ArchivDeutsches Ärzteblatt13/1996Cheyletiellose: Eine lokalisierte Prurigo bei Menschen wird durch Tiermilben ausgelöst

MEDIZIN: Kurzberichte

Cheyletiellose: Eine lokalisierte Prurigo bei Menschen wird durch Tiermilben ausgelöst

Qadripur, A.; Kant, Ute

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LNSLNS Obwohl die Infestation durch die Cheyletiella-Milben bei Menschen relativ häufig vorkommt, ist sie in der täglichen Praxis kaum bekannt (4). Der Grund dürfte die geringe Kenntnis dieser Parasitose und ihrer Nachweismethode sein (9).
Im Jahre 1878 beschrieb Mègnin den Arthropoden Cheyletiella (12). 1918 wurde erstmals über die Infestation einer Familie mit Cheyletiella-Milben durch Lomholt berichtet (10). 1938 veröffentlichte Davies einen Cheyletiellose-Fall aus England (5). 1950 wurde der Befall mehrerer Mitglieder einer Familie mit Cheyletiellen durch eine Angorakatze in Kopenhagen bekannt (14). Seit dieser Zeit haben sich die Cheyletiellose-Fälle in der dermatologischen Literatur gehäuft.
Die Cheyletiella-Milben sind nicht sehr verbreitet. Ihr Habitat bildet das Fell verschiedener Tiere; dabei ist gleichgültig, ob es Haustiere oder wilde Tiere sind. In diesem Biotop werden sie als Pelzmilbe häufiger angetroffen. Das Fell von Haustieren, die einen großen Teil des Tages draußen verbringen, oder von Tieren, die ausschließlich draußen leben, ist stärker befallen. Bei Kaninchen ist beispielsweise eine bis zu 70prozentige Verseuchung festgestellt worden. Haustiere mit langen Haaren sind häufiger Parasitenträger. Die Wirtstiere bleiben meist symptomlos (11, 15). Nur bei massivem Befall erscheint das Fell stellenweise kräuselig, oder es bilden sich vermehrt Schuppen. Haben die Besitzer häufiger oder engeren Kontakt mit dem befallenen Tier, so ist eine Übertragung des Parasiten möglich (15, 25).


Klinik
Das klinische Bild der Cheyletiellose ist nicht so polymorph wie das von anderen Ektoparasitosen. Die Patienten zeigen isolierte, stark infiltrierte, rötlich-erhabene Knötchen mit zentralem Mikrobläschen (Abbildung 1), die im allgemeinen den charakteristischen Prurigoknötchen entsprechen (8). Die etwas älteren Stichreaktionen weisen meist eine zentrale Nekrose auf. Die Effloreszenzen zeigen eindeutig eine Tendenz zur Gruppierung (Abbildung 2 und 3). Der Biß des Arthropoden ruft beim Menschen eine pruriginöse, zunächst mehr flüchtig-urtikarielle, nach erfolgter Sensibilisierung jedoch papulöse Dermatitis hervor, die meist an den Kontaktstellen mit dem Haustier lokalisiert ist. Vor allem Kinder, die anhaltenden Kontakt mit Haustieren pflegen, und Personen, die gewöhnlich ihren Hund mit ins Bett nehmen, werden befallen (9). Bei solchem fortdauernden Körperkontakt mit den Haustieren entstehen stark pruriginöse, persistierende Hauterscheinungen (7). Parasitengänge wie bei Skabies werden nicht gebildet. Wie bereits ausgeführt, ist die Krankheit stets mit heftigem Pruritus verbunden, weswegen die Patienten den Arzt aufsuchen. Es werden die Extremitäten und auch der Stamm befallen. Je nach Kontakt können die Hautveränderungen auch intermittierend auftreten. Periphere Teile des Körpers wie Hände und Füße bleiben verschont, auch das Gesicht wird nicht befallen.
Die Arthropoden verbleiben auf der Menschenhaut nur sehr kurz, da diese kein optimales Lebensmilieu für Cheyletiellen bildet. Der histopathologische Befund ist unspezifisch. Die Berichte über Cheyletiellose aus unterschiedlichen Ländern weisen auf eine weltweite Verbreitung der Krankheit hin. Während früher überwiegend Menschen auf dem Land erkrankten, werden heute Personen im städtischen Bereich wegen zunehmender Tierhaltung infestiert. Nach Hewitt waren fünf Prozent der Exantheme in Cornwall auf Tierparasiten zurückzuführen (7). Demnach sollte ein ungeklärtes pruriginöses Exanthem, vor allem wenn der Patient zu Hause in ständigem Tierkontakt lebt, dazu Anlaß geben, die Haustiere veterinärmedizinisch auf Ektoparasiten untersuchen zu lassen. Kiffer und Mitarbeiter haben bei Patienten mit ungeklärtem Pruritus nur deren Haustiere gegen Ektoparasiten behandelt. Dadurch bildete sich die Hautsymptomatik bei den Besitzern spontan zurück (8).


Parasitologie
Cheyletiella-Milben (Abbildung 4) sind weißlich-graue, dorsoventral abgeflachte Arthropoden mit ovaler Körperform. Ihre Körperlänge beträgt zirka 500 µm. Sehr charakteristisch sind die hakenförmigen, nach innen gerichteten Greifarme an beiden Seiten des Mundwerkes, mit deren Hilfe die Milbe sich an Haut oder Haaren festhält. Der Körper ist nicht so stark behaart wie bei anderen Milben. Cheyletiellen besitzen stechendsaugende Mundwerkzeuge und ernähren sich von Gewebssaft und nicht von Blut. Die Eier sind oval, werden an die Haarschäfte im Fell mittels einer fadenartigen Masse eingewoben (13) und liegen meist zwei bis drei Millimeter über der Haut. Sie werden durch die Hauttemperatur bebrütet. Der Entwicklungszyklus des Parasiten wird auf dem Körper des Wirtes vollzogen und durchläuft ein Larvenstadium und zwei Nymphenstadien (15). Die Larve besitzt drei, das adulte Tier vier Beinpaare.
In Bjarkes Experiment konnte beobachtet werden, daß die Cheyletiella-Milbe sich relativ rasch an der Haut des Menschen festbeißt. Dennoch zeigt sie eine ungewöhnlich starke Abhängigkeit von ihren Wirtstieren, so daß sie außerhalb des Wirtes höchstens einen Tag überleben kann. Werden die Milben experimentell von einem auf ein anderes Tier übertragen, können sie sich im Fell des neuen Wirtes nicht vermehren (6). Sonst sind die Cheyletiellen relativ widerstandsfähige Parasiten. Das Weibchen kann beispielsweise bei niedrigen Temperaturen bis zu zehn Tagen auch ohne Nahrungsaufnahme überleben (3). Auch die Eier sind resistent. Werden sie durch Lecken des Fells geschluckt, so werden sie unversehrt mit dem Stuhl ausgeschieden (11).
Die Familie der Cheyletielliden umfaßt acht Gattungen und 33 Arten, alle sind Parasiten (17). Von sechs bekannten Arten parasitieren drei auf Hunden, Katzen und Kaninchen. Diese Arten können humanparasitologisch Bedeutung erlangen (13). Drei weitere Arten parasitieren auf Füchsen, Hasen und auch auf Tauben (Tabelle). Die Hauptquelle für die häuslichen Infestationen sind primär die Hunde und dann die Katzen (18). In England waren zum Beispiel alle mitgeteilten Fälle vom Hund akquiriert worden (7). Junge Hunde und langhaarige Tiere sind am häufigsten befallen.


Milbennachweis
Zum Parasitennachweis sind im allgemeinen zwei Methoden üblich: die Tesafilm- und die Bürsten-Methode (1). Um zu einem positiven Resultat zu gelangen, sollte vorher die Lokalisation der Entnahme festgelegt werden. Bei den Tieren werden nämlich die Milben im Bereich des Nackens, der Ohren, des Rückens und des Schwanzes häufiger angetroffen. Tesafilm wird an verschiedenen verdächtigen Körperstellen angepreßt, anschließend abrupt abgerissen, auf einen Objektträger geklebt und mikroskopiert. Dazu werden zunächst die Haare etwas auf die Seite geschoben, damit ein optimaler Zugang zur unteren Hälfte der Haare zustande kommt.
Die Bürsten-Methode wird herangezogen, wenn die Tesafilmpräparate negativ ausfallen. Das kräftige Bürsten und/oder Kämmen des Tierfells auf einem Textilstück führt zum Abfallen von Haaren und Staub. Diese werden gesammelt und davon mehrere mikroskopische Präparate hergestellt. Unter dem Mikroskop können dann unter anderem lebendige oder tote Milben, aber auch Eier – fixiert an Haaren – beobachtet werden. Diese Methode ist mühsamer, dafür aber ergiebiger. Trotzdem kann sich in einigen Fällen der Nachweis der Cheyletiellen problematisch gestalten. Sie werden auf dem menschlichen Körper extrem selten angetroffen. Allerdings sind die Milben bei exzessivem Befall der Tiere auch auf den Wohnungsgegenständen nachweisbar (14). Eine solche Situation tritt aber nur kurzfristig und selten auf.


Therapie
Die Behandlung der durch Cheyletiellen ausgelösten Hauterscheinungen sollte – wie bei jedem Milbenbefall – symptomatisch mit lokalen Antipruritusmitteln durchgeführt werden. Die Anwendung von Kortikosteroidhaltigen Emulsionen ist ebenfalls üblich. Bei Superinfektionen ist die Applikation von antibakteriellen Mitteln empfehlenswert. Bei unstillbarem Juckreiz können leichte Sedativa oder Antihistamine notwendig sein. Allerdings bilden sich die Hautsymptome bei Unterbrechung des Körperkontaktes mit dem Tier auch spontan zurück. Dringend erforderlich ist jedoch die Quellensanierung, das heißt die Therapie der Tiere durch Veterinärmediziner zwecks Rezidivprophylaxe. Leben mehrere Tiere im Haus, sollten sie alle simultan mitbehandelt werden (1). Üblich sind für Tiere Pyrethrumpräparate, Schwefelpuder oder auch Methylcarbamat (19).


Zitierweise dieses Beitrags:
Dt Ärztebl 1996; 93: A-829–830
[Heft 13]
Die Zahlen in Klammern beziehen sich auf das Literaturverzeichnis im Sonderdruck, anzufordern über die Verfasser.


Anschrift für die Verfasser:
Akad. Dir. Dr. med. Said A. Qadripur
Universitäts-Hautklinik Göttingen
Von-Siebold-Straße 3
37075 Göttingen

1.Alexander J O'D: Arthropods and Human Skin. Berlin: Springer, 1984
2.Bjarke T, Hellgren L, Orstadius K: Cheyletiella parasitivorax dermatitis in man. Acta Dermatovenerol 1973; 53: 217-224
3.Brandrup F, Andersen KE, Kristensen S: Infektion beim Menschen und beim Hund mit der Milbe Cheyletiella yasguri Smiley. Hautarzt 1979; 30: 497-500
4.Dal-Trio R, Taraglio S, Tomidei M, Vercelli A: Dermatite da Cheyletiella. Descrisione di otto casi e revisine della lettertura. G Ital Dermatol Venerol 1990; 125: 19-24
5.Davies JHT: Another acarian disease. Br J Dermatol 1938; 50: 243-244
6.Fox TS, Ewing SA: Morphologic features behavior and life history of Cheyletiella yasguri. Am J Vet Res 1969; 30: 269-276
7.Hewitt M, Walton GS, Water House P: Pet animal infestations and human skin lesions. Br J Dermatol 1971; 85: 215-225
8.Kiffer M, Kristensen S, Hallas TE: Prurigo and pets: the benefit from vets. Br Med J 1979; 1: 1538-1540
9.Lee BW: Cheyletiella Dermatitis a report of fourteen cases. Cutis 1991; 47: 111-114
10.Lomholt S: To tilfaelde af dyrefant hos mennesket (Cheyletiella parasitivorax). Hospitaltidende 1918; 61: 1098-1099
11.McGarry JW: Identification of Cheyletielle Eggs in Dog Faeces. Vet Rec 1993; 132: 359-360
12.Mègnin P: Mémoire sur les Cheyletides parasites. J Anat Phys 1878; 14: 416-441
13.Mumcuoglu Y, Rufli T: Dermatologische Entemologie. Erlangen: Perimed; 1983
14.Olsen SJ, Roth H: On the mite Cheyletiella parasitivorax occurring on cats, as a facultative parasite of man. J Parasit 1947;33: 444-445
15.Parish LC, Schwarzman RM: Zoonoses of dermatological interest. Sem Dermatol 1993; 12: 57-64
16.Rack G: Cheyletiella yasguri Smiley 1965 (Acarina, Cheyletiellidae), ein fakultativ menschenpathogener Parasit des Hundes. Z Parasitenk 1971; 36: 321-334
17.Smiley RL: A review of the family Cheyletiellidae (Acarina). Ann Entemol Soc Amer 1970; 63: 1056-1078
18.Tomsett LR:Mite infestation of man contracted from dogs and cats. Br Med J 1968; 3: 93-95
19.Walton GS: Cheyletiella infestation of man and domestic animals. Vet Rec 1970; 87: 95-96

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