THEMEN DER ZEIT

Musiktherapie: „Und da begriff er: Das ist Angst!“

Dtsch Arztebl 2011; 108(27): A-1524 / B-1290 / C-1286

Neumann, Brigitte

Erfolgreich ist der Einsatz der Musiktherapie auch bei feinmotorischen Störungen nach Schlaganfällen. Foto: laif
Erfolgreich ist der Einsatz der Musiktherapie auch bei feinmotorischen Störungen nach Schlaganfällen. Foto: laif

Musiktherapie hat sich inzwischen als gesundheitswissenschaftliches Fach an den Hochschulen etabliert.

Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem“, schrieb der Dichter Novalis. „Die Heilung eine musikalische Auflösung.“ Gemeint ist, dass Musik und Seelenleben eng zusammenhängen. Dass Misstöne und Missstimmungen schlechte Empfindungen auslösen können, bis hin zu körperlichen Beschwerden. In diesem Sinne hat Novalis recht: Musik wirkt. Also wird sie therapeutisch genutzt. Circa 3 000 Musiktherapeuten gibt es in Deutschland. Für die meisten ist das Studium eine Zusatz-Qualifikation, wie für den Arzt Gert Hünmann, Onkologe am Hamburger Universitätsklinikum. Er studiert Musiktherapie, weil er bei seinen Patienten beobachtet hat, wie es nach der Diagnose Krebs „zu einer Sprachlosigkeit kommt, einem Gefühl der Verlassenheit. Sie gehen sich in dieser schwierigen Situation einfach verloren. Niemand im Krankenhaus fängt sie auf. Denn meist geht es dort nur um die medizinischen Aspekte, um die Symptomatik“. Neben Hünmann sitzt Maya Schneider. Auch sie ist Studentin der Musiktherapie an der Hochschule für Musik und Theater in der Hamburger Milchstraße. Sie arbeitet am Hamburger Universitätsklinikum als Heilpädagogin – meist mit zu früh Geborenen. „In der Musiktherapie mit kleinen Kindern erlebe ich täglich, wie sie Reifeprozesse nachholen, zum Beispiel in der Sprache. Das läuft über Rhythmus und Takt, alles Erlebnisse, die die Kinder schon im Mutterleib hatten, die ihnen dort Sicherheit gaben und die in einer zu frühen Geburt zu früh abgebrochen wurden.“

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Hünmanns und Schneiders Ausbilder heißt Hans-Helmut Decker-Voigt. Der 65-Jährige, seit kurzem emeritierter Professor, ist in der Musiktherapie sozusagen ein Mann der ersten Stunde. Er engagierte sich erfolgreich dafür, Musiktherapie als das erste nichtärztliche, gesundheitswissenschaftliche Fach aus dem künstlerischen Bereich mit Vollstudiengängen und Vollprofessur zu etablieren.

Andere künstlerische Therapien, wie die Mal-, die Tanz- und die Schreibtherapie, sind nicht so anerkannt. Decker-Voigt über die Gründe: „Sie haben mit der Entwicklung des Menschen zu tun. Auf die musikalische, oder sagen wir vorsichtiger, auf die prämusikalische Ebene stößt er bereits im Uterus. Wir wachsen auf im uterinen Klangraum, und dort haben wir die erste Begegnung mit allen wichtigen musikalischen Bauelementen – Rhythmus, Dynamik, Klang, Melodie, Form. Die Erinnerung daran speichern wir in einer Art von Körpergedächtnis.“

Karin Schumacher hat ihre Doktorarbeit bei Decker-Voigt in Hamburg geschrieben. Heute singt sie mit Florian, einem achtjährigen blonden Jungen, im Kinderhort des Vereins „Hilfe für das autistische Kind“ in Berlin. Auf dem Boden sitzend, umfasst die Therapeutin den Knaben, schaukelt mit ihm zusammen hin und her und singt. Florian kann nicht sprechen, nur lautieren. Aber er strengt sich an. Und manchmal gelingt es ihm, Rhythmus und Melodie des Lieds, das Schumacher gerade singt, aufzugreifen.

Die 61-Jährige hat einen Lehrstuhl für Musiktherapie an der Berliner Universität der Künste. Sie arbeitete während der letzten 20 Jahre ausschließlich mit autistischen Kindern. „Menschen mit Autismus haben Gefühle nicht integriert“, sagt Schumacher, die in Wien noch bei Hans Asperger studiert hat. „Sie wissen, dass es sie gibt, sind auch davon gebeutelt, aber sie haben keine Ordnung dafür. Was ist lustig? Was ist traurig? Was ist aufregend? Das muss erst neu erarbeitet werden. Manche kennen die Begriffe, aber sie haben nicht die Verbindung zwischen Begriff und Empfindung hergestellt. Also müssen Spiele mit Affekten in der Therapie entstehen. Und je mehr die Kinder sich darauf einlassen, desto mehr Erfahrungen können sie sammeln: Ach, das ist Angst. Ach, das ist Freude. Ach, das ist traurig. So klingt das. So fühlt sich das an. Das muss mit allen Sinnen erarbeitet werden.“

Die Österreicherin erzählt von Steven, einem achtjährigen, leidlich sprechfähigen Jungen, der eine Zeit lang, wenn er zur Therapie kam, als Erstes zielstrebig zum Fenster ging, es aufriss und Stofftiere auf die Straße warf. Mit einer Gitarre aus dem Musikraum hat er es auch versucht. Die Aufregung, die seine Aktionen auslösten, war ihm augenscheinlich ein Fest. Er liebte dramatische Auftritte. „Gefühlsspiele, wo er der böse Mann war, haben ihn damals fasziniert“, erinnert sich Schumacher. „Er fühlte sich als der böse Mann. Wir hatten ihn ja auch oft genug zusammengeschimpft. Aber dann tauschten wir die Rollen: Einmal spielte er den bösen Mann, und dann war ich der böse Mann und habe ihn erschreckt. Und ich weiß noch, wie er da reagierte. Er sagte: ‚Oh . . . das ist Angst.‘“

Wäre der schmale Junge mit dem wachen Blick und den eckigen Bewegungen sich selbst überlassen worden, hätte er nie diesen Entwicklungsschritt vollziehen können, Angst zu spüren. Und nun weiß er auch, wie es aussieht, wenn andere Angst haben. Im nächsten Schritt könnte er erfahren, was Trost ist. Und so weiter. Jeder Mensch entwickelt sich nur im Kontakt mit anderen.

Karin Schumacher bahnte sich ihren Weg zu Steven mit Hilfe der Musik. Denn Kontaktaufnahme mit den üblichen Mitteln, wie Konversation, Anschauen, Händeschütteln, würde nicht funktionieren. Einen Jungen wie Steven anzusprechen, hieße, ihn unter Druck zu setzen, ihm in die Augen zu schauen oder ihn anzufassen, es würde ihm Gefühle machen, die er nicht deuten kann und vor denen er sich fürchtet. Musik ist ein sanfter, indirekter Kontaktmittler. Sie ist ja nur klingende Luft. Und Musik ist eine Sprache, die Steven kennt. Mit Hilfe der Musik kommt es zum Dialog. Schumacher erklärt die Hintergründe: „Wir hören zuerst über die Knochenleitung. Das heißt, wir spüren erst den Rhythmus des eigenen und des mütterlichen Herzens. Das sind Verbindungen zwischen Spüren und Hören, die sehr tief sitzen. Und diese Verbindung suchen wir wieder auf in der Therapie, um von da ausgehend neue Stabilitäten zu bilden.“ Schumachers Methode heißt „Synchronisation“. Und die Musik ist ihr Vehikel, um dahin zu kommen: zur Übereinstimmung, zum Gleichklang, zum Kontakt. Denn in der Musik lernt man, die Gefühle zur selben Zeit miteinander zu teilen. „Das halte ich für eine extrem interessante Fokussierung im Hinblick auf Beziehungsstörungen. Da geht es nämlich darum, dass das noch gelernt werden muss. Und das funktioniert mit Musik so gut wie mit keinem anderen Medium, behaupte ich einmal.“

Eckart Altenmüller, Musikphysiologe und Musikermediziner, kennt noch ein anderes Therapiefeld, auf dem das Medium Musik unschlagbar ist. Nämlich bei der Rehabilitation von feinmotorischen Störungen nach Schlaganfällen. „Die Basis war eine Studie, die ich Ende der 90er Jahre mit meinem Mitarbeiter Mark Bangert durchgeführt habe. Damals konnten wir zeigen, dass bei musikalischen Laien schon nach wenigen Minuten des Klavierspiels eine Vernetzung im Gehirn zwischen Hörzentrum und den Bewegungszentren stattfindet.“ Im Training wurde dann erst einmal die Grobmotorik am Schlagzeug verbessert. An sieben unterschiedlich tönenden Drum Pads erarbeiteten sich die Patienten einfache Melodien wie „Freude schöner Götterfunken“. „Wenn sie sich da verbessert hatten, ging es ans Klavier“, sagt Altenmüller. „Wir fanden heraus, dass diese Methode, die auf dem Feedback des Gehörs basiert, die Feinmotorik schneller und besser trainiert als das herkömmliche Feinmotoriktraining nach Taub oder jede andere Physiotherapie.“

Der 55-Jährige hat sein Büro in der Hannoverschen Hochschule für Musik. Er ist der einzige Wissenschaftler in Deutschland, der über ein Institut verfügt, an dem schwerpunktmäßig über Musik und Gehirn geforscht wird. Mit seinen Arbeiten zur Neuroplastizität, also zur Veränderbarkeit des Gehirns, ist Altenmüller weltweit führend. Eine Zeit lang konnte man von seinen Gänsehauttests in der Zeitung lesen. Dabei ging es um das Phänomen, dass geordnete Schallwellen, vulgo Musik, selbst nüchterne Menschen zu Tränen rühren, ihnen Schauer über den Rücken laufen lassen, den Puls beschleunigen, Gänsehaut erzeugen – alles Anzeichen intensiven emotionalen Erlebens.

Musik wirkt, allerdings nicht als Wundermittel zur Erhöhung des Intelligenzquotienten. „Den Mozart-Effekt gibt es nicht“, sagt Altenmüller. „Aber was viel zu wenig Beachtung findet, ist die Tatsache, dass gemeinsames Musizieren die emotionale Kompetenz erheblich verbessert. Es schult Gehör und Innenwahrnehmung. Man wird sensibler dafür, was im Stimmklang des Gegenübers mitschwingt. Musizierende Kinder können zum Beispiel feiner auf Emotionen reagieren, die ihnen andere Klassenkameraden und Lehrer entgegenbringen. Und so etwas ist nun mal wirklich für das Leben relevant. Wir sind gerade dabei, diesen Aspekt der Musik genauer zu erforschen.“

Brigitte Neumann

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