ArchivDeutsches Ärzteblatt27/2011Regionalisierung: 17 Wege zum Honorar

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Regionalisierung: 17 Wege zum Honorar

Korzilius, Heike

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Gleiches Geld für gleiche Leistung – das war eines der großen Ziele der vertragsärztlichen Honorarreform von 2009. Den Weg dorthin ebnete der Gesetzgeber, indem er den Honorarzuwachs für die Vertragsärztinnen und -ärzte von der Einnahmenentwicklung der Krankenkassen abkoppelte. Das Maß für die Steigerung ist seither die Krankheitslast der Versicherten, der Preis für diese Entwicklung ein gewisser Zentralismus. Denn für die Honorarverhandlungen mit den Krankenkassen und die Verteilung des Geldes unter den Ärzten sind seither nicht mehr die 17 Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) verantwortlich, sondern an ihrer Stelle die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV). Das erschien damals vielen sinnvoll, vor allem weil die Kassen das Geld für ihre Versicherten ebenfalls zentral und morbiditätsbezogen aus dem Gesundheitsfonds erhalten. Erfolgreich schien der neue Weg ebenfalls: Zehn Prozent mehr Honorar waren das Verhandlungsergebnis der KBV. Doch die Reform führte auch zu massiven Verwerfungen zwischen den KVen und den Arztgruppen.

Deshalb soll jetzt alles wieder anders werden. „Re-Regionalisierung“ heißt das Zauberwort. Die KVen wollen das Vertragsgeschäft erneut selbst in die Hand nehmen. Denn es herrscht der Glaube, man könne vieles besser machen als die KBV im fernen Berlin, vor allem mehr Verteilungsgerechtigkeit schaffen, weil man besser auf regionale Besonderheiten eingehen könne.

Das war auch der Tenor bei der Vertreterversammlung der KV Westfalen-Lippe am 2. Juli in Dortmund. Doch gerade diese KV ist ein gutes Beispiel für die ungelösten Probleme bei einer erneuten Regionalisierung. Sie bildet seit der Honorarreform von 2009 das Schlusslicht, zumindest bei der morbiditätsorientierten Gesamtvergütung (mGV) je Versichertem. Der Abstand zum Durchschnitt beträgt dem KV-Vorsitzenden Dr. med. Wolfgang-Axel Dryden zufolge acht Prozent. Wird die mGV je Versichertem jetzt nicht zumindest auf den Bundesdurchschnitt angehoben, hat es die KV bei Honorarverhandlungen schwer: „Die Weiterentwicklung eines Honorars nützt nichts, wenn sie auf einer zu gering bemessenen Grundlage erfolgt“, sagt Dryden.

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Auf die Solidarität des KV-Systems dürfen Dryden und die Kollegen aus den KVen, die sich ebenfalls zu den Verlierern der Honorarreform zählen, nicht hoffen. Die KBV-Vertreterversammlung hat sich nur minimale Zugeständnisse abringen lassen, die zudem für die KVen kostenneutral sind. Der Gesetzgeber hat für das Problem im Entwurf des Versorgungsstrukturgesetzes (noch) keine Lösung vorgesehen, wohl aber die Regionalisierung festgeschrieben.

Heike Korzilius Redakteurin für Gesundheits- und Sozialpolitik
Heike Korzilius Redakteurin für Gesundheits- und Sozialpolitik

Dazu kommt, dass man sich mit der Regionalisierung vom Grundsatz „gleiches Geld für gleiche Leistung“ verabschiedet. Es wird künftig also wieder 17 KVen mit 17 verschiedenen Honorarverträgen geben, die unterschiedliche Preise für ärztliche Leistungen ausweisen, je nachdem, ob sie in Bayern oder Berlin erbracht werden. Das Aussetzen der Ambulanten Kodierrichtlinien dürfte die Verhandlungsposition der KVen zusätzlich schwächen. Denn die Kassen werden versuchen, mit dem Verweis auf die schlechte Kodierqualität Honorarforderungen aufgrund zunehmender Morbidität zu blockieren. „Ich bin skeptisch, ob die Zufriedenheit steigt“, sagte KBV-Vorstand Dr. med. Andreas Köhler in Dortmund. „Denn die Probleme bleiben. Sie müssen nur 17-mal gelöst werden.“

Heike Korzilius
Redakteurin für Gesundheits- und Sozialpolitik

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