ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2011Körperbilder: Jan Boeckhorst (1604–1668) – Mythos der wilden Weiblichkeit

SCHLUSSPUNKT

Körperbilder: Jan Boeckhorst (1604–1668) – Mythos der wilden Weiblichkeit

Dtsch Arztebl 2011; 108(26): [76]

Schuchart, Sabine

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Jan Boeckhorst: „Allegorie Afrikas“ (aus der Serie: „Die vier Erdteile“), Öl auf Leinwand, um 1650, 134 × 115,6 cm: Neugierig, gelassen, ein wenig scheu, aber auch verführerisch blickt die junge dunkelhäutige Frau aus dem Bild heraus. Krass hebt sich ihre Hautfarbe vor dem blau-gelben Wolkenhimmel ab. Ihren rechten Arm hält sie vor ihre halb entblößte Brust. Ihr linker Arm steckt in einer schweren Eisenkette, Symbol der Sklavenschaft. Sie trägt einen mit Perlenschnüren verzierten Turban, einen Edelsteinreif am rechten Oberarm und über einem hellen Unterkleid venezianischen Stils ein goldfarbenes, reich verziertes Gewand. Mit dem Dreiviertelporträt personifizierte Boeckhorst – der ethnozentristischen Denkweise seiner Zeit entsprechend – Afrika in Form eines anmutigen, prachtvoll geschmückten, animalisch-wilden weiblichen Körpers. © Liechtenstein Museum. Die Fürstlichen Sammlungen, Wien
Jan Boeckhorst: „Allegorie Afrikas“ (aus der Serie: „Die vier Erdteile“), Öl auf Leinwand, um 1650, 134 × 115,6 cm: Neugierig, gelassen, ein wenig scheu, aber auch verführerisch blickt die junge dunkelhäutige Frau aus dem Bild heraus. Krass hebt sich ihre Hautfarbe vor dem blau-gelben Wolkenhimmel ab. Ihren rechten Arm hält sie vor ihre halb entblößte Brust. Ihr linker Arm steckt in einer schweren Eisenkette, Symbol der Sklavenschaft. Sie trägt einen mit Perlenschnüren verzierten Turban, einen Edelsteinreif am rechten Oberarm und über einem hellen Unterkleid venezianischen Stils ein goldfarbenes, reich verziertes Gewand. Mit dem Dreiviertelporträt personifizierte Boeckhorst – der ethnozentristischen Denkweise seiner Zeit entsprechend – Afrika in Form eines anmutigen, prachtvoll geschmückten, animalisch-wilden weiblichen Körpers.
© Liechtenstein Museum. Die Fürstlichen Sammlungen, Wien
Um 1626 verließ der aus einer wohlhabenden Honoratiorenfamilie stammende Jan (Johann) Boeckhorst seine Heimatstadt Münster, um Maler zu werden. Nachdem er standesgemäß Jesuitengymnasium und Universitätsstudium absolviert hatte, zog es ihn aus der Enge der westfälischen Bischofsstadt ins Zentrum der europäischen Barockmalerei Antwerpen. Obwohl er erst mit 22 Jahren in den Ateliers seiner großen Lehrmeister Rubens und Jakob Jordaens seine ersten Bilder malte, war der talentierte junge Mann bald in die florierende flämische Kunstszene integriert, arbeitete eng mit dem berühmten Antonius van Dyck zusammen und wurde 1633/34 als Meister in die Antwerpener Lucas-Künstlergilde aufgenommen.

Neben Porträts, Historiengemälden und religiösen Motiven für Kirchen und Klöster schuf er mythologisch-allegorische Kompositionen wie die großformatige Serie der vier Erdteile, aus der die „Allegorie Afrikas“ stammt. Als einziges weiteres Bild der Serie existiert heute noch „Europa“ – ebenfalls ein Dreiviertelporträt einer jungen Frau, aber mit Reichsapfel, Zepter und Krone. Die weibliche Personifizierung der vier Erdteile war ein beliebtes Thema barocker Kunst. Sie bot Anlass zur Darstellung europäischer Vorrangstellung und zu dekorativer Schilderung fremdländischer Pracht in Gestalt exotischer Frauen, die von jeglicher Konvention befreit waren. Die entblößte Brust, Mythos der wilden Weiblichkeit, konnte Boeckhorst nur in der konträren Welt Afrikas zeigen. Nach zeitgenössischer Ansicht verkörperte der Kontinent animalische Triebhaftigkeit und Barbarei wie auch unbeschreibliche Schönheit, die der Maler im reichen venezianischen Dekorum des Bilds zum Ausdruck brachte. Seine Inspirationen speisten sich aus einem Italienaufenthalt und den Beschreibungen der Entdeckungsreisenden von Afrika, Asien und Amerika.

Boeckhorst, wegen seiner Körpergröße „langer Jan“ genannt, war zu Lebzeiten ebenso gefragt und anerkannt wie seine berühmten Kollegen, geriet aber vom späten 18. Jahrhundert bis in die 1960er Jahre in Vergessenheit. Da er seine Bilder selten signierte, wurden einige seiner Werke anderen Malern zugeschrieben. Erst die jüngere Forschung erkannte seine Bedeutung. Die Stadt Münster ehrte ihren großen Sohn, indem sie nach ihm eine Straße benannte: Sie verläuft quer zur Rubensstraße. Sabine Schuchart

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Ausstellung
„Brueghel, Rubens, Jordaens . . . Meisterwerke europäischer Malerei aus der Hohenbuchau Collection“

Liechtenstein Museum, Fürstengasse 1, 1090 Wien, Fr.–Di. 10–17 Uhr; www.liechtenstein-museum.at; bis 20. September 2011

Dr. Peter Sutton: „The Hohenbuchau Collection. Holländische und Flämische Gemälde aus dem Goldenen Zeitalter“, Katalog, geb. Ausgabe, 496 Seiten, Brandstätter, 2011; 59,- Euro.

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