ArchivDeutsches Ärzteblatt13/1996Anerkennung von Wirbelsäulenschäden als Berufskrankheit

MEDIZIN: Diskussion

Anerkennung von Wirbelsäulenschäden als Berufskrankheit

Fabisiak, Reinhard; Krämer, Jürgen

Zu dem Beitrag von Prof. Dr. med. Jürgen Krämer und Dr. jur. Stephan Brandenburg in Heft 38/1995
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LNSLNS Vollständige Gutachten Die schicksalhafte Entstehung von Verschleißschäden an der Wirbelsäule ist bekannt und korreliert mit der Vielzahl sogenannter prädiskotischer Deformitäten. In einem Gutachten reicht es aber nicht aus, die Schicksalhaftigkeit mit Hinweis auf eine dieser Veränderungen zu behaupten, sondern sie muß auch belegt werden. Es verstößt möglicherweise gegen den Grundsatz der Gleichbehandlung, wenn schon die vorhandene prädiskotische Deformität Beweisrang erhält. Im medizinischen Wissen besteht überhaupt keine einhellige Auffassung über die Schicksalhaftigkeit von Erkrankungen. Zumindest soll deshalb in einem Gutachten erkennbar werden, daß um diese Fragestellung gerungen wurde und nicht nur die Behauptung der Schicksalhaftigkeit aufgeführt ist, weil sonst die Schutzwirkung des Gesetzes regelmäßig ohne höhere Beweisanforderung unterlaufen wird. In der Auffassung einer Berufsgenossenschaft beispielsweise sei es erforderlich, unter anderem eine mehrsegmentale Schädigung mit von oben nach unten abnehmender Qualität festzustellen. Diese Prämisse bestreite ich. Sie engt mögliche versicherte Schäden in einer idealen theoretischen Annahme so ein, daß im Gegenteil die mögliche Überlappung mit einer physiologischen Degeneration nicht abgrenzbar ist. Eine harmonische Abstufung der Degeneration kann "normal" sein, wie sie unter anderem bei nicht wesentlich über das Niveau normaler Schwerkraftbelastung hinausgehender Tätigkeit angetroffen wird. In gesetzlich "unbelasteten Sitzberufen" finden sich aber auch Monosegmentalläsionen, bei denen die angrenzenden Wirbelsäulenabschnitte nur sehr geringe knöcherne Reaktionen, die peripheren Gelenke überhaupt keine Degeneration aufweisen. Harmonische Abstufungen der Degeneration, wie es die Berufsgenossenschaft bei einem meiner Patienten unter anderem zur Anerkennung forderte, sind nur Teilmenge möglicher biologischer Reaktion weniger belasteter Wirbelsäulen.
Biologischer Umbau unter statistischer Krafteinleitung in die Wirbelsäule, wie es bei belastender Tätigkeit die Regel ist, schafft ein buntes Bild degenerativer Veränderungen an Achsenskelett und Gelenken, was auch dem derzeitigen Kenntnisstand über die Formen biologischer Reaktionsweise entspricht. Die Interpretation "bandscheibenbedingt" nach Krämer bezieht sich auf die Summe der beobachtbaren Äußerungen der Erkrankung. Die in der theoretischen Konstruktion von der Berufsgenossenschaft vorausgesetzte Diagnose eines Primärschadens an der Bandscheibe mit erst hieraus resultierender Schädigung an den Bewegungssegmenten folgt dabei nicht der orthopädischen Einschätzung und trennt sprachlich, was im Nachweis am Objekt mit den verfügbaren Mitteln nicht geleistet werden kann.
Oft liegt bei belastender Tätigkeit, zum Beispiel im Bauberuf, eine Multimorbidität vor. Es verwundert den Orthopäden nicht, wenn ein chirurgischer Gutachter bei einem "Bandscheibenpatienten" ein Jahr, nach dem dieser seine belastende Tätigkeit aufgegeben hat und bereits EU-Rente bezieht, nicht die Zeichen akuter Ischialgien findet. Es bleiben dann immer noch wesentliche bandscheibenbedingte Einschränkungen der Wirbelsäulenbelastbarkeit nachweisbar und prägen mit den Worten des sozialen Entschädigungsrechtes durch "wiederkehrende Nerven- und Muskelreizerscheinungen mit anhaltender Funktionsbehinderung" den Verlauf einer solchen Erkrankung. Lasteinleitungen in die Wirbelsäule erfolgen in der Regel über die Arme, was Chirurgen gut an ihrer eigenen Halswirbelsäule feststellen können. Die umbauenden Veränderungen im Handgelenk, die ich zum Beispiel bei Bauarbeitern bis hin zur karpalen Instabilität am Ende des Berufslebens finde, können Hinweise auf das Integral der Lasteinleitung über die Peripherie in die Wirbelsäule sein. Zusammenfassend bestehen meine wesentlichen Bedenken gegenüber der gegenwärtigen Praxis der Begutachtung und Anerkennung darin, daß prädiskoide Deformitäten ausschlaggebenden Beweisrang gegenüber der Arbeitsbelastung erlangen, was unter anderem zur Ungleichbehandlung der Versicherten führen kann (Krankenschwester mit Wirbelgleiten L5/S1 und Bandscheibenschaden L4/5 ist derzeit zum Beispiel chancenlos!). Aufgrund der daraus resultierenden niedrigen Anerkennungsquote von etwa zwei Prozent kommt die Schutzwirkung des Gesetzes einschließlich der sich daraus ergebenden Rehabilitations- und Präventionsmöglichkeiten nicht zum Tragen.


Dr. med. Reinhard Fabisiak
Schützenplatz 32
33259 Salzgitter


Schlußwort Die zur Zeit niedrige Anerkennungsquote bei Anträgen auf Anerkennung von Wirbelsäulenschäden als Berufskrankheit resultiert unter anderem daraus, daß viele Antragsteller in Unkenntnis der gesetzlichen Vorgaben ihre Anträge gestellt haben, ohne zu berücksichtigen, daß sie nicht zu den betroffenen Berufsgruppen gehören oder (und) nicht die beruflichen Voraussetzungen erfüllen. So haben zum Beispiel zahlreiche Ärzte Anträge gestellt, ohne zu wissen, daß Ärzte nicht zu den Berufsgruppen gehören, die in der Berufskrankheitenverordnung genannt sind.
Prädiskotische Deformitäten wie Skoliosen, Scheuermann und Wirbelgleiten sind zwar von wesentlicher Bedeutung für den Ausschluß einer berufsbedingten Schädigung, der Fachgutachter, in der Regel ein Orthopäde, muß jedoch den Stellenwert einer anlagebedingten Deformität im Rahmen der Gesamterkrankung genau ermitteln und prüfen, ob es nicht durch die berufsbedingte Belastung zu einer richtunggebenden Verschlimmerung des anlagebedingten Leidens gekommen ist. Diese Beurteilungen sind äußerst schwierig und erfordern fachliche Kompetenz. Die Diskussion um die Berufserkrankungen Wirbelsäule ist noch keineswegs abgeschlossen und wird regelmäßig auf Fachtagungen, unter anderem auf dem Deutschen Orthopädenkongreß vom 17. bis 20. Oktober 1996 in Wiesbaden, fortgeführt.


Prof. Dr. med. Jürgen Krämer
Direktor der Orthopädischen Universitätsklinik
St. Josef-Hospital
Gudrunstraße 56
44791 Bochum

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