ArchivDeutsches Ärzteblatt28-29/2011Allzeit bereit? Krankenhauseinsatzplanung bei Großveranstaltungen
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Spätestens als die Nachrichtenagenturen am späten Nachmittag des 24. 7. 2010 nicht mehr nur zwei verletzte Besucher der Loveparade durch Absturz von einer Begrenzungsmauer meldeten, sondern klar wurde, dass eine Massenpanik im Zuführungstunnel der Zuschauer ausgebrochen war, waren die Hoffnungen auf einen glimpflichen Verlauf zunichtegemacht. Auf die Autoren um Ackermann, die das medizinisch stationäre Versorgungsnetzwerk in Duisburg repräsentieren, rollte ein Massenanfall von Verletzten (MANV) zu. Die Krankenhäuser waren nach Erfahrungen mit vorangegangenen Loveparades auf Versorgungsschwerpunkte im Bereich Drogen- und Rauschmittelabusus gut vorbereitet, der sich auch in knapp 30 % der behandelten Fälle bestätigte.

Kennzeichen von Großschadensereignissen

Großschadenslagen zeichnen sich durch ein Missverhältnis zwischen Nachfrage nach medizinischen Leistungen und dem Versorgungsangebot aus (1, 2). Die beobachtete Verteilung der Verletzungsschwere der Loveparade-Opfer entspricht etwa den Annahmen bei einem MANV (1). Hierbei kann die alltagsmedizinisch übliche Versorgung nicht mehr (lückenlos) gewährleistet werden (2, 3). Durch entsprechende Vorbereitung wie im Kasten des Beitrags von Ackermann et al. dargestellt und prioritätsgerechte Zuführung durch die Rettungskette konnte den Autoren die patientengerechte Krankenhausbehandlung der fast 500 Patienten dennoch gelingen.

Prioritätsgerechte Patientenströme formen

In Vorbereitung auf die Fußballweltmeisterschaft 2006 in Deutschland wurden bestehende MANV-Konzepte für zivile Großschadenslagen interprofessionell an den heutigen Bedarf angepasst (2). Höchste Priorität genießt hierbei die schnelle Zuführung der Schwerverletzten in Erstversorgungskliniken, ohne lange therapiefreie Intervalle auf einem Behandlungsplatz mit niedrigem medizinischem Versorgungsstandard am Schadensort. Entscheidend für die Umsetzung sind hier allerdings die zielgerichtete Kommunikation und die verletzungsgerechte Verteilung der Patientenströme durch den leitenden Notarzt vor Ort (4).

Die Beobachtung der Autoren des zeitversetzten Eintreffens von Patienten im Schockraum bis Stunden nach dem Ereignis deckt sich mit Erfahrungen nach MANV (5). In dem von Stein (5) beschriebenen System bedienen die Rettungsdienste die umliegenden Krankenhäuser quasi prioritätsfrei mit Patienten weil kein Notarzt vor Ort ist, um Sichtungsentscheidungen zu treffen. Eintreffende Patienten im Krankenhaus werden nach einem Konzept der „minimal acceptable care“ solange in verschiedenen diagnostischen Warteschleifen beziehungsweise der Intensivstation gehalten, bis nicht mehr mit schwerer Verletzten gerechnet wird, um nicht OP-Kapazitäten mit Patienten niedrigerer Priorität zu blockieren. Im Gegensatz dazu zeigt das effektive Bewältigungskonzept für die Loveparade-Opfer mit früher Zuführung der Schwerverletzen (2) und Pufferung der Leichtverletzten am Behandlungsplatz vor Ort einmal mehr den Nutzen präklinischer Notärzte und einer Rettungsdienstorganisation mit fester Integration ärztlichen Sachverstands bei Großschadenslagen.

Können wir jemals gut vorbereitet sein?

Das Wissen um die Ablaufmuster bei MANV kann bei der Vorbereitung auf künftige Herausforderungen helfen. Entsprechend ist bei der Planung von Großveranstaltungen zu berücksichtigen, wie die Inanspruchnahme des Gesundheitssystems einer Region in Relation zum Normalbetrieb abgedeckt ist (hier 250 000 Besucher auf 500 000 Einwohner), wie die Alters- und Gesundheitsstruktur sowie die Gewaltbereitschaft der Teilnehmer etc. einzuschätzen sind. Hierbei ergeben sich auch vom Diagnosenspektrum Unterschiede zwischen einem zweitägigen Musik- oder Sportereignis und einem fünftägigen Kirchentag oder Papstbesuch gleicher Besucherzahl.

In diesem Sinne ist die Arbeit von Ackermann et al. als Pflichtlektüre für künftige Planer zu betrachten, insbesondere der wichtige Hinweis, die Einbestellungen von elektiven Patienten vor Großveranstaltungen herunterzufahren. Die DRG-Perspektive erlegt allerdings derartigen Planungen sowie der sinnvollen Vorhaltung von Ressourcen im Krankenhaus für Veranstaltungen und Großschadenslagen ökonomische Restriktionen auf. Hier kann den Autoren nur beigepflichtet werden, Veranstalter, Kommune und Land für eine bessere Planbarkeit in die Pflicht zu nehmen und sie an dem finanziellen Risiko angemessen zu beteiligen.

Interessenkonflikt
Der Autor erklärt, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Anschrift des Verfassers
Prof. Dr. med. Axel R. Heller MBA, DEAA
Klinik und Poliklinik für Anaesthesiologie und Intensivtherapie
Universitätsklinikum Carl Gustav Carus
Fetscherstraße 74
01307 Dresden
axel.heller@uniklinikum-dresden.de

Be Prepared! Hospital Planning for Major Public Events

Zitierweise
Heller AR: Be prepared! Hospital planning for major public events.
Dtsch Arztebl Int 2011; 108(28, 29): 481–2. DOI: 10.3238/arztebl.2011.0481

@The English version of this article is available online:
www.aerzteblatt-international.de

1.
Adams HA, Mahlke L, Lange C, Flemming A: Medizinisches Rahmenkonzept für die überörtliche Hilfe beim Massenanfall von Verletzten (Ü-MANV). Anaesth Intensivmed 2005; 46: 215–23.
2.
DIVI/IAG Schock: Stellungnahme der Interdisziplinären Arbeitsgruppe (IAG) Schock der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensivmedizin und Notfallmedizin (DIVI) zur Patientenversorgung im Katastrophenfall. Anaesth Intensivmed 2006; 47: 451–4.
3.
Frank M, Heller AR: Katastrophenmedizin: Wunsch und Wirklichkeit. Dtsch Arztebl 2006; 103(48): A 3250. VOLLTEXT
4.
Heller AR, Müller MP: Kommunikation bei Großschadensereignissen. In: Buerschaper C, Starke S (eds): Führung und Teamarbeit in kritischen Situationen. Frankfurt/Main: Verlag für Polizeiwissenschaft; 2008: 133–53.
5.
Stein M, Hirshberg A: Limited mass casulties due to conventional weapons – the daily reality of a level 1 trauma center. In: Shemer J, Shoenfeld Y (eds.): Terror and medicine. Lengerich: Pabst Science Publishers; 2003: 378–93.
Klinik und Poliklinik für Anaesthesiologie und Intensivtherapie,
Universitätsklinikum Carl Gustav Carus an der Technischen Universität Dresden,
Prof. Dr. med. Heller
1. Adams HA, Mahlke L, Lange C, Flemming A: Medizinisches Rahmenkonzept für die überörtliche Hilfe beim Massenanfall von Verletzten (Ü-MANV). Anaesth Intensivmed 2005; 46: 215–23.
2. DIVI/IAG Schock: Stellungnahme der Interdisziplinären Arbeitsgruppe (IAG) Schock der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensivmedizin und Notfallmedizin (DIVI) zur Patientenversorgung im Katastrophenfall. Anaesth Intensivmed 2006; 47: 451–4.
3.Frank M, Heller AR: Katastrophenmedizin: Wunsch und Wirklichkeit. Dtsch Arztebl 2006; 103(48): A 3250. VOLLTEXT
4. Heller AR, Müller MP: Kommunikation bei Großschadensereignissen. In: Buerschaper C, Starke S (eds): Führung und Teamarbeit in kritischen Situationen. Frankfurt/Main: Verlag für Polizeiwissenschaft; 2008: 133–53.
5. Stein M, Hirshberg A: Limited mass casulties due to conventional weapons – the daily reality of a level 1 trauma center. In: Shemer J, Shoenfeld Y (eds.): Terror and medicine. Lengerich: Pabst Science Publishers; 2003: 378–93.

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