ArchivDeutsches Ärzteblatt9/1998Diätetische Therapie der Adipositas: Anmerkungen zum „Optifast“-Programm

MEDIZIN: Diskussion

Diätetische Therapie der Adipositas: Anmerkungen zum „Optifast“-Programm

Dtsch Arztebl 1998; 95(9): A-480 / B-385 / C-363

Kleinrensing, Michael

Zu dem Beitrag von Prof. Dr. med. Johannes Georg Wechsler in Heft 36/1997
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LNSLNS Nachdem sich meist Krankenhäuser in den letzten Jahren das Hobby "Optifast" zugelegt haben und damit scheinbar kommerziellen Erfolg haben (die meisten "Optifast-Zentren" befinden sich in Allgemeinkrankenhäusern und arbeiten im Franchise-System), möchte ich darauf hinweisen, daß in Folge der kommerziellen Ausrichtung auch alle Nachteile dieser aufgetreten sind. So ist das Diätprodukt "Optifast 800" vollkommen überteuert (zirka ein Drittel der gesamten Behandlungskosten). Alternative Produkte, die den § 14a der Diätverordnung erfüllen,
sind in den Drogeriemärkten viel preisgünstiger zu haben. Außerdem ist der Kult um dieses Produkt in den Zentren so groß, daß viele Patientinnen ihren Erfolg auf die Wirkung dieses "Wundermittels" attribuieren, was spätere Gewichtszunahmen vorprogrammiert und was das "medizinische Krankheitsmodell" fröhliche Auferstehung feiern läßt. So wird "Optifast 800" von einem der größten Pharmagiganten (Sandoz) hergestellt und ausschließlich in den Zentren verteilt und verkauft. So berichtet der Autor in seinem Artikel typischerweise nur schwammige Daten katamnestischer Untersuchungen ("60 Prozent"). Da die im Artikel veröffentlichen Daten über die Erfolge dieses Programms beeindruckend scheinen und aus internationalen Studien bekannt ist, daß Langzeitergebnisse der Adipositas-Behandlung eher ernüchternd sind, mag es nicht verwundern, daß diese Ergebnisse aus dem "Optifast"-Programm entweder nicht vorliegen oder eben auch im Trend der internationalen Studien liegen und somit nicht gerne berichtet werden.
Aus meinen eigenen Erfahrungen als psychologischer Mitarbeiter weiß ich, daß nur wenige Patientinnen von dem Programm profitieren (also langfristige Gewichtsstabilisierung); die meisten nehmen zwar deutlich ab, jedoch auch schnell wieder zu, der Rest bricht ab. Es wird fast jeder Interessent "genommen", um die Gruppe schnell auf bis zu 15 Teilnehmer auffüllen zu können; so sind hohe Drop-out-Raten zu erwarten, zumal - entgegen den Vorgaben - recht unqualifiziertes Personal auf die Patienten losgelassen wird. So wird das Kernstück des Programms, die wöchentlich stattfindenden Gruppensitzungen, selten von Diplom-Psychologen oder Ärzten mit therapeutischer Zusatzausbildung durchgeführt, sondern von Psychologiestudenten und fachfremden Berufsgruppen (ist billiger). Zwangsläufig war das therapeutische "Team" bei vielen Patienten (mit zum Teil schweren Persönlichkeitsstörungen und anderen psychischen Störungen mit Krankheitswert) derart überfordert, daß den Teammitgliedern öfters die "therapeutische Grundhaltung" abhanden gekommen schien.
Ein von der Grundkonzeption und -idee her vernünftiges Programm (entsprechend dem "bio-psycho-sozialen" Krankheitsmodell) wird aus kommerziellen Gründen so verwässert, daß es von den unterstützenden Krankenkassen fahrlässig ist, das Geld ihrer Versicherten so zum Fenster herauszuwerfen. So wird das kommerziell uninteressante, jedoch Langzeiterfolge stabilisierende "Folgeprogramm" (Dauer: ein halbes Jahr) entsprechend lieblos behandelt, so daß nur ein geringer Prozentsatz der Patienten daran teilnimmt. Es ist wünschenswert, Programme, die von der Solidargemeinschaft mitbezahlt werden, mindestens ein Jahr dauern zu lassen. Außerdem ist eine sorgfältigere, differentielle Indikation für die Teilnahme an einem derartigen Programm zu stellen.
Für mich stellt sich Adipositas als Symptom dar, welches durch vielfältige Verhaltensweisen und -muster sowie durch inadäquate Konflikt-, Problem- und Streßbewältigungskompetenzen beziehungsweise einem unangemessenen Umgang mit der Emotionalität aufrechterhalten wird. Die Symptombehandlung sollte entsprechend erfolgen und nicht in die Hände von für diesen Job schlecht qualifizierten Ärzten und schlecht bezahlten Psychologiestudenten gelegt werden. Der adipöse Mensch ist leichter kränkbar, als viele denken, und sollte es sich sparen, aufgrund leicht induzierbarer Hoffnungen weiter gekränkt zu werden und all seine Hoffnungen im "Optifast 800"-Diätpulver zu suchen.


Michael Kleinrensing
Diplom-Psychologe
Psychotherapeut
Heuserstraße 18
47051 Duisburg


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