ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2011Ästhetisch-kosmetische Medizin: Schönheit hat ihren Preis

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Ästhetisch-kosmetische Medizin: Schönheit hat ihren Preis

Dtsch Arztebl 2011; 108(26): A-1468 / B-1238 / C-1234

Hibbeler, Birgit; Siegmund-Schultze, Nicola

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Die Schönheitschirurgie ist ein boomender Markt – und ein Grenzbereich. Wenn Ärzte ohne medizinische Indikation operieren, treten sie nicht mehr als „Heiler“ auf, sondern als „Wunscherfüller“. Das verändert das Arztbild.

Foto: Mauritius
Foto: Mauritius

Sabine Gübler* ist eine Frau, nach der sich sicher viele Männer auf der Straße umdrehen: groß, schlank, schulterlanges braunes Haar, strahlende Augen. Auch an ihrem Outfit passt alles zusammen, inklusive der hochhackigen Lederstiefel. Niemand, der ihr begegnet, würde denken, an ihr sei etwas „nicht echt“. Doch die 40-Jährige hat nicht nur ein wenig nachgeholfen. Eigentlich ist sie „rundum erneuert“.

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Angefangen hatte es 2008 mit einer Brustvergrößerung. Nachdem sie ihr drittes Kind abgestillt hatte, sei von ihrer ohnehin kleinen Brust nicht mehr viel übrig gewesen, berichtet sie. Das wollte sie ändern. 2009 ließ sie sich dann die Nase operieren. „Der Nasenhöcker war eigentlich schon seit meiner Jugend ein Thema“, sagt Gübler. Wenig später folgte ein vergleichsweise kleiner Eingriff, das Unterspritzen von Wangen und Stirn. Zuletzt, im Januar dieses Jahres, strafften ihr die Chirurgen noch Bauchdecke und Augenlider. Von dem Ergebnis ist sie absolut begeistert. „Es sieht nicht gemacht aus“, meint sie. Nicht maskenhaft, sondern natürlich. Sie habe ja auch nicht ganz anders aussehen wollen. Nach den Eingriffen habe sich ihr Lebensgefühl verändert. Sie sei viel selbstbewusster geworden. Was die Operationen gekostet haben, kann sie nicht sagen. „Da müssen Sie meinen Mann fragen.“

Sabine Gübler ist Patientin der „Mang Medical One Schönheitsklinik“ in Düsseldorf. Ein entscheidender Grund dafür, dass sie schon so oft hier war, ist Dr. med. Uwe Herrboldt, Facharzt für Chirurgie sowie Plastische und Ästhetische Chirurgie und Leiter der Einrichtung. Sie vertraue ihm vollkommen, sagt Gübler. Tatsächlich ist die Atmosphäre familiär. „Das schätzen die Patienten“, berichtet Herrboldt. Die Klinik liegt in einem Ärztehaus in der Innenstadt und hat fünf Betten. Zwei Ärzte und vier Pflegekräfte kümmern sich um die Patienten. Anästhesisten für die Operationen kommen aus einer Praxis einige Stockwerke tiefer. Eine Vergrößerung der Brüste kostet hier circa 7 000 Euro.

Die Mang-Klinikkette steht exemplarisch für einen Bereich der Medizin, der immer stärker nachgefragt wird. Die Schönheitschirurgie boomt. Nach Angaben der Deutschen Gesellschaft der Plastischen, Rekonstruktiven und Ästhetischen Chirurgen (DGPRÄC) stand Deutschland im Jahr 2009 international bei ästhetischen Eingriffen auf Platz acht: nach den USA, Brasilien, China, Indien, Mexiko und Südkorea (1).

Genaue Zahlen zu ästhetischen Eingriffen gibt es nicht. Die Gesellschaft für Ästhetische Chirurgie Deutschlands (GÄCD) schätzt die Zahl der allein durch ihre 450 Mitglieder vorgenommenen Eingriffe für 2009 auf circa 400 000, inklusive Faltenbehandlungen, wie eine Sprecherin mitteilte. Auch lässt sich nur vermuten, wie viele Ärzte ästhetisch-kosmetisch tätig sind: Mehr als 2 000 waren es einem Gutachten zufolge, das das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) in Auftrag gegeben hatte (2). Die Zahl bezieht sich auf das Jahr 2006.

Nach Umfragen der Deutschen Gesellschaft für Ästhetisch-plastische Chirurgie (DGÄPC) aus den Jahren 2004 und 2010 werden etwa 80 Prozent der Schönheitsoperationen in Deutschland an Frauen vorgenommen, die meisten sind unter 41 Jahren. Auf Platz eins stehen demnach Eingriffe an der Brust (Augmentation, Reduktion), gefolgt von Liposuktion, Lidstraffung, Bauchdeckenstraffung und Nasenkorrekturen (3). Hinzu kommen Faltenbehandlungen mit Botoxinjektionen und Unterspritzungen mit „Fillern“ wie Hyaluron-, Polymilchsäure oder Alginaten. Die Tendenz bei diesen Behandlungen ist steigend, vor allem bei Männern. Ungefähr ein Drittel der Nachfrager ist höchstens 30 Jahre alt (Grafik).

„Die ästhetische Chirurgie ist ein wachsender Markt“, bestätigt Herrboldt. Mang Medical One ist heute eine Kette mit 18 Standorten in Deutschland, davon sind acht stationäre Einrichtungen (97 Betten) und zehn ambulante Ästhetikcenter. Mang Medical One hat 220 Mitarbeiter, darunter 25 Fachärzte. Im Jahr werden circa 10 500 Eingriffe vorgenommen, von Anti-Anging-Maßnahmen wie Botoxapplikationen bis zu chirurgischen Eingriffen wie Korrekturen der Brust oder Fettabsaugungen. Der Namensgeber des Unternehmens, Prof. Dr. med. Werner Mang, arbeitet in der Bodenseeklinik. Der Nettoumsatz des Unternehmens liegt bei 28 Millionen Euro.

Aus Sicht von Herrboldt hat das zunehmende Interesse an ästhetisch-kosmetischer Medizin vor allem soziokulturelle Ursachen. Die Bevölkerung werde immer älter, bleibe aber lange vital. „Viele Menschen sind nicht bereit, die altersbedingten Veränderungen an ihrem Körper hinzunehmen.“ Allerdings beobachtet er auch ein Interesse an Operationen, die es früher kaum gegeben hat. Dazu zählten intimchirurgische Eingriffe, meist Verkleinerungen der Schamlippen. „Da gab es vor 20 Jahren überhaupt noch keine Nachfrage“, erklärt er. Heute führe er in seiner Einrichtung im Jahr etwa 15 Labienverkleinerungen durch.

Ein Grund dafür, dass die Anzahl dieser Eingriffe zunehme, liegt seiner Meinung nach unter anderem daran, dass sich heute viele Frauen im Intimbereich rasieren. Erst dadurch empfänden die Betroffenen ihre kleinen Schamlippen als zu groß oder unförmig.

Herrboldts Erfahrung deckt sich mit der Einschätzung der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG). Die Anzahl kosmetischer Eingriffe am weiblichen Genitale nehme zu. Im BMELV-Gutachten wurde die Zahl der Schamlippenkorrekturen für 2005 auf circa 1 000 geschätzt, mit erheblicher Dunkelziffer. Die GÄCD gibt für 2009 die Zahl der intimchirurgischen Eingriffe allein durch ihre Mitglieder mit 1 454 an.

Die DGGG sieht diese Entwicklung mit Sorge. In einer Stellungnahme zur Intimchirurgie heißt es: „Risikoeinschätzungen und Komplikationsraten bei allen kosmetischen Operationen am weiblichen Genitale fehlen.“ Zwar seien
Komplikationen bei erfahrenen Chirurgen offenbar nicht häufig, sie ließen sich aber nicht ausschließen und würden teilweise ungenügend dokumentiert.

Nicht nur für die Intimchirurgie, sondern für die gesamte ästhetische Chirurgie gilt: Es gibt keine aktuellen, belastbaren Zahlen zur Häufigkeit der verschiedenen Komplikationen in Deutschland. „Leider ist es sehr schwierig, die Kolleginnen und Kollegen zu Meldungen von unerwünschten Folgen ästhetischer Eingriffe zu motivieren“, sagt Dr. med. Matthias Gensior (Korschenbroich), Generalsekretär der GÄCD. Während Botoxinjektionen seiner Ansicht nach sehr sicher seien, würden die Risiken von Unterspritzungen mit „Fillern“ möglicherweise unterschätzt. Seiner Kenntnis nach komme es bei 20 bis 30 Prozent dieser Behandlungen zu unerwünschten Effekten wie stärkeren Lokalreaktionen, Knötchenbildung und Ulzerationen.

Ein dramatischer Zwischenfall ereignete sich im Januar dieses Jahres. Eine 23-jährige Frau aus Hamburg starb an den Komplikationen der fünften Brustvergrößerung. Ihr Busen sollte mit Hilfe von Implantaten auf ein Volumen von circa 800 Millilitern vergrößert werden – pro Seite. Solch extreme Brustaugmentationen werden von den meisten plastisch-ästhetischen Chirurgen abgelehnt. Nicht nur, weil sie zu einem unnatürlichen Erscheinungsbild führen, sondern auch, weil sie die Haut und – wegen der anomalen Gewichtsverteilung – den Rücken belasten. „Völlig unverantwortlich“, nennt Prof. Dr. med. Peter Vogt (Hannover), Präsident der DGPRÄC, das Verhalten der Ärzte.

Bei Frauen mit Kochsalz- oder Silikonimplantanten in der Brust haben Mediziner aus den USA kürzlich ein sehr geringes, aber statistisch signifikant erhöhtes Risiko für eine seltene Form von Lymphdrüsenkrebs gefunden, das großzellige anaplastische T-Zell-Lymphom (ALCL). „Man muss bei entsprechendem Therapiewunsch nun auf dieses Risiko hinweisen, auch wenn es minimal ist“, sagt Gensior. Bei periprothetischen Late-onset-Serombildungen, unklaren Schwellungen oder Kapselfibrosen gelte es, entsprechend den Empfehlungen aus den USA an die Diagnose eines ALCL zu denken.

Warum setzen sich Menschen den potenziellen Risiken solcher Eingriffe immer häufiger aus? Sozialpsychologen hielten den Trend zur Körperveränderung mit chirurgischen Mitteln für eine Folge der Individualisierung und des Anspruchs an immer höhere Flexibilität, erläutert die Medizinpsychologin Dr. phil. habil. Dipl.-Psych. Ada Borkenhagen aus Berlin (4). „Die meisten Menschen, die ästhetische Medizin in Anspruch nehmen, möchten nicht ihre Identität ändern. Im Allgemeinen möchten sie ihren Körper dem Lebensentwurf anpassen, vergleichbar einem Kleid“, sagt Borkenhagen im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt. „Traditionelle Bindungen lösen sich auf. Der Körper wird zum Investitionsgegenstand, den man im Rahmen der Berufskarriere und der Partnersuche mehrfach im Leben anbietet.“

Borkenhagen sieht ästhetisch-medizinische Eingriffe vor allem dann kritisch, wenn psychiatrische Erkrankungen als Ursache für den Wunsch übersehen werden. Publizierte Studien, aber auch eigene veröffentlichte Daten zur Lebensqualität von Frauen nach Brustreduktionsplastiken weisen nach Auffassung von Borkenhagen darauf hin, dass die meisten Klienten mit dem Ergebnis zufrieden seien (6, 7). Unzufrieden äußerten sich Patienten vor allem dann, wenn es Komplikationen gebe. Allerdings könne der Trend zur ärztlich unterstützten Verjüngung eine Altersdiskriminierung fördern und eine Aufspaltung der Gesellschaft in Menschen, die sich Jugendlichkeit und gutes Aussehen leisten können – oder eben nicht.

Aus Sorge über die Folgen überzogener Schönheitsideale hat die Bundes­ärzte­kammer (BÄK) 2005 die „Koalition gegen den Schönheitswahn“ initiiert. Gemeinsam haben Vertreter aus Politik, Kirchen und medizinischen Fachgesellschaften an die Medien appelliert, über ästhetisch-chirurgische Eingriffe verantwortungsbewusster zu berichten und vor allem Kinder und Jugendliche nicht als Zielgruppe anzusprechen.

Den zunehmenden Trend zur Körperoptimierung durch die Medizin sieht Borkenhagen zwar in erster Linie durch die Medien vermittelt. Werbung vonseiten der Medizin könne aber auch dazu beitragen.

„Willkommen in der Zukunft: Brustvergrößerung mit Stammzellen, gewonnen aus eigenem Fett“, lautet zum Beispiel ein Slogan auf der Homepage der Kölner „T-Klinik am Rudolfplatz“ (5). Auf der Website des Unternehmens Mang Medical One findet man Formulierungen wie „der sanfte Weg zur Schönheit“ und „Schönheitschirurgie ist Wohlfühlchirurgie“. Dass aber die Werbung das Wachstum in der Branche maßgeblich generiere, glaubt Klinikchef Herrboldt nicht. Den Ausschlag gäben gesellschaftliche Prozesse. Dass sein Unternehmen Patienten offensiv Finanzierungsmodelle mit der Möglichkeit zur Ratenzahlung anbietet, findet er nicht verwerflich. Das ermögliche lediglich einer breiteren Bevölkerungsschicht, die ästhetische Chirurgie in Anspruch zu nehmen.

Bestimmte Formen der für jedermann zugänglichen Werbung wie „Vorher-nachher“-Fotos verbietet das Heilmittelwerbegesetz (8). Grundsätzlich sei eine offensive Werbung für ästhetisch-kosmetische Medizin innerhalb der Fachgesellschaften umstritten, sagt Gensior. Einige Klinikketten seien „deutlich merkantiler“ ausgerichtet als Ärzte, die in niedergelassener Praxis tätig sind oder mit Kliniken der Regelversorgung zusammenarbeiteten.

Für Behandlungen, die nicht medizinisch indiziert sind, hat der Sozialphilosoph Prof. Dr. phil. Matthias Kettner den Begriff „wunscherfüllende Medizin“ geprägt. Diese reagiert auf die zunehmende Nachfrage von Patienten nach „Vitaloptimierung“, wie es Kettner nennt (9). Mit Lifestyle-Leistungsangeboten entferne sich der Arzt von seinen Kernaufgaben: der Prävention und Therapie von Krankheiten, dem Mindern von krankheitsbedingten Leiden und der Fürsorge für Patienten, wenn Heilung nicht möglich sei.

In einer öffentlichen Anhörung zum Thema Schönheitsoperationen und Verbraucherschutz vor dem Gesundheitsausschuss des Deutschen Bundestages im April 2008 wurden die Übergänge zwischen medizinisch notwendigen Behandlungen und ästhetischen Eingriffen allerdings als „fließend“ bezeichnet (10). Ästhetisch-chirurgische Eingriffe können medizinisch indiziert und damit auch über die gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) abzurechnen sein, zum Beispiel Korrekturen der Ohren, wenn sie zur Stigmatisierung führen, oder eine Straffung der Oberlider bei massiven Gesichtsfeldbeeinträchtigungen. Es gibt in diesem Bereich individuelle Gesundheitsleistungen (IGeL), zum Beispiel Brustreduktionen bei Makromastie, abzurechnen nach der Amtlichen Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ). Bestimmte Kliniken oder rein ästhetisch-medizinische Institute haben auch Pauschalhonorare außerhalb der GOÄ.

„Die rein ästhetisch-kosmetische Chirurgie bewegt sich in einem Grenzbereich der Medizin“, sagt Vogt. „Meines Erachtens sind solche Eingriffe dann gerechtfertigt, wenn sie einen echten Zugewinn an Lebensqualität erwarten lassen bei minimalem Risiko. Da sich der Arzt eine Erwerbsquelle erschließt, die über das GKV-System hinausgeht, besteht die Gefahr, den Nutzen zu überschätzen und mögliche Komplikationen unterzubewerten. Es gehört zur guten Versorgungsqualität, sehr gut über Risiken aufzuklären und dies zu dokumentieren.“

Korrekturen der Nase sind häufige Eingriffe unter den Schönheitsoperationen. Fotos: Lajos Jardai
Korrekturen der Nase sind häufige Eingriffe unter den Schönheitsoperationen.
Fotos: Lajos Jardai

Am Begriff „Wunscherfüllungsmedizin“ stört sich Herrboldt. „Wir sind hier nicht im Kaufhaus, und das hier ist auch kein Wunschprogramm“, sagt er. So lehne er Operation ab, wenn er den Eindruck habe, dass die Erwartung des Patienten nicht erfüllt werden könne. Wichtig sei das intensive Gespräch vor dem Eingriff. Auch wenn seine Patienten Selbstzahler sind: „Kunden“ sind sie für Herrboldt nicht. Trotzdem steht für ihn fest: „Medizin ist heute – ob wir das nun wollen oder nicht – ein Stück weit Geschäft.“ Vor diesem Hintergrund habe die ästhetische Chirurgie keine Sonderrolle. Stichwort: IGeL im kassenärztlichen Bereich. „Was wir hier machen, ist nur deutlich erkennbarer Geschäft“, erklärt Herrboldt. Dennoch fühlt er sich eindeutig als Arzt.

Ärztlich-kosmetische Interventionen würden zunehmend sicherer, weniger invasiv und weckten damit auch neuen Bedarf, meint Borkenhagen. Kettner wird noch deutlicher: Der Klient der wunscherfüllenden Medizin entstehe aus dem „Enhancement der Medizin selbst, aus der Erweiterung ihrer Zielbindung und ihres entgegenkommenden Angebots, zur Verwirklichung eines guten Lebens beizutragen, wie sich der Einzelne dies ausmalt“ (7). Denn irreversible Körpermodifizierungen durch medizinische Intervention stellten Normen des Ästhetischen und des Pathologischen infrage und seien damit ethisch bedeutsam.

Auch die Zentrale Ethikkommission (ZEK) bei der BÄK „beobachtet gravierende Veränderungen des ärztlichen Berufsbildes, die sich durch ökonomische, technische und rechtliche Entwicklungen im Zusammenhang mit Werbung und neuen Formen der technischen Kommunikation ergeben“, heißt es in einer Stellungnahme der ZEK vom Oktober letzten Jahres (11). Problematisch könne die „Erschließung neuer Märkte in der Medizin“ dann sein, wenn sie die unbegründete Hoffnung wecke, der Patient könne seine Gesundheit und körperliche Leistungsfähigkeit ungeachtet wirklicher Gefährdungen nur durch meist selbst finanzierte, ärztliche Leistungen erhalten oder verbessern. Die ZEK verweist auf den im Vergleich zu anderen Berufen besonderen Vertrauensvorschuss des Arztes und dessen besonderen professionellen Kompetenzvorsprung, was bei ärztlicher Werbung im Vergleich zu gewöhnlicher Wirtschaftswerbung zu berücksichtigen sei.

Allein aufgrund der Zugehörigkeit zum Berufsstand „Arzt“ könne der Patient mit bestimmten Verhaltensweisen rechnen, sagt der Medizinethiker Prof. Dr. Dr. phil. Urban Wiesing (12). Der Sinn eines verbindlichen Berufsethos liege gerade darin, dass es ein solches „antizipatorisches Systemvertrauen“ ermögliche. Umgekehrt sei aber das Vertrauen in die Ärzteschaft nicht zwingend schon deshalb gefährdet, weil der Krankheitsbezug fehle. Schon lange nähmen Ärzte zum Beispiel Schwangerschaftsabbrüche oder Sterilisationen vor. Um das „antizipatorische Systemvertrauen“ durch ästhetische Medizin nicht zu gefährden, müssten allerdings hohe Qualitätsanforderungen erfüllt sein, und bei Kindern und Jugendlichen sollten grundsätzlich ästhetische Korrekturen nur mit dem Ziel vorgenommen werden, Stigmatisierungen zu vermeiden, nicht aber, um mehr Aufmerksamkeit zu erzielen. Bei der Anhörung vor dem Gesundheitsausschuss 2008 sprach sich auch Dr. med. Cornelia Goesmann, damals Vizepräsidentin der BÄK, dafür aus, ästhetisch-chirurgische Eingriffe bei Minderjährigen nur mit medizinischer Indikation vorzunehmen. „Reine Schönheitsoperationen an Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren, die nicht medizinisch indiziert sind . . . , sollte man verbieten“, sagte die als Sachverständige geladene Ärztin. Das entspricht auch der aktuellen Haltung der BÄK.

Eine rechtliche Regelung dazu gibt es allerdings bis heute nicht, obwohl die Politik das Thema immer wieder mal aufgreift. So wurde zum Beispiel bei einer Klausurtagung der Arbeitsgruppe Gesundheit der CDU/CSU-Fraktion im März 2010 „ein generelles Verbot von medizinisch nicht indizierten Schönheitsoperationen an Minderjährigen“ vorgeschlagen.

Gegen ein generelles Verbot wehren sich die Fachgesellschaften. Zum einen sei die Zahl der rein ästhetischen Eingriffe an Minderjährigen „ziemlich klein“, meinte Dr. med. Joachim Graf von Finckenstein von der DGÄPC vor dem Gesundheitsausschuss (10). Zum anderen könne der Leidensdruck zum Beispiel bei fehlendem Brustwachstum von weiblichen Minderjährigen sehr hoch sein. Bei nicht abgeschlossenem Brustwachstum und noch nicht vollständig ausgebildetem Körperbild sollte allerdings das Einsetzen von Implantaten in die Brust verboten werden, forderte Prof. Dr. med. Marita Eisenmann-Klein (Regensburg) von der DGPRÄC (10).

Darüber hinaus fordern Politik und Fachgesellschaften ganz generell einen besseren Verbraucherschutz auf dem Gebiet der Schönheitschirurgie. Die ästhetische Medizin sei für Patienten ein „kaum zu durchschauender Markt“, konstatiert die DGPRÄC mit Blick auf die Vielzahl der Leistungsanbieter und deren Qualifikation. Denn derzeit können Ärzte ohne Zusatzqualifikation schönheitschirurgische Operationen vornehmen. Der Begriff „Schönheitschirurg“ ist nicht geschützt. „Es muss gesichert sein, dass ein Arzt nur das macht, was er kann“, bekräftigt Vogt. „Die Approbation als Generalvollmacht für alles – das ist nicht mehr zeitgemäß“, sagt Gensior (siehe Kästen).

Chirurg Herrboldt hält gerade eine Klinikkette mit einem Filialsystem – wie bei Mang Medical One – für einen Garanten hoher Qualität. „Sie setzten sich damit ja einer ungeheuren Gefahr aus: Wenn an einem Standort etwas schiefgeht, fällt das auf das Gesamtunternehmen zurück“, betont er. Insofern gebe es innerhalb des Unternehmens klare Vorgaben und Standards für Prozeduren. Das Qualitätsmanagementverfahren sei TÜV-zertifiziert. Qualitätssichernd wirke auch, dass die Einrichtungen im Anschluss an die Operation die Nachsorge übernähmen.

Da die ästhetische Chirurgie im „Selbstzahler“-Bereich stattfindet, fehlen bestimmte sozialrechtliche Vorgaben bezüglich der Qualität. Während in der GKV Ärzte und Krankenhäuser, die gewisse Anforderungen nicht erfüllen, ihre Leistungen nicht abrechnen können, entfällt dieser Kontrollmechanismus bei der Schönheitschirurgie.

Für Ärzte machen gerade die Freiheiten der ästhetischen Chirurgie das Fachgebiet interessant. Für Herrboldt stand schon während des Studiums fest, dass er Chirurg werden wollte. In sein heutiges Arbeitsfeld kam er eher zufällig, merkte dann aber recht schnell, dass ihm das Fach lag und Spaß machte – auch unter operativ-handwerklichen Aspekten. „Die ästhetische Chirurgie hat den Vorteil, dass sie außerhalb des Krankenkassensystems stattfindet“, gibt er offen zu. Im rein privatärztlichen Bereich habe man ganz andere Möglichkeiten, sich „als Arzt auszuleben“, etwa mehr Zeit, sich dem einzelnen Patienten angemessen zu widmen.

Und Sabine Gübler? Wird sie sich noch einmal operieren lassen? Sie ist unentschlossen. Derzeit sei sie sehr zufrieden mit sich und ihrem Körper, sagt Gübler. Aber vielleicht in ein paar Jahren. Wer weiß.

Dr. med. Birgit Hibbeler,

Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze

@ Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit2611

*Name geändert

Der „Schönheitschirurg“

„Schönheitschirurg“ ist kein geschützter Begriff. In der (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung gibt es den „Facharzt für Plastische und Ästhetische Chirurgie“. Die Weiterbildung dauert insgesamt sechs Jahre. Davon sind zwei Jahre Basisweiterbildung im Gebiet Chirurgie.

Neben der Facharztqualifikation existiert die Zusatzweiterbildung „Plastische Operationen“. Sie dauert zwei Jahre bei einem Weiterbildungsbefugten für Plastische Operationen. Erwerben können diese Bezeichnung Fachärzte für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde oder Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie. Die Zusatzweiterbildung bezieht sich auf Eingriffe in der Kopf-Hals-Region. BH

Urteil des BundesVerfassungsgerichts

Schönheitsoperationen darf nur vornehmen, wer dafür qualifiziert ist. Klingt einfach, wird aber in der Praxis unterschiedlich ausgelegt. Das zeigte sich kürzlich in einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts (Az.: 1 BvR 2383/10). Die Richter gaben einem Facharzt für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie recht, der Verfassungsbeschwerde eingelegt hatte.

Der Kläger, approbierter Arzt und Zahnarzt, betreibt eine Praxis, in der er Operationen im Mund-, Kiefer- und Gesichtsbereich durchführt. Daneben ist er jedoch Geschäftsführer einer Schönheitsklinik, wo er auch Eingriffe an der Brust sowie Bauch- und Oberarmstraffungen vornimmt. Das Hamburgische Berufsgericht für Heilberufe erteilte ihm daraufhin einen Verweis und verhängte eine Geldbuße von 1 500 Euro. Er habe gegen das Berufsrecht verstoßen, weil er außerhalb seines Fachgebietes tätig war. Der Arzt ging in Berufung und zog bis vor das Bundesverfassungsgericht. Das entschied: Die Verurteilung war nicht zulässig. Dabei verweisen die Richter auf das Grundrecht auf Berufsausübungsfreiheit. Die Qualität ärztlicher Tätigkeit werde durch die Approbation sichergestellt. Der Anteil an fachgebietsfremden Operationen liege unter fünf Prozent und bewege sich damit noch im geringfügigen Bereich.

Eine Klarstellung erhofft sich die Bundes­ärzte­kammer durch eine Änderung der (Muster-)Berufsordnung. Der Deutsche Ärztetag in Kiel beschloss folgende Formulierung: „Eine gewissenhafte Ausübung des Berufs erfordert insbesondere die notwendige fachliche Qualifikation und die Beachtung des anerkannten Standes der medizinischen Erkenntnisse.“ BH

1.
Presseinformation DGPRÄC: Zahlen und Fakten zur plastischen und ästhetischen Chirurgie.
2.
Korczak D: Forschungsprojekt Schönheitsoperationen: Daten, Probleme, Rechtsfragen. Abschlussbericht. München, 2007.
3.
www.dgaepc.de, Presse, Zahlen
4.
Borkenhagen, A.: Der Natur nachgeholfen. Spektrum der Wissenschaft, Gehirn und Geist 2011; (1): 30–6.
5.
Borkenhagen, A., Röhricht, F., Preiss, S., Schneider, W., Brähler, E.: Changes in
Body Image and Health-Related Quality of Life Following Breast Reduction Surgery on German Macromastia Patients. Annals of Plastic Surgery, 2007; (58): 364–70. MEDLINE
6.
Borkenhagen, A., Preiß, S. , Brähler, E.: Veränderungen von Körperbild und gesundheitsbezogener Lebensqualität im Verlauf einer Brustreduktionsplastik. Zschr. f. Klinische Psychologie, Psychopathologie und Psychotherapie. 2004; (52): 252–64.
7.
www.t-klinik.com; Homepage abgerufen am 24.05.2011
8.
Heilmittelwerbegesetz, neu gefasst durch Bekanntmachung vom 19.10.1994 (BGBl. I S. 3068); zuletzt geändert durch Art. 2 des Gesetzes vom 29. August 2005 (BGBl. I S. 2570).
9.
Kettner M, Junker I: Beautiful Enhancements. Über wunscherfüllende Medizin. In: Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft 2007; 52: 185–96.
10.
Deutscher Bundestag, 16. Wahlperiode, Ausschuss für Gesundheit, Wortprotokoll der Sitzung vom 23.04.2008; BT-Drucksache 16/6779.
11.
Stellungnahme der Zentralen Kommission zur Wahrung ethischer Grundsätze in der Medizin und ihren Grenzgebieten (Zentrale Ethikkommission) bei der Bundes­ärzte­kammer: „Werbung und Informationstechnologie: Auswirkungen auf das Berufsbild des Arztes“; Dtsch Arztebl 2010; 107(42): A 2063–8. VOLLTEXT
12.
Wiesing U: Ethische Aspekte der ästhetischen Medizin; Hautarzt. 2009; 60: 409–13. MEDLINE
1.Presseinformation DGPRÄC: Zahlen und Fakten zur plastischen und ästhetischen Chirurgie.
2.Korczak D: Forschungsprojekt Schönheitsoperationen: Daten, Probleme, Rechtsfragen. Abschlussbericht. München, 2007.
3.www.dgaepc.de, Presse, Zahlen
4.Borkenhagen, A.: Der Natur nachgeholfen. Spektrum der Wissenschaft, Gehirn und Geist 2011; (1): 30–6.
5.Borkenhagen, A., Röhricht, F., Preiss, S., Schneider, W., Brähler, E.: Changes in
Body Image and Health-Related Quality of Life Following Breast Reduction Surgery on German Macromastia Patients. Annals of Plastic Surgery, 2007; (58): 364–70. MEDLINE
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7.www.t-klinik.com; Homepage abgerufen am 24.05.2011
8.Heilmittelwerbegesetz, neu gefasst durch Bekanntmachung vom 19.10.1994 (BGBl. I S. 3068); zuletzt geändert durch Art. 2 des Gesetzes vom 29. August 2005 (BGBl. I S. 2570).
9.Kettner M, Junker I: Beautiful Enhancements. Über wunscherfüllende Medizin. In: Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft 2007; 52: 185–96.
10.Deutscher Bundestag, 16. Wahlperiode, Ausschuss für Gesundheit, Wortprotokoll der Sitzung vom 23.04.2008; BT-Drucksache 16/6779.
11.Stellungnahme der Zentralen Kommission zur Wahrung ethischer Grundsätze in der Medizin und ihren Grenzgebieten (Zentrale Ethikkommission) bei der Bundes­ärzte­kammer: „Werbung und Informationstechnologie: Auswirkungen auf das Berufsbild des Arztes“; Dtsch Arztebl 2010; 107(42): A 2063–8. VOLLTEXT
12.Wiesing U: Ethische Aspekte der ästhetischen Medizin; Hautarzt. 2009; 60: 409–13. MEDLINE

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