ArchivDeutsches Ärzteblatt13/1996Magenkrebsprophylaxe durch Therapie des Helicobacter pylori: Eine Einführung in die Thematik

MEDIZIN: Kurzberichte

Magenkrebsprophylaxe durch Therapie des Helicobacter pylori: Eine Einführung in die Thematik

Rösch, Wolfgang

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LNSLNSLNSLNS Die Wiederentdeckung von Helicobacter pylori vor rund 12 Jahren hat die Gastroenterologie revolutioniert. Bei kaum einer Magenerkrankung wird nicht ein Kausalzusammenhang zur Helicobacter-pyloriGastritis als immunologischer Auseinandersetzung der Mukosa mit dem Keim gesehen.


Wandel in der Therapie
Die Therapie des "peptischen" Ulkus hat einen grundlegenden Wandel erfahren, so sehr man sich zunächst gegen die Betrachtung des Ulkusleidens als Infektionskrankheit gesträubt hat.
Hier müssen in der Tat einige Lehrbücher neu geschrieben werden: die kombiniert antibiotischantisekretorische Therapie von Ulcus duodeni und Ulcus ventriculi bei positivem Helicobacter-pylori-Nachweis ist zwischenzeitlich Standard geworden, hat sich doch bei jetzt achtjähriger Nachbeobachtung gezeigt, daß eine Reinfektion praktisch nicht vorkommt und daß das Ulkusleiden somit zur Ausheilung gebracht werden kann.
Die dadurch erzielte Kostenersparnis wird auf mehrere Milliarden DM pro Jahr geschätzt.
Auch beim MALT-Lymphom ist zumindest in klinischen Studien die Sanierung der Helicobacter-pyloriInfektion eine Therapieoption, die im Frühstadium des Tumorleidens ein Verschwinden der monoklonalen Infiltrate (Heilung?) in 70 Prozent der Fälle garantiert.


Umstrittene therapeutische Konsequenzen
Umstritten sind derzeit therapeutische Konsequenzen aus dem Nachweis einer Helicobacter-pyloriInfektion (bioptisch, serologisch, atemanalytisch) bei Patienten mit einer funktionellen Dyspepsie oder bei asymptomatischen Individuen.
Es gibt einige klinische, nicht plazebokontrollierte Studien, die einen günstigen Langzeit-Effekt auf chronische abdominelle Beschwerden gezeigt haben.
Ebenfalls bekannt sind auch eine Reihe von epidemiologischen Studien, die diesen schon seit vielen Jahrzehnten lang diskutierten Zusammenhang zwischen einer atropischen Gastritis und der Entstehung eines Magenkarzinoms im Lichte der neuen Helicobacter-pylori-Erkenntnisse noch einmal untermauert haben.
Experten gehen davon aus, daß durch eine Helicobacter-pylori-Therapie die Zahl der zu erwartenden Magenkarzinome um schätzungsweise 60 bis 80 Prozent gesenkt werden könnte. Bis jedoch die Ergebnisse der erst vor kurzem begonnenen Interventionsstudien aus Kolumbien und Venezuela allerdings vorliegen, werden wohl noch mehrere Jahrzehnte ins Land gehen.


Experten jedoch zurückhaltend
Jedoch sind alle Experten zum momentanen Zeitpunkt noch recht zurückhaltend bei Empfehlungen zur Therapie unter dem Aspekt der Karzinomprävention.
Schließlich hat nur eine von etwa 10 000 Personen mit einer Helicobacter-pylori-Gastritis mit der Entwicklung eines Magenkarzinoms zu rechnen.
Die Tendenz von Helicobacter-pylori-Gastritis und Magenkarzinom ist in den Industrienationen eindeutig rückläufig, und bei der Karzinogenese spielen sicher eine Vielzahl weiterer, zum Teil durch die Nahrung bedingte Faktoren eine Rolle.


Verständliche Reaktion der Patienten
Es ist jedoch, auch aus der Sicht des Arztes, durchaus verständlich, wenn der durch die Massenmedien informierte Patient wenigstens den einen Faktor bei der Entstehung des Magenkarzinoms, den er zu Lasten der Reichsversicherungsordnungskassen eliminieren lassen kann, beseitigt haben will.
Denn wer ändert schon gerne seine liebgewonnenen Ernährungsgewohnheiten?


Fazit
Bei der rasanten Entwicklung neuer Therapiemodalitäten und den am Horizont aufscheinenden Möglichkeiten einer Immunisierung gegen Helicobacter pylori ist sicher keine Eile bei der Therapie unter dem Aspekt der Karzinomprävention geboten.

Zitierweise dieses Beitrags:
Dt Ärztebl 1996; 93: A-822
[Heft 13]

Anschrift des Verfassers:
Prof. Dr. med. Wolfgang Rösch
Chefarzt der Medizinischen Klinik
am Krankenhaus Nordwest
Steinbacher Hohl 2–6
60488 Frankfurt

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