ArchivDeutsches Ärzteblatt13/1996Phytotherapie mit Pestwurz-Extrakt: Spasmolytischer Effekt bewiesen

VARIA: Wirtschaft - Aus Unternehmen

Phytotherapie mit Pestwurz-Extrakt: Spasmolytischer Effekt bewiesen

Hoc, Siegfried

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Geradezu ein Paradebeispiel dafür, wie moderne Extraktionsverfahren eine seit dem Altertum verwendete Heilpflanze in ihrer Qualität, Wirksamkeit und Unbedenklichkeit aufwerten können, ist die Pestwurz Petasites hybridus. Ihre Inhaltsstoffe bewirken krampflösende, schmerzstillende und vegetativ regulierende Effekte. Die Hauptwirkstoffe sind Terpene und Sesquiterpen-artige Kohlenwasserstoffe, Petasiten, Humulene, ätherisches Öl und Beta-Sitosterol, aber auch toxische Pyrrolizidin-Alkaloide wie Senecionin, Integerrinin und Senkirkin in Mengen von 1 ppm bis 600 ppm (0,06 Prozent). Aufgrund dieser PyrrolizidinAlkaloide wurde ein Stufenplanverfahren eingeleitet. Im Rahmen dieses Verfahrens wurde beim Hersteller der Petadolex®-Kapseln (Weber & Weber) ein neues Extraktionsverfahren entwickelt, bei dem flüssiges Kohlendioxid verwendet wird.

Urologische Indikationen
Wie Dr. Volkmar Koch (Inning) anläßlich eines Symposiums in München berichtete, sind die Extrakte aus den Rhizomen der Pflanze nun frei von Pyrrolizidin-Alkaloiden. Damit wurde Petasites hybridus als Arzneipflanze erhalten, und es wurden die Voraussetzungen geschaffen, Petadolex®-Kapseln weiter therapeutisch einzusetzen und in klinischen Studien ihre Indikationsbereiche abzustecken.
Ein wichtiger Indikationsbereich von Extractum Petasitides ist die Spasmolyse glattmuskulärer Organsysteme. An glattmuskulären Präparaten aus dem Magen-Darm-Trakt, von Blutgefäßen, vom Uterus und aus dem Harntrakt von Tieren hat Prof. Klaus Golenhofen (Physiologisches Institut der Universität Marburg) den spasmolytischen Effekt des Pestwurz-Extraktes eindrucksvoll demonstriert. Als besonders empfindlich erwiesen sich Muskelstreifen aus der Fundusregion des Meerschweinchen-Magens. Dieser Typ glatter Muskulatur zeichnet sich durch eine ausgeprägte tonische Spontanaktivität aus. Der Zusatz von 10-5g Petasites-Extrakt pro ml Badlösung unterdrückt die Aktivität dieses Muskelpräparates vollständig. Die durch Azetylcholin oder Histamin auslösbaren Kontraktionen der Fundus-Streifen reagierten weniger empfindlich. In diesen Fällen bewirkte die Konzentration von 10-5g nur eine Halbhemmung. Damit ist der Effekt des Pestwurz-Extraktes dem von Papaverin vergleichbar.
Vergleichbar waren auch die spasmolytischen Effekte des Extraktes auf andere glattmuskuläre Präparate: In allen Fällen wurde die Aktivität bei einer Konzentration von 10-5 g/ml stark inhibiert und bei 10-4 g/ml nahezu vollständig unterdrückt. Als möglichen Angriffspunkt der Extractum-Petasitides-Inhaltsstoffe werden bestimmte Zellmembran-Rezeptoren, bestimmte Kalziumkanäle, intrazelluläre Botenstoffe und die endogene Prostaglandin-Synthese vermutet.
Prof. H.-W. Bauer (München) verwendet Petadolex®-Kapseln mit Erfolg gegen Harnleiterkoliken sowie gegen Reizblase mit Dysregulation des Sphinktermechanismus und Detrusor-Hyperaktivität. Im Rahmen einer prospektiven Studie an 45 Patienten mit Ureterkolik wurde das Petasites-Präparat mit N-Butylscopolamin verglichen. In beiden Behandlungsgruppen ist die akute Kolik durch intravenöse Applikation von PapaverinDerivaten kupiert worden.
Unter einer Dosierung von initial fünfmal ein bis zwei Kapseln Petadolex® waren von den 25 Patienten innerhalb von 24 Stunden 16 schmerzfrei und blieben es auch. Bei neun von ihnen gingen die Konkremente innerhalb von fünf Tagen ohne weitere Schmerzattacken ab. In der Butylscopolamin-Gruppe waren 18 von 20 innerhalb der ersten 24 Stunden schmerzfrei und blieben es auch über die Zeit des Steinabganges hinaus. Innerhalb von fünf Tagen gingen bei zwölf von den 20 Patienten dieser Gruppe die Uretersteine ab. Während aber in der Butylscopolamin-Gruppe drei Patienten (15 Prozent) über unerwünschte Nebeneffekte, wie Müdigkeit und Mundtrockenheit, klagten, war das in der Petadolex®-Gruppe nicht der Fall.
Vergleichbar positive Ergebnisse erzielte Bauer mit dem Petasites-Präparat bei 24 Patienten mit Reizblase. Die Patienten erhielten auch wochenlang täglich dreimal zwei Kapseln Petadolex®. Nach drei Wochen berichteten 17 Frauen über eine drastische Reduktion der Symptome Pollakisurie und Dysurie und über deutlich verlängerte Miktionsintervalle.


Migräneprophylaxe
Der spasmolytische und antiinflammatorische Effekt verleiht dem Pentasites-Extrakt einen Wirkungsmechanismus, der von Migränetherapeutika in Anspruch genommen wird. Der zusätzliche vegetativ regulierende Effekt des Phytotherapeutikums läßt daher erwarten, daß Petadolex® bei Migränepatienten günstig wirkt. In einer klinischen Studie hat Prof. Werner Großmann (München-Harlaching) diese Hypothese mit Petadolex®-Kapseln bestätigen können. Die gesamte Prüfung hielt sich streng an die Vorgaben der International Headache Society und der Good Clinical Practice sowie an die Bedingungen, die heute von der Schulmedizin an klinisch-pharmakologische Studien gestellt werden.
Zielkriterien waren die Zahl der Migräneattacken pro Monat, ihre durchschnittliche Dauer sowie ihre Intensität. Ergänzend wurden die zusätzliche Analgetika-Einnahme registriert und die globale Bewertung des Therapieerfolges durch den Patienten erfaßt. Die 60 Patienten mit einem durchschnittlichen Lebensalter von rund 29 Jahren nahmen täglich zweimal zwei Petadolex®-Kapseln oder Plazebo ein. Nach einer vierwöchigen medikationsfreien Baseline-Phase erstreckte sich die Behandlungsdauer über drei Monate. Mit dieser Studie wurde der Nachweis erbracht, daß unter der Gabe von Petadolex® die Anzahl und Schmerzintensität der Migräneattacken im Vergleich zu Plazebo statistisch signifikant reduziert werden. Mit einer Reduktion der Attacken um durchschnittlich 56 Prozent ist der Effekt des Phytotherapeutikums mit den klassischer Migräneprophylaktika voll vergleichbar. Eindrucksvoll war laut Großmann das Ergebnis der globalen Bewertung: Über Nebenwirkungen wurde in der dreimonatigen Behandlungszeit nicht geklagt. Somit könnte das Petasites-Präparat Petadolex® in der Prophylaxe von Migräneanfällen als Mittel der Wahl empfohlen werden. Weitere Studien sollten diese ersten positiven Ergebnisse untermauern. Siegfried Hoc

Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Der klinische Schnappschuss

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote