ArchivDeutsches Ärzteblatt10/1998Medizinthangkas: Bebilderte Enzyklopädie 1 000 Jahre tibetische Pharmakologie wird auf Rollbildern dargestellt

VARIA: Feuilleton

Medizinthangkas: Bebilderte Enzyklopädie 1 000 Jahre tibetische Pharmakologie wird auf Rollbildern dargestellt

Dtsch Arztebl 1998; 95(10): A-547 / B-445 / C-418

Triesch, Holm

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LNSLNS Die tibetische Pharmakologie hat eine mehr als 1 000 Jahre alte Tradition. Die meisten Werke über Herkunft, Zusammensetzung und Wirkung der Heilstoffe sind bisher nicht in eine westliche Sprache übersetzt worden. Außerdem gingen in der Zeit der chinesischen Kulturrevolution zahlreiche Quellen durch den damaligen Vandalismus der Roten Garden unwiederbringlich verloren.
Bereits 1961 gründete der 14. Dalai Lama im nordischen Exil in Dharamsala eine Medizinschule (Tibetan Medical Institute), die an die Traditionen ihrer großen Vorbilder im historischen Tibet anzuknüpfen versucht. Speziell in der Pharmakologie stößt dies aber auf große Schwierigkeiten, da ein beträchtlicher Teil der bereits im freien Tibet vor 1949 nur schwer erhältlichen Medizinkräuter heute kaum noch zu beschaffen ist.
Der größte Teil der in der traditionellen tibetischen Medizin verwendeten Arzneistoffe ist pflanzlichen Ursprungs. Ein kleiner Teil aber auch tierischer und ein geringer mineralischer Herkunft. Darüber hinaus gibt es noch Arzneien, die keiner dieser drei Kategorien zugeordnet werden können. Es werden nicht nur Medikamente eingenommen, auch Einreibungen, medizinische Bäder, Klistiere, Inhalationen haben ihre Bedeutung. Eine ganz spezielle Methode stellen Beräucherungen dar, bei denen auf der Haut des Patienten spezielle Wirkstoffe in Form kleiner Kegel verbrannt werden.
In der westlichen Pharmakologie gelang es bisher einer tibetischen Rezeptur erst in einem einzigen Fall, als Pflanzenheilmittel Verwendung zu finden. Es handelt sich um das in der Schweiz hergestellte Präparat "Padma 28". Das Problem der im Westen nicht zugänglichen Pflanzen des Hochhimalaya wurde hier dadurch gelöst, daß sie durch Pflanzen der gleichen Gattung anderer Regionen ersetzt wurden. Eingesetzt wird "Padma 28" unter anderem bei chronischer Bronchitis bei Kindern und chronischer Hepatitis. Das Präparat besteht aus 21 Kräutern, zum Beispiel Spitzwegerich, Teufelswurz und persischer Flieder. Von den künftigen Forschungsergebnissen des Tibetan Medical Institute in Dharamsala wird es unter anderem abhängen, ob weitere Präparate der traditionellen tibetischen Pharmakologie in die westliche Welt übertragen werden können.
Besonders interessant ist die Darstellung der tibetischen Medizinlehre auf "Medizinthangkas", Rollbildern mit Illustrationen zum Basistext der dortigen Gesundheitslehre mit dem Namen "Die vier Tantras". Als eine Art bebilderte Enzyklopädie werden diese Bilder noch heute in der traditionellen, tibetischen Ärzteausbildung verwendet. Unter diesen 77 Lehrtafeln nimmt auch die tibetische Pharmazie mit farbenprächtigen Abbildungen der verwendeten Inhaltsstoffe einen wichtigen Platz ein. Holm Triesch


Literaturhinweis:
Sangye Gyamtso (1653 bis 1705): Klassische Tibetische Medizin, Illustrationen zur Abhandlung Blauer Beryll, zwei Bände im Schmuckschuber, Verlag Paul Haupt, Bern, Stuttgart, Wien, 340 Seiten, 460 DM

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