Kräuterelixiere verabreicht sowie Rituale und Exorzismen durchgeführt. In der Bevölkerung herrscht der Glaube, dass übernatürliche Kräfte für psychiatrische Erkrankungen verantwortlich sind und böse Geister bei Fehlverhalten oder „Sünde“ von Menschen Besitz nehmen können. Man spricht in Äthiopien von dem sogenannten Buda oder Evil Eye, wohinter sich der Glaube verbirgt, durch einen „bösen Blick“ einer Person verrückt werden zu können (Schweizer Flüchtlingshilfe, 2009).

In Jimma, Hauptstadt der einstigen Kaffa-Region und Ursprung des Kaffeeanbaus, lebt und arbeitet Dr. Markos Tesfaye, der die Abteilung für Psychiatrie der Universität Jimma leitet und darüber hinaus wöchentlich über 150 ambulante Patienten behandelt, die von ihren Familienangehörigen tatsächlich oft mehrere Hundert Kilometer per Fußmarsch zu ihm gebracht werden. Auch die psychiatrische Lehre für Medizinstudierende liegt allein in seinen Händen. So brennt oft bis spät in die Nacht hinein in seinem Büro noch Licht.

Hochmotiviert und engagiert lernen die Studierenden – trotz einfachster Ausbildungsbedingungen.

Markos engagiert sich seit Jahren für den Ausbau der psychiatrischen Versorgung in seinem Land. Die Ludwig-Maximilians-Universität unterstützt ihn nun in der Ausbildung von psychiatrischen Gesundheitskräften mit einem Teaching-Programm. Der zweijährige Ausbildungsgang mit dem Titel „Master of Science in integrated and community mental health“ richtet sich an allgemeinmedizinisch ausgebildete „Health Worker“, von denen in den kommenden Jahren mehr als 5 000 ihre Ausbildung in Äthiopien abschließen werden (www.moh.gov.et). In ihrer Ausbildung bewegen sie sich zwischen Pflegepersonal und Ärzten und verfügen bereits im Vorfeld über eine drei- bis vierjährige medizinische Grundausbildung in Form eines Bachelor of Science. Die künftigen „Mental Health Worker“ sollen die psychiatrische Klinik und Lehre an der Universität Jimma unterstützen, darüber hinaus aber vor allem die psychiatrische Versorgung in ländlichen Regionen und kleineren Gesundheitsstationen in Äthiopien aufbauen. Neben der theoretischen Ausbildung werden die Studenten Schritt für Schritt schon während des Curriculums unter der engmaschigen Supervision von Markos an die Versorgung psychiatrischer Patienten herangeführt. Nach Beendigung des Curriculums sollen die „Mental Health Worker“ eine komplette psychiatrische Diagnostik und Behandlung selbstständig durchführen können.

Fikir (29) ist eine der Studentinnen, die jetzt ihre Ausbildung abschließen. Als Mutter zweier Kinder trägt sie maßgeblich zur Versorgung ihrer Familie bei.

Ein besonderer Aspekt stellt hierbei die Berücksichtigung der landeseigenen Tradition psychiatrischer Behandlung dar. Der Besuch von Stätten traditioneller Heiler sowie der Einsatz in einem ländlichen „primary care center“ sollen das Programm erweitern. Langfristiges Ziel ist durch Zusammenarbeit mit traditionellen Heilern und der Bevölkerung das Vertrauen in und das Verständnis für moderne psychiatrische Behandlung zu stärken und so zu einer Antistigmatisierung psychisch kranker Patienten beizutragen.

Eine der Absolventen dieses Sommers ist Fikir. Ab August wird sie in einer Gesundheitsstation nahe ihres Heimatdorfes als „Mental Health Work- er“ arbeiten und eigenverantwortlich psychiatrische Patienten behandeln. Neben der medikamentösen Behandlung und therapeutischen Begleitung der Patienten wird ihre Arbeit vor allem auch Information, Unterstützung und Aufklärung der Familien beinhalten. Besonders schwierige oder unklare Fälle wird sie zur stationären Behandlung nach Jimma vermitteln. So könnte Fikir auf Mekdes treffen, die von ihrer Familie von der Hüttenwand losgebunden und zu ihr gebracht wurde. Eine medikamentöse Behandlung mit Neuroleptika kann Mekdes helfen. Die Familie wird an der Behandlung maßgeblich beteiligt sein, denn sie werden Mekdes zur Medikamenteneinnahme ermutigen müssen. Aus diesem Grund ist eine gute Zusammenarbeit mit der Familie und deren Vertrauen in die Behandler unerlässlich. Dabei sollen traditionelle Heilmethoden nicht ausgeschlossen werden. So wird die Großmutter Mekdes auch weiterhin heiliges Wasser bringen und durch ihre Unterstützung zur psychischen Genesung ihrer Enkelin beitragen.

Andrea Jobst, Sandra Dehning, Matthias Siebeck, Norbert Müller Ludwig-Maximilians-Universität München

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