ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2011Medizintechnik: Im Dreiklang für den Fortschritt

POLITIK

Medizintechnik: Im Dreiklang für den Fortschritt

Dtsch Arztebl 2011; 108(26): A-1464 / B-1235 / C-1231

Krüger-Brand, Heike E.

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Drei Bundesministerien arbeiten gemeinsam mit Experten aus Wissenschaft, Industrie und Gesundheitswesen am Strategieprozess „Innovationen in der Medizintechnik“.

Medizintechnik ist eine klassische Querschnittsbranche: Sie lebt vom Know-how und der Zusammenarbeit vieler Disziplinen, darunter Ingenieurwissenschaften, Naturwissenschaften, Informatik, Mathematik und Medizin, und sie umfasst sehr heterogene Technologien, Produkte, Verfahren und Akteure. Die Branche ist zudem hochinnovativ – sie spielt sowohl für den Forschungs- als auch für den Wirtschaftsstandort Deutschland eine wichtige Rolle (Kasten). Schließlich bietet Medizintechnik auch für die Gesundheitsversorgung einer alternden Gesellschaft vielfältige Potenziale und Ansätze, etwa durch schonendere Behandlungsmethoden und die zunehmend individualisierte Therapie von Krankheiten.

Genügend Gründe für gleich drei Bundesministerien, sich mit der Förderung dieser Branche intensiv zu befassen. Neu ist jedoch, dass künftig die interministerielle Abstimmung und Koordination verbessert werden sollen: Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) und das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie (BMWi) haben erstmals gemeinsam einen Strategieprozess „Innovationen in der Medizintechnik“ gestartet. Ziel ist es, die Rahmenbedingungen für den Innovationstransfer zu verbessern, damit medizintechnischer Fortschritt letztlich schneller für die Patientenversorgung zur Verfügung steht.

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Eine ressortübergreifende förderpolitische Initiative soll die starke Position der Medizintechnikbranche sichern und Innovationen schneller zum Patienten bringen.
Eine ressortübergreifende förderpolitische Initiative soll die starke Position der Medizintechnikbranche sichern und Innovationen schneller zum Patienten bringen.
Den Auftakt für die ressortübergreifende Initiative gab die Zukunftskonferenz Medizintechnik* (www.zukunftskonferenz-medizintechnik.de). Circa 350 Experten nahmen an der Veranstaltung teil und diskutierten in sechs parallelen Workshops wesentliche Themen der Branche. Im Zentrum standen dabei die Innovationsfelder für die künftige Gesundheitsversorgung, die Fachkräftesicherung und Nachwuchsförderung, die Nutzenbewertung und Erstattung, Kooperations- und Geschäftsmodelle, die Übertragung von Forschungsergebnissen in die Praxis sowie die Herausforderungen der Globalisierung und Strategien für die Erschließung neuer Märkte.

Aus den Diskussionen zu diesen Themen sollen konkrete Handlungsempfehlungen erarbeitet werden, die als Grundlage für den Strategieprozess dienen können, der Teil der Hightechstrategie der Bundesregierung sein soll. (Die Ergebnisse aus den Workshops werden auf der Konferenz-Website veröffentlicht.)

„Mit der Konferenz und dem darauf aufbauenden Strategieprozess ist es gelungen, die Kräfte im Sinne einer zielführenden Politik zu bündeln. Der ,Dreiklang‘ von BMWi, BMG und BMBF ermöglicht es erstmalig, die Herausforderungen der Medizintechnikbranche geschlossen vonseiten der Gesundheitswirtschaft, -forschung, und -politik anzunehmen“, erklärte der parlamentarische Staatssekretär im BMWi, Ernst Burgbacher. Die Medizintechnik sei wettbewerbsfähig und gut aufgestellt. So konnten die Unternehmen mit einem Branchenumsatz von circa 20 Milliarden Euro im vergangenen Jahr ein Plus von mehr als neun Prozent verbuchen, und auch für 2011 rechne die Industrie mit einem deutlichen Wachstum von etwa acht Prozent.

Einer vom BMBF beauftragten Studie aus dem Jahr 2008 zufolge gibt es hierzulande zwar keine gravierenden Hürden für eine innovative Medizintechnik. Dennoch bewerten Experten zwei Phasen in der Entwicklung eines Medizinprodukts als schwierig: die klinische Forschung und Validierung, das heißt die Überprüfung des medizinischen Nutzens einer medizintechnischen Innovation, sowie die Überführung in die Kostenerstattung durch die gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung und damit in die Versorgung. Auch Branchenverbände wie der Bundesverband Medizintechnologie (BVMed) sehen hierbei erheblichen Optimierungsbedarf. Um Innovationen, die medizintechnischen und ökonomischen Fortschritt böten, schneller in den Gesundheitsmarkt einzuführen, müssten die langfristigen Einsparpotenziale und die Verbesserung der Versorgung in die Überlegungen und in die Kostenübernahme medizintechnologischer Produkte einbezogen werden, forderte beispielsweise der BVMed-Vorstandsvorsitzende, Dr. Meinrad Lugan.

Hinzu kommt aus Sicht der Branchenverbände die große Bedeutung des Exportgeschäfts für die deutsche Medizintechnik. Hier erhoffen sich die Unternehmen mehr Unterstützung seitens der Politik, etwa durch die frühzeitige Information über geplante ausländische Investitionsprojekte und durch mehr Aufklärung beispielsweise über unterschiedliche Zulassungsbedingungen im Ausland.

Auch aus Sicht des BMG geht es darum, den medizintechnischen Fortschritt so schnell wie möglich allen Versicherten zugänglich zu machen. „Das kann nur gelingen, wenn wir die für die Versorgung relevanten Innovationen identifizieren und möglichst zügig in der Regelversorgung etablieren. Wir möchten die hierfür erforderlichen Rahmenbedingungen weiter verbessern“, sagte Thomas Ilka, der neue Staatssekretär im BMG. Er verwies auf das geplante Versorgungsgesetz, das eine Erprobungsregelung für innovative Untersuchungs- und Behandlungsmethoden vorsieht (Kasten). Danach soll es dem Gemeinsamen Bundes­aus­schuss künftig möglich sein, vielversprechende nichtmedikamentöse Untersuchungs- und Behandlungsmethoden in der Versorgungspraxis zu erproben. „Diese Erprobung wird zeitlich begrenzt und muss unter strukturierten Bedingungen bei gleichzeitigem Erkenntnisgewinn erfolgen“, betonte Ilka. Damit erhalte der Gemeinsame Bundes­aus­schuss ein neues Instrument für die Bewertung von Methoden, deren Nutzen nicht oder noch nicht ausreichend belegt sei.

Das BMBF wiederum pflegt seit Jahren ein breitgefächertes Förder- und Wettbewerbsprogramm für die Medizintechnik (siehe online unter www.bmbf.de/de/1170.php). So wird Medizintechnik beispielsweise im Rahmen des Aktionsfelds Gesundheitswirtschaft gefördert, das dem Ende 2010 beschlossenen Rahmenprogramm Gesundheitsforschung der Bundesregierung zugeordnet ist. Der seit mehreren Jahren durchgeführte „Innovationswettbewerb Medizintechnik“ wird 2011 abgelöst durch eine neue Fördermaßnahme, die vor allem kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) zugutekommen soll. Diese nämlich sind von den drei großen Trends der Branche – der zunehmenden Internationalisierung, dem wachsenden Forschungsbedarf und der Interdisziplinarität – besonders betroffen und sollen jetzt einen besseren Zugang zur Forschungsförderung erhalten.

Jährlich werden zehn Millionen Euro für die Fördermaßnahme „KMU-innovativ – Medizintechnik“ bereitgestellt, kündigte der parlamentarische Staatssekretär im BMBF, Helge Braun, bei der Veranstaltung in Berlin an. Diese Maßnahme ist Teil des Förderkonzepts „KMU-innovativ“, das bereits seit 2007 Forschungsaktivitäten in kleineren Unternehmen unterstützt, indem es beispielsweise die Beantragung und Bewilligung von Fördermitteln für sie vereinfacht.

Heike E. Krüger-Brand

Weitere Veranstalter der „Zukunftskonferenz Medizintechnik“ am 20. und 21. Juni 2011 in Berlin neben den drei Bundesministerien: Bundesverband Medizintechnologie e.V. (BVMed), Deutscher Industrieverband für optische, medizinische und mechatronische Technologien e.V. (SPECTARIS), Verband der Diagnostica-Industrie e.V. (VDGH), Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie e.V. (ZVEI), Deutsche Gesellschaft für Biomedizinische Technik im VDE (DGBMT), Senatsverwaltung für Wirtschaft, Technologie und Frauen der Stadt Berlin und das Ministerium für Wirtschaft und Europaangelegenheiten des Landes Brandenburg

Innovative Medizintechnik

Daten zur Branche

Die etwa 1 150 deutschen Unternehmen der Medizintechnikbranche beschäftigen in Deutschland mehr als 170 000 Menschen. Der Gesamtumsatz der produzierenden Unternehmen liegt bei circa 20 Milliarden Euro. Im Durchschnitt investieren die forschenden Medizintechnikhersteller etwa neun Prozent des Umsatzes in Forschung und Entwicklung. Circa ein Drittel ihres Umsatzes erzielen sie dabei mit Produkten, die nicht älter als drei Jahre sind. Im Jahr 2010 lag der Inlandsumsatz bei 7,2 Mrd. Euro, der Auslandsumsatz bei 12,8 Mrd. Euro. Die Exportquote der Branche liegt derzeit bei 64 Prozent.

Versorgungsgesetz*

II.2.5. Innovative Behandlungsmethoden

Ein wesentliches Qualitätsmerkmal des Gesundheitswesens ist, dass Innovationen möglichst rasch Patientinnen und Patienten zur Verfügung stehen. Nicht immer jedoch ist der Nutzen solcher Methoden ausreichend genug belegt, um über eine flächendeckende Einführung entscheiden zu können. Deshalb erhält der Gemeinsame Bundes­aus­schuss nun ein neues Instrument für die Erprobung von nichtmedikamentösen Untersuchungs- und Behandlungsmethoden, deren Nutzen noch nicht mit hinreichender Evidenz belegt ist:

  • Der Gemeinsame Bundes­aus­schuss kann innovative Untersuchungs- und Behandlungsmethoden mit Potenzial künftig zeitlich begrenzt unter strukturierten Bedingungen bei gleichzeitigem Erkenntnisgewinn unter Aussetzung des Bewertungsverfahrens erproben.
  • Die angemessene Beteiligung und Beratung der betroffenen Fachkreise im G-BA-Verfahren wird gesichert. Die Anbieter einer innovativen Methode erhalten das Recht, beim Gemeinsamen Bundes­aus­schuss eine Erprobung zu beantragen.
  • Die Finanzierung der wissenschaftlichen Begleitung und Auswertung der Erprobung erfolgt über den Systemzuschlag nach § 139 c Sozialgesetzbuch V, die Hersteller werden an der Finanzierung beteiligt.

*Quelle: Referentenentwurf, 14. Juni 2011

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