ArchivDeutsches Ärzteblatt26/20113. Jahreskongress der KV Westfalen-Lippe: Neue Bündnisse gegen Ärztemangel

POLITIK

3. Jahreskongress der KV Westfalen-Lippe: Neue Bündnisse gegen Ärztemangel

Dtsch Arztebl 2011; 108(26): A-1466 / B-1237 / C-1233

Korzilius, Heike

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Im ländlich geprägten Teil von Westfalen-Lippe suchen die Kommunen gemeinsam mit der Kassenärztlichen Vereinigung nach Wegen, die ambulante flächendeckende Versorgung – vor allem mit Hausärzten – sicherzustellen.

Von Feldern, Wiesen und Wäldern umgeben liegt Barntrup im Naturpark Teutoburger Wald. Die Kleinstadt mit ihren 10 000 Einwohnern gehört zum Kreis Lippe und zu den ländlichen Gemeinden, denen in absehbarer Zeit die Ärztinnen und Ärzte verloren gehen. Noch praktizieren in Barntrup drei Hausärzte, von denen allerdings einer bereits über 70 Jahre alt ist. Nachfolger sind nicht in Sicht. Bürgermeister Herbert Dahle hat sich deshalb entschlossen, neue Wege zu gehen. Gemeinsam mit den Bürgermeistern der Städte Büren (Kreis Paderborn) und Marsberg (Hochsauerlandkreis) hat er vor ziemlich genau einem Jahr eine Absichtserklärung mit der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Westfalen-Lippe unterzeichnet, in der sich die Parteien verpflichten, das Problem gemeinsam anzugehen.

Ein Arzt aus der Nachbarstadt wird eine Filiale einrichten

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Jetzt lobte Dahle die gute Zusammenarbeit mit der KV Westfalen-Lippe, die er nicht als „Moloch“, sondern als „Kämpfer für eine gemeinsame Sache, nämlich die ärztliche Versorgung“ erlebe. Beim 3. Jahreskongress der KV Westfalen-Lippe über die „Zukunftsperspektiven der medizinischen Versorgung“ zeigte sich der Bürgermeister abgeklärt und ganz pragmatisch. Zunächst habe man ihm geraten, eine Imagebroschüre zu erstellen, um beispielsweise bei Kongressen für Barntrup als Ort für eine Niederlassung zu werben. „Da haben mich die Ärzte gefragt, ob ich nicht etwas anderes mit „B“ im Angebot habe – Berlin, Bremen, Bonn“, sagt Dahle.

Vergeblich war sein Engagement trotzdem nicht: „Ich habe im letzten Jahr mit so vielen Ärzten gesprochen wie in 15 Jahren davor nicht.“ Und eine Lösung für das drohende Versorgungsproblem zeichnet sich auch ab. „Wir werden eine Praxis errichten, in der ein Arzt aus der Nachbarkommune eine Filiale betreiben wird“, kündigte Dahle in Dortmund an. In der Bevölkerung habe das ein sehr positives Echo hervorgerufen. Zugleich zeigte sich der Bürgermeister enttäuscht von der Reaktion der Ärzte vor Ort, die das Engagement der Kommune als unliebsame Konkurrenz empfänden. „Ich bin über diese Reaktion sehr bestürzt“, sagte Dahle. „Ist das die Angst um Pfründe?“

Die Frage, die alle Beteiligten umtreibt, ist die, wie man junge Ärztinnen und Ärzte dazu bringt, sich auf dem Land niederzulassen. „Wir können niemanden zwingen“, erklärte KV-Vorstand Dr. rer. soc. Thomas Kriedel. „Wir müssen überzeugen.“ Kriedel verspricht sich einiges von den Vorgaben im geplanten Versorgungsstrukturgesetz, die es ermöglichen, Projekte wie das in Barntrup zu fördern. Danach soll die KV künftig einen Strukturfonds einrichten können, in den KV und Krankenkassen jeweils 0,1 Prozent der Gesamtvergütung einzahlen, um Anreize für die Niederlassung in unterversorgten Gebieten schaffen zu können.

Für vielversprechend hält Thomas Müller, KV-Geschäftsführer Zentralstab Unternehmensentwicklung/-steuerung, ein Filialmodell, nach dem der Hausarzt vor Ort weiter entfernten und somit für die Patienten schwerer erreichbaren Fachärzten an festen Tagen Räume in der eigenen Praxis vermietet und entsprechend für seine Patienten die Termine koordiniert. „Das ist ein Modell, in der Filialbildung sinnvoll ist“, meinte Müller.

Für eine endgültige Bewertung der Chancen und Risiken des Versorgungsstrukturgesetzes sei es noch zu früh, befand Landesgesundheitsministerin Barbara Steffens (Grüne). Es gebe zwar in vielen Punkten Übereinstimmungen mit dem Referentenentwurf aus dem FDP-geführten Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium, wie beispielsweise die Einführung einer flexibleren Bedarfsplanung oder die Lockerung der Residenzpflicht für niedergelassene Ärzte. „Wir wissen aber auch bei vielem noch nicht, was dahintersteckt“, gab die Ministerin zu bedenken. Steffens kritisierte an dem Entwurf, dass die Länder nicht die Rolle spielten, „die sie spielen sollten“. So wolle man im Gemeinsamen Bundes­aus­schuss nicht nur beim Thema Bedarfsplanung ein Mitberatungsrecht, sondern auch dann, wenn es um Qualitätsstandards gehe, wie im Fall von Mindestmengen für bestimmte operative Eingriffe.

Bei der Bedarfsplanung sollte Morbidität beachtet werden

Steffens monierte außerdem, dass die Morbidität der Bevölkerung bei der Bedarfsplanung keine Rolle spielen soll. „Das wäre gerade für Nordrhein-Westfalen sehr wichtig gewesen“, sagte die Ministerin. Als „katastrophal“ bezeichnete sie es in diesem Zusammenhang, dass das Versorgungsstrukturgesetz vorsehe, die flächendeckende Anwendung der Ambulanten Kodierrichtlinien zurückzuziehen. „Wie sollen wir jetzt an Zahlen und Daten gelangen, um Morbidität nachzuweisen?“

Heike Korzilius

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