ArchivDeutsches Ärzteblatt13/1996Grado – Ferien auf der Sonneninsel

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Grado – Ferien auf der Sonneninsel

Kloiber, Otmar

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LNSLNS Zugegeben, meine Vorstellungen von Italien waren immer noch überschattet von Rom-Impressionen, die mich in alptraumartigen Erinnerungen als hilflos-verlassenen Fußgänger in einer Stadt irrwitziger Autofahrer stets alles Schöne und Großartige dieses Ortes vergessen ließen. Auch der Gedanke, meine Ferien – wie eine Hackfleischbulette bei Burger King – mit "Grillen" am Strand zu verbringen, törnte mich nicht an.
Wieso also Grado an der italienischen Adria? Außer in den Kongreßankündigungen des Ärzteblattes nie was von gehört! Kein Jet-Set, der sich dort tummelt wie in Cannes oder Marbella (hätte mir auch nicht geholfen). Keine Skandale wie in Rimini oder auf Gran Canaria – das hätte wenigstens einen lasziven Charme! Keine weltberühmten Touristenattraktionen wie das Empire State Building in New York oder der Eiffelturm in Paris; beiden habe ich mich bisher ohnehin hartnäckig verweigert.
Grado sei anders. Wie anders? Charmanter, ruhiger – eben ein Platz für Leute, die sich in den Ferien nicht den Kick fürs Jahr holen müssen. Aha! Warum dann nicht gleich Bad Oeynhausen? Ist doch auch ganz schön. In Grado gibt es Fortbildung für Ärzte? Kann ich auch zu Hause haben – aber da habe ich nie Zeit. Schon gut, überredet.
Auf der Hinfahrt biege ich von der Autobahn ab und übernachte in Berchtesgaden. Die zweite Etappe über die Alpen ist angenehm, das Wetter schön, und rasch bin ich in der Ebene Friauls.


Habsburger Erbe
Grado liegt auf einer Insel. Das wird mir klar, als ich die lange Allee, auf der ich seit der Autobahnabfahrt fahre, verlasse und auf den Damm komme, der Grado mit dem Festland verbindet. Auch wenn Grado zur friulischen Provinz Gorizia/Görz gehört, sein Bild ist venezianisch – weniger weil es auch eine Lagunenstadt ist, sondern vielmehr wegen der wechselseitigen engen Abhängigkeit der beiden Städte. Aber dann steht da noch ein Schild auf dem Damm: "Grado, der Strand Mitteleuropas", geziert von einer Strandschönheit. Zu Zeiten der Habsburger war Grado das "K. u. K.-Seebad" mit Eisenbahnanbindung nach Wien. Daher der Charme? Vielleicht, aber Grado ist auch und vor allem italienisch: lebenslustig, kinderfreundlich, ungezwungen.
Die Spuren der Habsburger sind noch da: alte Villen mit deutschen Spruchbändern am Sims, eine "Mitteleuropäische Gesellschaft" mit Ankündigungen in Italienisch, Slowenisch, Deutsch, Friulenisch (einer rätoromanischen Sprache). Das ist keine Eisbein - mit - Sauerkraut - Becks -Bier-Man-spricht-deutschErfahrung, das ist europäische Geschichte, und die Gradeser sind stolz darauf.
Die Sonneninsel ist eigentlich recht klein gewesen. Sie umfaßte die heutige Altstadt, die wegen der Befestigung, die sie zu Zeiten der Völkerwanderung bekam, "Castrum" heißt, und den Hafen. Wesentliche Teile des modernen Grado sind in den 30er und 60er Jahren künstlich angelegt worden. Aber die langgezogene Altstadt hat mit ihren verwinkelten, malerischen Gassen und ihrem Y-förmigen Hafen den Charakter eines Fischerdorfes nie verloren, auch wenn Fischerei hier nicht mehr die Haupteinnahmequelle und der Hafen längst eine "Marina" ist. Sant’ Eufemia, der antike Dom, ist das wichtigste von drei frühchristlichen Sakralbauwerken auf der Insel, die dem Kunstinteressierten zur Kurzweil verhelfen und die nach wie vor das geistige und kulturelle Zentrum Grados sind.
Die Hauptattraktion ist natürlich der Strand: er wirkt auf den ersten Blick mit den farblich sortiert in Reih und Glied stehenden Sonnenschirmen selbst für einen Deutschen erschreckend aufgeräumt. Das ist er auch. Im Vergleich mit der Liegewiese eines deutschen Freibades ist der Gradeser Strand geradezu klinisch rein. Der Platz unterm Sonnenschirm hat seinen Preis, aber dafür muß ich auch nicht aufpassen, ob ich als nächstes in einen Zigarettenstummel, einen Kronkorken oder eine leere Eistüte trete. Für einen Badeurlaub ist die Eintrittskarte zu einem der feinsten Sandstrände Europas gut investiertes Geld. Mehr noch freut mich, daß ich als Kongreßteilnehmer freien Eintritt zum Strand habe. Der Bagnero – "Bademeister" wäre unzutreffend – ist nur für einen kleinen überschaubaren Abschnitt seines Strandes verantwortlich, und daß er es ernst meint, daran läßt er keine Zweifel. Er kennt seine Gäste, und Fremde werden aufmerksam beobachtet.
Am Strand, im Restaurant, im Eiscafé, die es übrigens in ausreichender Zahl gibt, lieben es die Italiener zu parlieren – besonders gerne mit dem Telefonino, neudeutsch Handy, bei dessen Benutzung kritische Zeitgeister in Deutschland entweder den Untergang der abendländischen Kultur herannahen oder ihre Gene im Elektrosmog dahinmutieren sehen.
Den Italienern mögen wir Deutsche wohl etwas neurotisch erscheinen. Und während ich am ersten Tag zu den Fortbildungsveranstaltungen im Kongreßzentrum noch mit dunklem Anzug und Krawatte erscheine, mag ich ihnen am Ende der Woche zustimmen. Nächstes Mal ist mein Koffer leichter.
Wer mit dem Auto anreist oder sich einen Mietwagen nimmt, kann von der günstigen Lage Grados Gebrauch machen und die Umgebung bereisen. Udine, Triest, die Höhlen des Triestiner Karstes, die Weinberge des Collio, das geteilte Görz (italienisch: Goricia, slowenisch: Nova Gorica), die Festungsstadt Palmanova, ja, auch Venedig liegen in der Reichweite einer Autostunde, und man sollte sie sich ansehen (wenn man nichts Besseres vorhat).
Eine historische Perle liegt wenige Kilometer nördlich von Grado: Aquilea, die einstige große Handelsstadt des Römischen Reiches an der nördlichen Adria. Lange bevor Venedig zur Geltung kam, waren Aquilea ein bedeutendes Handelszentrum mit Bischofssitz (genau: Patriarchensitz) und Grado sein Hafen. Die Ruinen und Ausgrabungen zeugen von der Größe und Wichtigkeit der Stadt, die an Bedeutung verlor, spätestens als die Langobarden in der zweiten Hälfte des sechsten Jahrhunderts einfielen. Der Bischofssitz von Aquilea wurde nach Grado verlegt, das ihn im ausgehenden Mittelalter an seine Tochterstadt Venedig verlor.
Anreise
Eilige kommen geflogen. Über München (pardon, den Großflughafen in der Nähe von Deggendorf) fliegt man den Flughafen Ronchi (Triest) an, der in Taxi-Weite von Grado entfernt liegt.
Bleifüße fahren über München, Salzburg, Villach, Udine in Richtung Triest bis zur Abfahrt Palmanova/Grado. Dort rechts ab und immer geradeaus. Bei schönem Wetter ist die Fahrt über die Alpen natürlich grandios.
Wer die Eisenbahn liebt, fährt in Richtung Venedig, steigt in Mestre um und fährt per Nahverkehr bis Cervignano und von dort mit dem Taxi oder Bus nach Grado, oder in Richtung Triest bis Udine und von dort aus mit dem Bus.
Besonders Clevere nehmen den Autoreisezug bis Villach und fahren von dort das letzte Stück selbst (rund zwei Stunden).
Dr. med. Otmar Kloiber

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