ArchivDeutsches Ärzteblatt27/2011Von schräg unten: Tagliatelle mit Trüffeln

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Tagliatelle mit Trüffeln

Böhmeke, Thomas

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Betriebs- und Finanzwirtschaft sind – obgleich es manch misstrauischer Mitmensch vermutet – kein Bestandteil der ärztlichen Ausbildung. Aber wir leben im Zeitalter der Regularisierung und Ressourcenverknappung, daher durchdringt das Verdikt der Kosteneffizienz jeden Patientenkontakt. Aufopfernde und ausufernde Hingabe zur Versorgung unserer Patienten ist nun mal betriebswirtschaftlich fragwürdig, weil nicht honoriert; Empathie und Ethos fehl am Platz. Trotzdem werfen wir immer wieder sämtliches profitorientiertes Denken über den Haufen, besinnen uns auf die Wurzeln unseres Berufs und widmen uns ausführlich unseren Patienten.

So auch ich, der zu einem multimorbiden Patienten fährt, den seine Frau liebevoll zu Hause pflegt. Ich spreche lange mit ihm, untersuche ihn gründlich, um anschließend ausführlich mit seiner Frau die Medikation zu redigieren, Bedarfstherapien zu planen und Versorgungsoptionen darzulegen. Nach zwei Stunden meint die Ehefrau: „Herr Doktor, ich bin Ihnen so dankbar, dass Sie sich so viel Zeit genommen haben. Ich weiß, dass die Krankenkasse Ihnen all das nicht bezahlt. Hier sind hundert Euro, bitte machen Sie sich mit Ihrer Frau einen schönen Abend.“ Das ist verlockend. Hundert Euro beim Italiener meines Vertrauens, das bedeutet Tagliatelle mit Trüffeln, umrahmt von einem süffigen Sauvignon, gekrönt von einer Crème brûlée.

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Aber halt: Ich bin ein ehrlicher Steuerbürger, daher muss ich diese Einkünfte aus ärztlicher Tätigkeit erst durch die Bücher laufen lassen, also Steuern, Beiträge und Vorsorgeaufwendungen subtrahieren, bevor ich mich dem lukullischen Luxus hingebe. Allein die Einkommensteuer lässt die hundert Euro auf 58 Euro zusammenschnurren. Das heißt konkret, Champignons statt Trüffel, billigen Pinot statt exquisiten Sauvignon. Kein Festmahl, aber ich kriege das mit meiner Liebsten verhandelt. Muss ich nicht auch die Beiträge zur Kranken- und Rentenversicherung, Berufshaftpflicht, Berufsunfähigkeitsversicherung und Lebensversicherung abziehen? Was ist mit Kirchensteuer und Solidarbeiträgen? Abzüge für die Kassenärztliche Vereinigung, die Ärztekammer einschließlich der Sterbekasse für Arztehefrauen? Aufwendungen für Fortbildungen und Beiträge für Mitgliedschaften in Fachgesellschaften? Die Champignons kommen nunmehr aus der Dose, der Pinot weicht einer Resteverwertung aus flüssigen EU-Überschüssen. Ein solches Menü ist schon schwieriger zu vermitteln. Dabei habe ich von den hundert Euro noch gar nicht die anteiligen Kosten für die Praxis eingerechnet: Miete, Stromkosten, Heizung; der Lohn für meine Angestellten; die Arbeitgeberbeiträge zur Kranken- und Rentenversicherung, Pflege-, Unfall- und Arbeitslosenversicherung. Ganz zu schweigen von der Elektro-, der Einbruchs- und der Elektronikversicherung. Ich starre auf den Hundert-Euro-Schein, der abgabenbedingt auf weniger als neun Euro atrophiert. Zweimal Pommes mit Mayo und zwei Limo, bitte.

„Was schauen Sie denn so traurig? Nehmen Sie doch das Geld, Sie würden mir wirklich eine große Freude machen!“ Ach nein, das ist wirklich sehr nett, aber ich glaube, dass es besser ist, wenn sie sich selbst mit diesem Geld etwas Gutes tut, sich etwas Entlastung in der aufopfernden Pflege für ihren Ehemann schafft. „Herr Doktor, es ist schön zu wissen, dass es Ärzte gibt, die sich so für die Patienten einsetzen und nicht nur an Geld denken.“

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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