ArchivDeutsches Ärzteblatt9/1998Arztzahlen/Prognosen: In vier Jahren alle Arztsitze „dicht“

POLITIK: Leitartikel

Arztzahlen/Prognosen: In vier Jahren alle Arztsitze „dicht“

Clade, Harald

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LNSLNS Ergebnisse einer Prognose zur Arztzahlentwicklung: Trotz rigider "Bedarfszulassung" droht in der kassenärztlichen Versorgung schon bald Überfüllung.
Spätestens im Jahr 2000 werden voraussichtlich die zur Zeit zumindest rechnerisch noch "freien" Arztsitze im vollen Umfang besetzt sein. Ab dem Jahr 2001 werden dann neu approbierte und niederlassungswillige Ärzte nur noch im Umfang des sogenannten Ersatzbedarfs zugelassen werden können - es sei denn, die Zahl der zu versorgenden Einwohner und/oder die geltenden Verhältniszahlen der immer rigider werdenden Bedarfsplanung und Niederlassungssteuerung würden wesentlich geändert werden. Insgesamt kann das Versorgungssystem in den nächsten zehn Jahren rein rechnerisch noch 35 487 Vertragsärzte aufnehmen. Dies ist die Quintessenz einer aktuellen Prognose zur Entwicklung der Zahl der Vertragsärzte in der ambulanten Versorgung von 1997 bis 2006, erstellt vom Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (ZI), Köln, unter Berücksichtigung der geltenden Rechtslage.
Drei drakonische Vorgaben
Die vertragsärztliche Tätigkeit steht seit Inkrafttreten des Gesundheitsstrukturgesetzes (GSG) am 1. Januar 1993 unter drei drakonischen Vorgaben: Seit 1994 schreibt § 103 SGB V in Verbindung mit den Bedarfsplanungsrichtlinien vor, daß bei einem Versorgungsgrad von 110 Prozent Zulassungsbeschränkungen anzuordnen sind. Nach § 102 SGB V gilt ab 1. Januar 1999 die Bedarfszulassung (Planstellen für Vertragsärzte!) auf Grund noch gesetzlich festzulegender neuer Verhältniszahlen. Ebenfalls ab 1. Januar 1999 müssen Vertragsärzte, die das 68. Lebensjahr vollendet haben und mindestens 20 Jahre vertragsärztlich zugelassen sind, ihre Vertragszulassung zurückgeben und zumindest den Kassenarzt-Job aufgeben.
Bereits jetzt sind die meisten Planungsbereiche so dicht, daß wegen Überversorgung Zulassungsbeschränkungen angeordnet werden mußten. Anfang 1996 waren je nach Fachgruppe zwischen 87 und 65 Prozent aller Planungsbereiche für die Zulassung von Ärzten der jeweiligen Fachgruppe bereits gesperrt. Offenbar im Vorgriff auf die drohenden "drei Keulen" und die verschlechterte wirtschaftliche Lage ziehen es immer mehr Ärzte vor, bereits vor dem 65. Lebensjahr aus dem Beruf auszuscheiden und die Vertragsarztpraxis aufzugeben. 1997 gab es bei den Vertragsärzten nach den jüngsten Statistiken der Bundes­ärzte­kammer und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung ("Bundesarztregister") nur noch einen Nettozuwachs von 1,2 Prozent (1 280 Ärzte). Im Vergleich zum Bruttozugang von fast 4 000 Ärztinnen und Ärzten wurden 1997 etwa 2 600 (Vorjahr: 2 280) Abgänge registriert.
Der Anteil der älteren Vertragsärzte wird in den nächsten zehn Jahren immer größer, der Anteil der bis zu 50jährigen Ärzte sinkt hingegen von 59 Prozent 1996 voraussichtlich auf 42 Prozent im Jahr 2006.
Den höchsten Zugang im Vergleich zum Vorjahr erzielten die Anästhesisten und Psychotherapeuten, für die (noch) keine Zulassungsbeschränkung gilt. Nettozuwachs: 12 Prozent, fast gleich hoch wie im Jahr 1996. Faßt man alle Arztgruppen zusammen, die nicht der Bedarfsplanung unterliegen, ergibt sich ein Nettozugang von 9,3 Prozent. Im Durchschnitt verzeichneten zwölf Arztgruppen, für die die strenge Bedarfsplanung greift, einen Nettozugang von 0,7 Prozent. Die Zugangsraten differieren zwischen vier Prozent bei den Nervenärzten und 3,5 Prozent bei den Radiologen bis hin zu den praktischen Ärzten/Allgemeinärzten, bei denen praktisch überhaupt keine Bestandsänderung eintrat.
Ärzte ohne Berufschance
Bei der gegenwärtigen Niederlassungsneigung und unveränderten Zulassungsbedingungen können von den 40 142 niederlassungswilligen Ärztinnen und Ärzten bis zum Jahr 2006 nur noch 35 487 Ärzte zugelassen werden. Diese stoßen auf 30 413 Ärzte, die aus Altersgründen ausscheiden werden, und weitere 5 074 rechnerisch noch freie Arztsitze. Demnach werden rund 5 000 Ärztinnen und Ärzte keine Zulassungschance haben, wenn die "Ausscheiderate" nicht noch erheblich unter das gesetzlich verfügte "Zwangspensionierungsalter" von 68 Jahren ab 1999 sinkt. Infolge dieser Restriktionen stabilisiert ein nur geringfügig höherer Ärztebestand im Jahr 2006 von insgesamt von 118 812 Ärzten die Finanzen der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung - aber um den Preis verminderter Berufschancen für den ärztlichen Nachwuchs. Dr. Harald Clade
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