ArchivDeutsches Ärzteblatt9/1998Europäische Akademie für ärztliche Fortbildung: Nutzen und Risiken elektronischer Medien

THEMEN DER ZEIT: Blick ins Ausland

Europäische Akademie für ärztliche Fortbildung: Nutzen und Risiken elektronischer Medien

Dtsch Arztebl 1998; 95(9): A-465 / B-373 / C-353

Rieck, Gisela

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LNSLNS Mehr als 100 Teilnehmer aus 17 Ländern diskutierten über Nutzen und Grenzen moderner Technologien in der ärztlichen Fortbildung.
Welche Möglichkeiten bieten moderne Kommunikations-Technologien für die ärztliche Fortbildung? Wo sind ihre Grenzen? Wie sieht die künftige Entwicklung aus? Mit diesen Fragen beschäftigte sich der 9. Kongreß der Europäischen Akademie für ärztliche Fortbildung Ende 1997 in Straßburg. Dabei stellten Vertreter verschiedener Länder Europas, Kanadas und der USA ihre Erfahrungen mit neuen Medien zur Diskussion.
Moderne Kommunikationstechniken zur ärztlichen Fortbildung werden bereits vielfach genutzt. In Spanien betreibt das "Instituto Galenics Servidor de Salud", das von der Ärzteschaft einer Region, einer Universität und den Krankenkassen finanziert wird, ein Intranet für die Gesundheitsberufe, die sich über ein Paßwort einwählen. Angeboten werden Lehrgänge für neue Medien, Fernunterricht, der Zugang zum Hochschulnetz sowie in einzelnen Regionen Vernetzungen zwischen Krankenhäusern und Arztpraxen. Ferner enthält es einen Teledokumentations-Service, über den beispielsweise der Arzneimittelindex abgerufen werden kann. Der Vorteil dieses selbstverwalteten Netzes: Die Ärzte bleiben unabhängig auch von staatlichen Stellen.
In Frankreich gestaltet die Ärzteschaft (Verbände, Ärztekammer, Medizinische Fakultäten) die computergestützte ärztliche Fortbildung selbstverantwortlich. Es existiert ein staatlich zugelassenes geschlossenes Netz im Internet für Ärzte, Pharmazeuten und Pflegepersonal. Das System "Una Descartes" bietet Fortbildungsinhalte auf Disketten, "Iconotech" liefert Bilder, CD-ROM ermöglichen interaktives Lernen. Es stehen personalisierte Bilanzen zur Verfügung, mit denen der Arzt den Ablauf seines beruflichen Alltags dokumentieren und überprüfen kann.
In Deutschland wird noch weitgehend traditionelle ärztliche Fortbildung betrieben. Telemedizin steht nur wenigen Ärzten zur Verfügung. Derzeit sind mehr als 200 CD-ROM zu medizinischen Themen von verschiedenen Anbietern und unterschiedlicher Qualität auf dem Markt. Innerhalb kleiner lokaler Netze existieren Online-Verbindungen und Mail-box-Systeme beispielsweise für Qualitätszirkel. Medizinische Verlage oder Universitäten unterhalten Internet-Datenbanken. Vertreten sind im Internet die Berufs- und Fachverbände, einige Standesorganisationen, die Pharmaindustrie sowie Gesundheitsforen. Probleme bereiten in Deutschland noch der Datenschutz, die ungenügende Hardware-Ausstattung der Ärzte sowie teilweise hohe Preise für CD-ROM.
Zukunft: Europaweite Hochleistungsnetze
Auf europäischer Ebene existiert das System Rubis, in dem die Bereiche Medizin, Verwaltung, Transport und Unterricht vertreten sind. Solchen europaweiten Hochleistungsnetzen gehört nach Ansicht der Konferenzteilnehmer die Zukunft. Ebenfalls international agiert Eurotransmed, ein Netz von Ärzten für Ärzte, das Verbindungen innerhalb Europas sowie nach Nordafrika unterhält. Die Inhalte: Ergebnisse medizinischwissenschaftlicher Konferenzen, autodidaktische Lernmethoden, Live-Übertragungen per Satellit. Pläne zur Weiterentwicklung des Systems beinhalten unter anderem die Vergabe von "Eurocredits" für die Fortbildung sowie eine schnelle Übertragung von Forschungsergebnissen in die Praxis. Finanziert wird das Netz von Sponsoren. Es sei jedoch sichergestellt, daß die Ärzte den Inhalt kontrollieren.
Bislang werden die verschiedenen Kommunikationstechniken zur ärztlichen Fortbildung noch zögerlich angewendet. Obwohl eine breitere Nutzung nach Ansicht der Europäischen Akademie für ärztliche Fortbildung wünschenswert ist, können sie die traditionelle Fortbildung nicht ersetzen, wohl aber sinnvoll ergänzen, wenn sie dem Ziel des Lernens entsprechend kritisch ausgewählt werden. Elektronische Medien bieten dem Arzt neue Möglichkeiten, seinen Fortbildungsbedarf effektiver zu bewältigen.
Der Nutzen neuer Technologien in der ärztlichen Fortbildung hat jedoch seine Grenzen. Berichtet wurde zum Beispiel über ein gerichtliches Verfahren gegen eine Pharmafirma, der vorgeworfen wurde, Produktinformationen im Internet manipuliert zu haben. Wissenschaftlichkeit, Vertraulichkeit, Unabhängigkeit lauteten daher die ethischen Forderungen der Kongreßteilnehmer.
Daneben sind Fragen, wie der Zugang zu vertraulichen Daten geregelt oder die Wissenschaftlichkeit bestimmter Informationen sichergestellt werden kann, noch unbeantwortet. Die neuen Technologien als Fortbildungsinstrument kritisch zu nutzen war ein eindeutiges Plädoyer der Kongreßteilnehmer. Auch wenn sich die Ärzteschaft von der Vorstellung verabschieden müsse, daß sie allein ihre Bildungs- und Informationsmedien gestalten könne, müsse sie sich vor Abhängigkeiten hüten und selbst die Analyse des Fortbildungsbedarfs vornehmen. Sie dürfe dies nicht administrativen Strukturen überlassen.
Die Europäische Akademie für ärztliche Fortbildung hat sich vorgenommen, europaweit die Maßstäbe für eine kontinuierliche Fortbildung zu harmonisieren sowie ihre Rolle als europäische Informationszentrale für die ärztliche Fortbildung auszubauen. Gisela Rieck, Bad Nauheim
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