ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2011Nachwuchssorgen: Schuldzuweisungen bringen nichts

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Nachwuchssorgen: Schuldzuweisungen bringen nichts

Dtsch Arztebl 2011; 108(26): A-1453 / B-1225 / C-1221

Richter-Kuhlmann, Eva

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Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann Redakteurin für Gesundheits- und Sozialpolitik in Berlin.
Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann
Redakteurin für Gesundheits- und Sozialpolitik in Berlin.

Als „keck“ bezeichnete der neue Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Daniel Bahr (FDP) den Präsidenten des Medizinischen Fakultätentages (MFT), Prof. Dr. med. Dieter Bitter-Suermann. Dieser hatte nämlich gleich zur Eröffnung des 72. Ordentlichen Medizinischen Fakultätentages am 23. Juni in Rostock betont, dass die Fakultäten nicht schuld seien am Ärztemangel in Deutschland. Dabei verwies Bitter-Suermann auf Angaben des Statistischen Bundesamtes, wonach 95 Prozent aller Studierenden der Humanmedizin ihr Studium erfolgreich abschließen.

Dies wollte Bahr aber wohl nicht so recht hören – schließlich war er mit einer anderen Intention nach Rostock gekommen: „Dem Ärztemangel entgegenzusteuern, ist meine große Aufgabe“, erklärte er und verteidigte vor den Dekanen der medizinischen Fakultäten das geplante Versorgungsgesetz. Nach dessen Entwurf wird erwogen, zusätzliche medizinische Studienplätze zu schaffen, um das drohende Arztdefizit auszugleichen. Es treibe ihn um, dass es mehr Bewerber als Studienplätze gebe und dass nur 60 Prozent der Studienanfänger im Fach Humanmedizin tatsächlich ärztlich tätig würden, sagte Bahr und appellierte an die Dekane, sich der Debatte um eine höhere Zahl von Studienplätzen nicht zu verschließen.

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In der Tat scheint es auf den ersten Blick logisch und verführerisch leicht, bei mangelndem ärztlichem Nachwuchs in der medizinischen Versorgung und einer Vielfachzahl von Studienplatzbewerbern einfach die Kapazitäten zu erhöhen. Doch für zusätzliche Studienplätze brauchen die Wissenschafts- und Kultusministerien der Länder zusätzliche Mittel. Denn eine klinische Universitätsausbildung mit bestmöglicher Patientenversorgung sei nicht zum Nulltarif zu bekommen, mahnt die Deutsche Hochschulmedizin. „Es ist leicht, gesundheitspolitische Wünsche zu formulieren, wenn man die daraus resultierende Leistung nicht selbst erbringen oder bezahlen muss“, erklärte Bitter-Suermann und prophezeite eine eskalierende Unterfinanzierung der Universitäten.

Mit Blick auf den ärztlichen und studentischen Alltag ist es sowieso schwer vorstellbar, dass zusätzliche Studienplätze das Problem tatsächlich lösen können. Denn der Ärztemangel in Deutschland ist nicht nur eine Frage der Kapazität und Finanzierung. Erst recht ist er nicht eine Frage der Schuld einer einzelnen Gruppe. Entscheidend ist vielmehr die Motivationskultur in Deutschland. Solange Studierenden und jungen Ärztinnen und Ärzten wenig Freude am Beruf vorgelebt wird und sie auf wenig begeisterte und über widrige Rahmenbedingungen klagende Kollegen und Kolleginnen in den Krankenhäusern und Praxen treffen, werden auch sie nur schwerlich in großer Zahl für die kurative Tätigkeit zu motivieren sein.

Deshalb wird auch künftig eine hohe Qualität der Medizinerausbildung verbunden mit einer ernsthaften Wertschätzung des ärztlichen Nachwuchses effektiver sein als eine erhöhte Quantität. Doch diese lässt sich nicht durch ein Gesetz anordnen. Auch einzelne Schuldzuweisungen bringen nichts. Um Versorgungsengpässen entgegenzutreten, bedarf es stattdessen der Anstrengung vieler: des Bundes, der Länder, der Krankenhausträger und der medizinischen Fakultäten.

Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann
Redakteurin für Gesundheits- und Sozialpolitik in Berlin

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