ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2011Carl Gustav Jung: Vom kollektiven Unbewussten und den Archetypen

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Carl Gustav Jung: Vom kollektiven Unbewussten und den Archetypen

PP 10, Ausgabe Juli 2011, Seite 310

Goddemeier, Christof

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„Der entscheidende Punkt ist die Frage der ,Geschichte‘ des Patienten; denn sie deckt den menschlichen Hintergrund auf, und nur da kann die Therapie einsetzen.“ Carl Gustav JungFoto: dpa
„Der entscheidende Punkt ist die Frage der ,Geschichte‘ des Patienten; denn sie deckt den menschlichen Hintergrund auf, und nur da kann die Therapie einsetzen.“ Carl Gustav Jung
Foto: dpa

Vor 50 Jahren starb Carl Gustav Jung, der Begründer der „Analytischen Psychologie“. Nach Sigmund Freud und Alfred Adler gilt er als dritter Pionier der Tiefenpsychologie.

Wie Alfred Adler arbeitete Carl Gustav Jung einige Jahre mit Sigmund Freud zusammen. Jung wurde eine Zeit lang von Freud sogar als „Kronprinz“ für die Fortsetzung seines Werks ausersehen. Beide würdigten auch nach der Trennung von Freud dessen Verdienste bei der Erforschung des Unbewussten. In „Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung“ (1914) tut Freud sich dagegen schwer, eine eigenständige Leistung der zwei „Abtrünnigen“ anzuerkennen. Ihm zufolge haben Adler und Jung kaum etwas Neues hervorgebracht, sondern bereits Bekanntes umbenannt und wesentliche Teile der psychoanalytischen Lehre abgeschwächt. Beiden wird man mit dieser Einschätzung nicht gerecht. Im Unterschied zu Freud, der seinem Werk eine systematische Form gab, hinterlässt Jung seine Schriften weniger geordnet. Dabei wusste er um die Schwächen seiner Kommunikation: „Niemand liest meine Bücher, und ich habe solche Mühe, den Leuten verständlich zu machen, was ich meine.“ Dazu trägt vermutlich bei, dass die Psyche Jung zufolge „unabsehbar kompliziert“ ist und sich eindeutigen Beschreibungen entzieht. Und während Freuds Variante der Tiefenpsychologie Seelisches mit Hilfe der Schrift zu entziffern sucht, bezieht Jung sich vor allem auf das Bild. „Man darf sich keinen Augenblick der Illusion hingeben, ein Archetypus könne schließlich erklärt und damit erledigt werden. Auch der beste Erklärungsversuch ist nichts anderes als eine mehr oder weniger geglückte Übersetzung in eine andere Bildsprache“, schreibt er 1940.

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Ursprünglich kommt die Familie aus Mainz. 1822 folgt Jungs Großvater einem Ruf auf den Lehrstuhl für Anatomie, Chirurgie und Geburtshilfe nach Basel. Carl Gustav Jung wird 1875 in einem Dorf am Schweizer Ufer des Bodensees geboren. Der Vater ist evangelischer Pfarrer, die Mutter interessiert sich für Spiritismus und Okkultismus. Sie soll über prophetische Gaben verfügt haben und häufig geistesabwesend ihren Eingebungen nachgehangen haben. In der Schule findet Jung kaum Kontakt. Er fühlt sich unverstanden und einsam. Der einzige Mensch, dem er sich mitteilen kann, ist seine Mutter. Doch weil sie ihn vor allem bewundert, „(. . .) blieb ich mit meinen Gedanken allein. Das war ich auch am liebsten. Ich habe allein für mich gespielt, bin allein gewandert, habe geträumt und hatte eine geheimnisvolle Welt für mich allein“.

Ab 1895 studiert Jung in Basel Medizin, 1902 promoviert er mit einer Arbeit zur „Psychologie und Pathologie sogenannter okkulter Phänomene“. Dazu verwendet er seine Aufzeichnungen der Séancen mit seiner Cousine Hélène Preiswerk. An Richard von Krafft-Ebings „Lehrbuch der Psychiatrie“ (1879) begeistert Jung dessen Beschreibung der Psychosen als „Krankheiten der Person“. Durch eine „blitzartige Erleuchtung“ wird ihm klar, dass er Psychiater werden will: „Hier allein konnten die beiden Ströme meines Interesses zusammenfließen (. . .) Hier war das gemeinsame Feld der Erfahrung von biologischen und geistigen Tatsachen, welches ich überall gesucht und nicht gefunden hatte.“

Jung arbeitet als Assistent Eugen Bleulers an der Zürcher Psychiatrischen Klinik Burghölzli. Vor allem interessiert ihn die Frage „Was geht in Geisteskranken vor?“ Befremdet nimmt er zur Kenntnis, dass deren Psychologie in Diagnostik und Therapie kaum eine Rolle spielt: „Der Psychiatrie-Unterricht war darauf angelegt, von der kranken Persönlichkeit sozusagen zu abstrahieren und sich mit Diagnosen, mit Symptombeschreibungen und Statistik zu begnügen. (. . .) Man nahm die Inhalte der Fantasien nicht ernst, sondern sprach zum Beispiel ganz allgemein von ,Verfolgungsideen‘.“ Mit Hilfe des von Francis Galton entworfenen Assoziationsexperimentes stößt Jung auf „Teilpersönlichkeiten“ oder „Komplexe“ – „Brenn- und Knotenpunkte des seelischen Lebens, die man nicht missen möchte, ja, die gar nicht fehlen dürfen, weil sonst die seelische Aktivität zu einem Stillstand käme“. Komplex im Jung’schen Sinn bezeichnet etwas Unerledigtes, Konflikthaftes, das sowohl hindern als auch anregen kann. Damit können Komplexe sich auf die Entwicklung des Individuums positiv oder negativ auswirken. Jung schickt eine Kopie seines Buches „Diagnostische Assoziationsstudien“ an Freud. Der ist begeistert, 1907 besucht Jung ihn in Wien. Auf Bitten Freuds übernimmt er die Redaktion des „Jahrbuchs für Psychoanalyse“ und wird erster Präsident der neu gegründeten „Internationalen Psychoanalytischen Gesellschaft“.

Libido als allgemeine psychische Energie

Doch im Lauf der Jahre treten die Unterschiede zutage. Zwar übernimmt Jung den Begriff der Libido, doch fasst er ihn weiter als Freud – nicht ausschließlich als sexuellen Trieb, sondern als allgemeine psychische Energie, vergleichbar etwa mit Arthur Schopenhauers „Wille zum Leben“ oder Henri Bergsons „élan vital“. Dabei leugnet er die Bedeutung der Sexualität nicht, sieht sie jedoch als eine Ausdrucksform der allgemeinen Lebenskraft. Während Freud das Kausalitätsprinzip der Naturforschung auch auf die Seelenkunde anwendet, ergänzt Jung Kausalität um Finalität: Seelisches ist nicht nur kausal bedingt, sondern auch durch Ziele, Zwecke und Werte. Wichtig für das Verständnis der Psyche ist nicht so sehr, woher sie kommt, sondern wohin sie strebt. Der Briefwechsel dokumentiert schließlich die unterschiedliche Einstellung zur Religion: Dem Diktum des Soziologen Max Weber von der „Entzauberung der Welt“ durch Rationalisierung und der damit verbundenen Entfremdung hält Jung seine Forderung nach „Wiederverzauberung“ entgegen. Freud antwortet knapp: „An Ersatz für Religion dachte ich nicht, dies Bedürfnis muss sublimiert werden (. . .)“

Freud hatte sich bereits vom Traum einen „Einblick in die phylogenetische Kindheit“ und „Kenntnis der archaischen Erbschaft des Menschen“ versprochen. Diese Annahme führt Jung zum Konzept des kollektiven Unbewussten und der Archetypen aus. Eine erste Ahnung eines kollektiven „A priori“ der persönlichen Psyche erhält er aus einem eigenen Traum. Aber auch seine psychotherapeutische Arbeit führt ihn zu einem kollektiven Unbewussten. Denn neben affektiven Einstellungen zu ihren nächsten Bezugspersonen übertragen seine Patienten Erwartungen und Befürchtungen, die den Therapeuten als Zauberer, Alchimisten, Heiland oder Riesen sehen. Dabei reichen die zahlreichen Bestimmungen des Archetypus vom Anorganischen bis zum Geistigen, vom Vergleich mit physikalischen Quanten bis zum „geistigen Ziel, zu dem die Natur des Menschen drängt“. Jung zufolge ist ein Archetyp nicht inhaltlich bestimmt. Demnach ist er keine vererbte Idee, sondern ein „vererbter Modus der psychischen Funktionen“, ein „an sich leeres, formales Element, das nichts anderes ist als eine (. . .) a priori gegebene Möglichkeit der Vorstellungsform“. Vergleichbare Strukturen findet man in den „angeborenen Auslösemechanismen (AAM)“ der Ethologie und in der Sprachwissenschaft – etwa Noam Chomskys „Tiefenstrukturen“ der Grammatik. Laut Jung kommt ein Säugling nicht als „tabula rasa“ zur Welt, sondern bringt eine komplette Lebensmatrix mit, die er durch seine Beziehungen zur Umwelt inhaltlich füllt. Das eigentliche Wesen des Archetyps ist für Jung „bewusstseinsunfähig, das heißt transzendent“, er bezeichnet es auch als „psychoid“. Den Kern der Persönlichkeit nennt Jung „Selbst“. Die Entwicklung des Selbst, die „Individuation“, vollzieht sich in der Auseinandersetzung mit archetypischen Leitbildern – der Persona, dem Schatten, den „Seelenbildern“ Anima und Animus, der Großen Mutter und dem Alten Weisen.

Das Konzept der Archetypen wirkt sich auf den Umgang mit Träumen aus. Freud zufolge maskiert der manifeste Trauminhalt einen verbotenen Wunsch, den latenten Trauminhalt, den es in der Deutung zu entschlüsseln gilt. Für Jung speisen Träume sich darüber hinaus aus dem kollektiven Unbewussten. Damit sind sie längst nicht nur sexuellen Ursprungs, sondern dringen zu Grundfragen der menschlichen Existenz vor. So sind Träume keine Fassade, die etwas dahinter Liegendes verdeckt, sondern „spontane Selbstdarstellung der aktuellen Lage des Unbewussten in symbolischer Ausdrucksform“. Einer Deutung bedarf der Traum nicht, weil er den wahren Inhalt maskiert, sondern weil die bildhafte Sprache des Traums dem Ich nicht ohne weiteres verständlich ist. Dem Verständnis dienen Techniken der „Amplifikation“, das heißt gerichtete Assoziationen, und „aktive Imagination“ mehr als die „freie Assoziation“ Freuds. Zuweilen scheitert die Auslegung eines Traums, wenn man ihn isoliert betrachtet. Die „Seriendeutung“ unter Einschluss vorangegangener und nachfolgender Träume hilft hier weiter.

Psychoanalyse als Dialog zwischen zwei Partnern

Eigenen Angaben zufolge geht Jung in der Traumdeutung wie auch in Diagnostik und Therapie nicht dogmatisch vor: „Ich habe keine Traumtheorie. (. . .) Ich bin auch durchaus nicht sicher, ob meine Art, mit den Träumen umzugehen, überhaupt den Namen Methode verdient.“ Klinische Diagnosen hält er für wichtig, um sich zu orientieren, „aber dem Patienten helfen sie nichts. Der entscheidende Punkt ist die Frage der ,Geschichte’ des Patienten; denn sie deckt den menschlichen Hintergrund (. . .) auf, und nur da kann die Therapie (. . .) einsetzen“. Folglich behandelt er seine Patienten so individuell wie möglich. Er entfernt die Couch aus dem Behandlungszimmer und sieht die Analyse als Dialog zwischen zwei Partnern, die sich gegenübersitzen. Die Stundenfrequenz der Freud’schen Praxis hält er in der Regel für zu hoch und empfiehlt, die Behandlung etwa alle zehn Wochen zu unterbrechen, „damit der Patient wieder auf sein normales Milieu angewiesen ist; (. . .) Bei dieser Methode kommt die Zeit als Heilfaktor zur Wirkung, ohne dass der Patient die Zeit des Arztes bezahlen muss“. Einem großen Teil der Patienten, die Jung nach seiner Tätigkeit in Burghölzli in freier Praxis behandelt, fehlt indes psychiatrisch gesprochen nichts. Die meisten befinden sich in der zweiten Lebenshälfte und sind gut ausgebildet und wohlhabend. Jung zufolge leidet ein Drittel seiner Patienten an der „Sinn- und Gegenstandslosigkeit ihres Lebens“. Der „Seelenverlust“, nicht so sehr die sexuelle Unterdrückung, ist für ihn das Problem der modernen Welt. „(. . .) jeder krankt in letzter Linie daran, dass er verloren hat, was lebendige Religionen ihren Gläubigen zu allen Zeiten gegeben haben, und keiner ist wirklich geheilt, der seine religiöse Einstellung nicht wieder erreicht“, schreibt er 1940. Er selbst integriert Philosophie, christliche Gnosis, Alchimie und Mystik zu einer eigenen Religiosität, die nicht konfessionell gebunden ist.

Am 6. Juni 1961 ist Carl Gustav Jung in Küsnacht am Zürichsee gestorben.

Christof Goddemeier

1.
Brumlik M: C.G. Jung zur Einführung. Hamburg: Junius 1993.
2.
Jung CG: Erinnerungen, Träume, Gedanken. Olten, Zürich: Walter 1976.
3.
Pongratz L: Analytische Psychologie.
In: Hauptströmungen der Tiefenpsychologie. Stuttgart: Kröner 1983.
4.
Rattner J: Carl Gustav Jung. In: Klassiker der Tiefenpsychologie. München, Beltz 1990.
5.
Stevens A: Jung. Freiburg, Herder 1999.
1.Brumlik M: C.G. Jung zur Einführung. Hamburg: Junius 1993.
2.Jung CG: Erinnerungen, Träume, Gedanken. Olten, Zürich: Walter 1976.
3.Pongratz L: Analytische Psychologie.
In: Hauptströmungen der Tiefenpsychologie. Stuttgart: Kröner 1983.
4.Rattner J: Carl Gustav Jung. In: Klassiker der Tiefenpsychologie. München, Beltz 1990.
5.Stevens A: Jung. Freiburg, Herder 1999.

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