ArchivDeutsches Ärzteblatt9/1998Diätetische Therapie der Adipositas: Lebensgefährliche Reduktion der Eiweißbestände

MEDIZIN: Diskussion

Diätetische Therapie der Adipositas: Lebensgefährliche Reduktion der Eiweißbestände

Markert, Dieter

Zu dem Beitrag von Prof. Dr. med. Johannes Georg Wechsler in Heft 36/1997
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LNSLNS Zu dem Beitrag von J. G. Wechsler ist festzustellen, daß schon bei normaler Ernährung ein Proteinanteil von 0,8 bis 1 g/kg/KG pro Tag unverzichtbar ist, um die tägliche Stickstoffbilanz ausgewogen zu halten. Im Verlaufe einer Reduktionsdiät hingegen ist der Eiweißbedarf deutlich erhöht und muß in Bereichen von 1 bis 1,2 g/kg/KG pro Tag liegen. Das sogenannte "Heilfasten" ist so gefährlich, daß es besser mit der Vorsilbe "Un-" assoziiert werden sollte. Durch den völligen Wegfall jeglicher Eiweißzufuhr kommt es vom ersten Augenblick an zu einer extrem gesundheitsgefährdenden, streßgestützten, fulminanten aminoplastischen Glukoneogenese, in deren Verlauf, um den Basisglukosebedarf des Körpers aufrechtzuerhalten, bis zu zwei Wochen lang täglich 100 g Glukose aus 200 g Körpereiweiß gewonnen werden. Die immer wieder mit "Fastenkrisen" salopp umschriebenen Zustände eines ubiquitären Proteinkatabolismus (zum Beispiel an Strukturproteinen, Herz- und Skelettmuskulatur) führen zur lebensgefährlichen Verminderung der Eiweißbestände des Organismus. Es kommt zu Osteoporose, vermindertem Wachstum bei Jugendlichen, Muskelatrophien, Suppression des gesamten hämatopoetischen Systems mit Lymphopenie, im weiteren Verlauf zu erworbener, oft ganz erheblicher Abwehrschwäche bei gehäufter Infektanfälligkeit. Seit 1981 sind unzählige Todesfälle darüber weltweit publiziert (1, 2). Hierbei tritt der Tod oft infolge von Herzrhythmusstörungen oder infarkten und fulminanten septischen Verläufen (Meningoenzephalitiden) bei erworbenen sekundären Antikörpermangel-Syndromen auf. Da die Muskelzellen einen durchschnittlichen Wassergehalt von 50 Prozent haben, führt dieser Katabolismus auch zu einem drastischen Verlust von endogenem Wasser und Kalium; dadurch werden die kardialen Komplikationen noch weiter verschärft. Völlig unsinnig, ja geradezu falsch, ist Wechslers Empfehlung einer kalorienreduzierten Mischkost zur Gewichtsabnahme, führt sie doch geradewegs über eine Verminderung der T4/T3-Neogenese (sogenannte metabolische Hypothyreose) in die Sackgasse des Jo-Jo-Dieting und damit zur weiteren Verstärkung der Fettsucht (3, 4). Diese Methode ist bestenfalls zur Stabilisierung bei stattgehabter, erfolgreicher Gewichtsreduktion zu empfehlen. Weiterhin ist das modifizierte Fasten ("Modifast") mit einem unphysiologisch viel zu niedrigen Proteinanteil von 50 g ebenfalls nicht zu empfehlen, gibt Wechsler doch hierbei selbst zu, daß "die Stickstoffbilanz für volle zwei Wochen negativ bleibt" - unbedingt vermeiden. Ähnliches gilt für Optifast und die Treffpunkt-Diät: zu ungesund, viel zu aufwendig, zu teuer.
Die von mir entwickelte und bis heute an 100 000 Probanden mit Erfolg und positivem Follow-up eingesetzte Diät ("Markert-Diät") steht völlig auf dem Boden physiologischer Vorgaben und wurde im Rahmen einer wissenschaftlichen Studie 1996 publiziert (5). Sie ist charakterisiert durch das Vermeiden der durch deutliche Kalorienrestriktion hervorgerufenen initialen, obligaten Verminderung der T4/T3-Neogenese (Anti-Jo-Jo) durch ausreichende Zufuhr (zirka 1,2 g/kg/KG/die) eines biologisch höchstwertigen Aminosäuren-Enzymgemisches mit ausreichendem Kohlenhydrat- und Fettanteil (6, 7). Weiterhin wird durch Absenken der beim Adipösen meist stark erhöhten Insulinspiegel auf über die Hälfte die zuvor kompetitiv gehemmte, "hormonsensible" Triglyzeridlipase aus ihrer Bindung frei; es kommt zur ausschließlichen, massiven Hydrolyse der Fette aus den Depots (sogenannter Randle-Mechanismus). Somit wird die äußerst schädliche und ungesunde aminoplastische Glukoneogenese mit all ihren negativen Folgen vollständig vermieden. Durchschnittlich werden so zirka 4 bis 5 kg Fett pro Woche verstoffwechselt, respektive abgebaut. Durch die starke spezifisch-dynamische Wirkung des Proteingemisches wird initial die T4/T3-Neubildung und die Thermogenese hochsignifikant gesteigert - eine metabolische Hypothyreose wird nicht beobachtet.
Gegenwärtig wird ein Konzept mit interdisziplinärem Charakter (Hausarzt - Psychologe - Ernährungsberater - Physiotherapeut) erarbeitet, mit dem Ziel, auch einen Therapieerfolg auf Dauer zu gewährleisten. So hat die Vergangenheit immer wieder gezeigt, daß in einem meist autoritär geprägten Arzt-Patienten-Kontext, nur um dem Therapeuten "zu gefallen", diszipliniert abgenommen wird - danach verfällt meist jeder wieder in seine alten, schädlichen Gewohnheiten; diese müssen unbedingt angesprochen und überwunden werden. So verfügen Übergewichtige in nicht unerheblichem Maße über eine sehr niedrige Frustrationstoleranz Dis-Stressoren gegenüber und sprechen auf exogene Reize, die Nahrungszufuhr betreffend, äußerst leicht an - beides wird überkompensiert mit anhaltender Hyperphagie - ein Circulus vitiosus, den es therapeutisch unbedingt zu durchbrechen gilt.


Literatur beim Verfasser


Dr. med. Dieter Markert
Cronstettenstraße 74
60322 Frankfurt am Main

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