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ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2011Bernhard von Gudden: Ein ungeklärter Todesfall

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Bernhard von Gudden: Ein ungeklärter Todesfall

Goddemeier, Christof

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Der Psychiater starb 1886 mit König Ludwig II. von Bayern im Starnberger See.

Zeichnung: Elke R. Steiner
Zeichnung: Elke R. Steiner

Die Geschichte liest sich wie ein Krimi: 1884 sind in nur einem Jahr die Schulden der Kabinettskasse um sechs Millionen Mark gestiegen. Davon unbeeindruckt plant der bayerische König, zwei weitere Schlösser zu bauen. Prinz Luitpold ist nervös. Die Kasse seines Neffen, Ludwigs II. von Bayern, ist die Hauptquelle seiner Einkünfte. Wie kann man sich des Königs, der im Begriff ist, die Staatsfinanzen zu ruinieren, möglichst korrekt entledigen?

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Eine Schlüsselfigur in dieser Geschichte, deren tragisches Ende nie ganz sicher geklärt wurde, ist der Psychiater Bernhard von Gudden. 1824 geboren, studiert er in Bonn und Halle Medizin und absolviert den größten Teil seiner psychiatrischen Ausbildung in der badischen Anstalt Illenau. Der Forscher von Gudden konzentriert sich ganz auf die Neuroanatomie, der er „Hekatomben von Thieren und buchstäblich alle seine Mußestunden opferte“, wie sein Schwiegersohn schreibt. Als Kliniker setzt von Gudden im unterfränkischen Werneck auf eine gewaltlose Behandlung und fördert die Arbeitstherapie.

Schon länger beobachtet man bei Patienten von „Irrenanstalten“ blutige Schwellungen der Ohrmuschel. Etliche Psychiater diskutieren diese Verletzungen als Symptom von Geisteskrankheit oder Degeneration. Von Gudden schaut genauer hin und entlarvt die „Ohrblutgeschwulst“ als Folge von Schlägen. Auch Rippenserienbrüche und Dekubitus führt er auf Gewalt und mangelhafte Pflege zurück.

Als Prinz Luitpold ihm im Juni 1886 befiehlt, über Ludwig II. ein psychiatrisches Gutachten zu erstellen, ist von Gudden Professor für Psychiatrie in München. Der Bruder des Königs, Prinz Otto, ist zu dieser Zeit geistig schwer krank und unfähig, die Regierung zu übernehmen. Als Nachfolger kommt also nur der 65-jährige Prinz Luitpold infrage. Von Gudden hat den bayerischen König vor zwölf Jahren einmal gesehen. Sein Gutachten verfasst er ohne persönliche Untersuchung Ludwigs. Er befragt Mitarbeiter, doch nicht seine beiden Hausärzte. Im Gutachten vom 8. Juni kommen von Gudden und drei weitere Psychiater zum Schluss, dass Ludwig II. unter unheilbarer Paranoia leidet. Sie unterstellen einen weiteren „Verfall der geistigen Kräfte“ und prognostizieren dauerhafte Regierungsunfähigkeit. Darauf wird Ludwig II. abgesetzt und entmündigt. Von Gudden bringt den König im Auftrag des neuen Regenten nach Schloss Berg, um ihn dort zu behandeln. Am Abend des 13. Juni brechen Ludwig II. und von Gudden zu einem Spaziergang auf. Als sie nicht zurückkommen, lässt man nach ihnen suchen und findet beide tot im Wasser. Während Ludwig II. unverletzt ist, weist von Guddens Leiche einen Bluterguss über der Stirn, Kratzwunden im Gesicht und Würgemale am Hals auf. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wollte der ehemalige König sich im See ertränken. Von Guddens Versuch, ihn davon abzuhalten, kostete ihn selbst das Leben. So jedenfalls deutete Wilhelm Wöbking 1986 („Der Tod König Ludwig II. von Bayern“) die Ermittlungsergebnisse. Ein Zeitzeuge vermutete demgegenüber, ein Schlaganfall habe den König getroffen und seinen Tod durch Ertrinken verursacht. Angesichts der Datenlage scheint diese Hypothese jedoch wenig wahrscheinlich.

Einer umfassenden Studie (Häfner 2008) zufolge war Ludwig II. indes nicht psychotisch erkrankt, sondern litt an einem narzisstisch übersteigerten Selbstbewusstsein und sozialer Phobie. Das Bauen von Schlössern habe zunehmend Merkmale einer Sucht angenommen.

Christof Goddemeier

Häfner H:
Ein König wird
beseitigt.
München 2008.

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