ArchivDeutsches Ärzteblatt28-29/2011Patientenversorgung bei der Loveparade 2010 in Duisburg

MEDIZIN: Originalarbeit

Patientenversorgung bei der Loveparade 2010 in Duisburg

Klinische Erfahrungen

Patient Care at the 2010 Love Parade in Duisburg, Germany: Clinical Experiences

Dtsch Arztebl Int 2011; 108(28-29): 483-9; DOI: 10.3238/arztebl.2011.0483

Ackermann, Ole; Lahm, Andreas; Pfohl, Martin; Köther, Bernd; Lian, Tio Kkwie; Kutzer, Andrea; Weber, Matthias; Marx, Frank; Vogel, Tobias; Hax, Peter-Michael

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Hintergrund: Der Massenunfall auf der Loveparade 2010 hat große öffentliche Aufmerksamkeit erregt. Ziel dieser Arbeit ist, im Sinne einer medizinischen Bilanz eine Übersicht über Patienten und Behandlungen zu liefern und Vorbereitungen und Akutmaßnahmen zu bewerten.

Methode: Strukturierte statistische Auswertung der Patientendaten der Duisburger Kliniken mit qualifizierter Bewertung aller Maßnahmen durch Fragebögen, eine Konsensuskonferenz und Einzelinterviews der Klinikkoordinatoren.

Ergebnisse: Bei 250 000 Teilnehmern erfolgten 5 600 Patientenkontakte der Sanitätsstationen und 473 Behandlungen in 12 Klinik-Notaufnahmen. 41,7 % der Patienten (Durchschnittsalter 25,5 Jahre, m:w = 1,4:1) wurden stationär behandelt, davon 73 % unter 24 h, 41 % wurden gegen ärztlichen Rat entlassen. 62,2 % der Patienten hatten chirurgische, 40,6 % internistische und 8,0 % psychiatrische Diagnosen (Doppelnennung möglich). 47,6 % der überlebenden Patienten wurden als leicht, 47,8 % als mittelgradig und 4,0 % als schwer verletzt klassifiziert. Behandlungsschwerpunkte waren Rauschmittelabusus, die hohe Anzahl leichter/mittelschwerer Verletzungen und die Schockraumdiagnostik potenziell Schwerverletzter. Die Spitzenbelastung der Kliniken (bis zu 20 neue Patienten pro Stunde) trat 2 bis 3 Stunden nach der Massenpanik auf.

Schlussfolgerung: Die vorliegenden Daten zeigen ein differenziertes Bild der medizinischen Versorgung. Die wesentlichen Probleme können beherrscht werden durch gezielte, strukturierte Vorbereitung und optimierte Notfallpläne, die auch unerwartete Ereignisse berücksichtigen. Priorität hat die zügige Diagnostik und Entscheidungsfindung, die klare Absprachen und Strukturen voraussetzt.

LNSLNS

Die Loveparade 2010 stellte sowohl für die Rettungsdienste als auch für die beteiligten Krankenhäuser eine Herausforderung dar. Auf dieser Festival-Großveranstaltung mit 250 000 Teilnehmern aus allen Kontinenten kam es an einem engen Tunnelstück zu einer Massenpanik mit 21 Todesopfern und über 400 Verletzten. Dies entspricht der Größenordnung eines MANV 4 (Massenanfall von Verletzten Stufe 4). Zu Großschadensfällen in der jüngeren Geschichte findet sich umfangreiche Literatur (13). In der Größenordnung vergleichbar mit der Loveparade 2010 sind etwa die Unglücke beim Roskilde-Festival 2000, im Brüsseler Heysel-Stadion und in Bradford 1985 und in Sheffield 1989 (4). Die Zahl konkret verwertbarer Publikationen dazu scheint jedoch vergleichsweise gering zu sein (5). Eine strukturierte Auswertung von Patientenströmen und Diagnosen, die auch die Vorbereitungen auf das eigentliche Großereignis mit einbezieht, bietet die Literatur bisher nicht.

Die vorliegende Arbeit soll im Sinne einer medizinischen Bilanz einen strukturierten Überblick über Anzahl, Schwere und Dringlichkeit der Behandlungen geben und die getroffenen Maßnahmen der Kliniken bewerten, um damit die Empfehlungen zu Planungen für zukünftige Großveranstaltungen zu optimieren.

Die Ursachen des Unglücks sind nicht Thema dieser Untersuchung.

Methodik

Die Behandlungsdaten (Alter, Geschlecht, Aufnahmezeit, aufnehmende Abteilung und stationäre Behandlungsdauer, Diagnosen-ICD [International Classification of Diseases]) der Patienten in den beteiligten Duisburger Kliniken wurden strukturiert erfasst und ausgewertet. Allen aufgetretenen Diagnosen ordneten die Autoren einen Schweregrad (1 = leicht, 2 = mittel, 3 = schwer) zu.

Zusätzlich wurde jede Diagnose entweder den internistischen (Kardiologie, Gastroenterologie, Neurologie, Pädiatrie), chirurgischen (Unfall- und Viszeralchirurgie, Neurochirurgie, Hals-Nasen-Ohrenheilkunde, Ophtalmologie, Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie) oder psychiatrischen Fachgebieten zugeordnet. Rauschmittelintoxikationen (ICD F10–F19.9) wurden hierbei dem internistischen Fachgebiet zugeordnet, weil eine primäre Intensivtherapie in diesen Fällen regelhaft von internistischen Kollegen durchgeführt wird.

Die resultierenden Daten werden im Rahmen der deskriptiven Statistik dargestellt. Zur Berechnung relativer Werte wurde stets die relevante Stichprobe zugrunde gelegt. Beispielsweise berücksichtigten die Autoren zur Berechnung der Hauptdiagnosen alle Patienten, für die Darstellung von Nebendiagnosen aber nur die Patienten mit vollständiger Diagnosestatistik.

Zur Bewertung der getroffenen Vorbereitungen und der akuten Maßnahmen erfolgte drei Wochen nach der Loveparade eine Konsensuskonferenz der beteiligten Kliniken und eine schriftliche Bewertung anhand von Fragebögen. Hierbei wurden alle Maßnahmen anhand einer Likert-Skala (notwendig, sinnvoll, indifferent, nicht sinnvoll, kontraproduktiv) im Konsens bewertet.

Die Zuordnung der Patienten zur Loveparade oder dem „normalen“ Patientenaufkommen der Klinik erfolgte anhand des Transportberichts der Rettungsdienste und der Eigen- und Fremdanamnese. Hierbei wurden nur Patienten, die sich auf dem Loveparade-Gelände oder den unmittelbaren Zuwegen befanden und mit Erstkontakt zwischen dem 24. 7. 2010, 9.00 Uhr und dem 25. 7. 2010, 9.00 Uhr in einem Duisburger Krankenhaus behandelt wurden, in die Studie eingeschlossen.

Ergebnisse

An der Loveparade 2010 nahmen geschätzt 250 000 Personen teil (6). Nach den Planungen des Rettungsdienstes wurden vor Ort 30 Sanitätsstationen mit je zehn Patientenplätzen, einem Notarzt, 20 Sanitätskräften und einem Krankentransportwagen sowie zwei genormte Behandlungsplätze (BHP 50) für 50 Patienten eingerichtet. Hier wurden in der Summe 5 600 Patientenkontakte über 24 Stunden gezählt. Die 1 600 beteiligten Hilfskräfte wurden nach dem Bekanntwerden der Massenpanik auf circa 4 000 erweitert. Es kamen 70 Rettungs- und Krankentransportwagen und neun Rettungshubschrauber zum Einsatz.

Von den zwölf beteiligten Kliniken nahmen alle mit elf Koordinatoren (zum Teil klinikübergreifend im Klinikverbund) an der retrospektiven Auswertung teil. Neun (75 %) Kliniken waren in die chirurgische, zwei (17 %) in die neurochirurgische, zehn (83 %) in die internistische und vier in die psychiatrische Versorgung eingebunden. Die Bewertung der getroffenen Vorbereitungen in den Kliniken gibt der Kasten (gif ppt) wieder.

Im Überblick wurde die maximale Leistungsfähigkeit einer Klinik bei der Personalbesetzung auf das 2- bis 2,5-fache der Normalbesetzung für 24 Stunden eingeschätzt. Eine weitere Verstärkung mit Leihärzten ist nur sehr begrenzt sinnvoll, da diese meist nicht mit den örtlichen Gegebenheiten und Abläufen vertraut sind.

In der Zusammenschau wurden im Rahmen der Loveparade 2010 pro Klinik maximal 29 stationäre Betten, dazu fünf Monitor- und drei Beatmungsplätze benötigt.

Die Tabelle 1 (gif ppt) gibt die Eckdaten der in den Duisburger Kliniken behandelten Patienten wieder.

Die Verteilung der Hauptdiagnosen nach beteiligten Fachabteilungen differenziert Grafik 1 (gif ppt). Sie zeigt die Anzahl der Patienten, die in den verschiedenen Fachabteilungen behandelt wurden. Bei mehreren beteiligten Abteilungen war die behandlungsführende Disziplin ausschlaggebend.

Tabelle 2 (gif ppt) fasst die kodierten Diagnosen gruppiert zusammen. Hierbei konnte ein Patient mehrere Befunde (zum Beispiel verschiedene Extremitätenverletzungen) aufweisen. Es wird das Gewicht der Diagnosegruppe in Bezug auf die Patientenzahl und der Anteil an kodierten Diagnosen gestellt.

Tabelle 3 (gif ppt) gibt die Verteilung der Hauptdiagnosen in den drei definierten Schweregraden wider. Die Gesamtzahl der Patienten wurde nach der Hauptdiagnose den internistischen, chirurgischen oder psychiatrischen Fachgebieten zugeordnet:

In Grafik 2 (gif ppt) ist die Verteilung der Patienten nach internen, chirurgischen und psychiatrischen Fachgebieten dargestellt. Sie zeigt die Verteilung der definierten Schweregrade in den internistischen, chirurgischen und psychiatrischen Fachgebieten.

Die durchschnittliche Belastung der Klinikambulanzen wird in Grafik 3 (gif ppt) dargestellt. Die Spitzenbelastung betrug 20 Patienten pro Stunde in einer Klinik zwischen 19 und 20 Uhr.

Diskussion

Die medizinischen und organisatorischen Abläufe bei der Loveparade 2010 stellen auch im Rahmen der größeren Unglücke eine Besonderheit dar. Während die meisten Massenanfall von Verletzten (MANV)-Schadenslagen auf eine Infrastruktur im Regelbetrieb treffen, waren dieser Veranstaltung umfangreiche Vorbereitungen und Absprachen voraus gegangen, da auch bei einem reibungslosen Ablauf mit einem erheblichen Mehranfall von Patienten gerechnet wurde.

Aufgrund der Vorerfahrungen der vergangenen Jahre wurde ein Glasverbot für die Veranstaltung ausgesprochen und vor allem mit internistischen und Drogen- beziehungsweise Rauschmittel-assoziierten Diagnosen geplant. Nachdem der Vormittag und der frühe Nachmittag erwartungsgemäß verliefen, kam es gegen 17.00 Uhr im Bereich des Karl-Lehr-Tunnels zu einer Massenpanik und infolge dessen zu einer erheblichen Anzahl von Todesopfern und Verletzten. Zur Bewältigung dieser Situation wurden weitere Rettungskräfte aus der Reserve nachgefordert und weitere Behandlungs- und Betreuungskapazitäten geschaffen. Es folgte dann die Erstbehandlung der Verletzten vor Ort und der koordinierte Transport in die Duisburger Kliniken und in weitere Krankenhäuser der Umgebung mit dortiger definitiver Versorgung.

Eine wesentliche Entlastung der Kliniken wurde vor allem während des normalen Verlaufes durch die vor Ort installierten Sanitätsstationen und Behandlungsplätze mit ihrer hohen Anzahl an Patientenkontakten erreicht. Zwar wurden hier nur unverletzte und erschöpfte Teilnehmer behandelt und alle Patienten mit einer sicher oder mutmaßlich notwendigen ärztlichen Intervention in die Kliniken gebracht, doch diese Arbeitsteilung erlaubte eine Konzentration aller Beteiligten auf ihre Kernkompetenzen und damit eine unter den gegebenen Umständen nahezu optimale Behandlung aller Patienten.

Die Analyse der Patientenströme im Zeitverlauf (Grafik 3) zeigt, dass es nach der Massenpanik um 17.00 Uhr zunächst zu einer Abnahme der Patientenzahlen kam und die Spitzenauslastung erst 2 bis 3 Stunden später erreicht wurde. Dies ist auf die Einrichtung von zentralen Patientenablagen zur Erstversorgung vor Ort (712) und dem nachfolgend geordneten Abtransport zurück zu führen, wie es den aktuellen Empfehlungen entspricht (1315). Eine Entlastung der Ambulanzen durch die geringere Patientenzahl in den ersten Stunden war jedoch nicht spürbar, da primär zwar weniger, dafür aber schwerer verletzte Patienten eingeliefert wurden. Die sofortige Bildung von Traumateams (16) und die Vorbereitung weiterer (Not-)Schockräume erlaubte die regelrechte Kontrolle der Patientenströme in allen Kliniken.

Während die Vorbereitung entsprechend der Erfahrungen aus Dortmund und Essen (geschätzt 80 % internistische, 20 % chirurgische Notfälle) einen Schwerpunkt auf die internistische Versorgung legten, verlangten die konkreten Ereignisse eine wesentlich gesteigerte chirurgische Diagnostik und Behandlung (Grafik 2). Obwohl retrospektiv ein vergleichsweise hoher Anteil Leichtverletzter (Tabelle 3) resultiert, musste doch bei einem Großteil dieser Patienten ein schweres stumpfes Trauma (intraabdominelle Blutung, Hämato-/Pneumothorax, Lungenkontusion) ausgeschlossen und damit eine komplette Schockraumdiagnostik durchgeführt werden. Die letztlich diagnostizierte Verletzungsschwere stellt damit keinen verlässlichen Parameter für den initialen medizinischen Aufwand dar, der wesentlich höher eingeschätzt werden muss.

Die Drogenproblematik wird an dem hohen Anteil an Patienten deutlich, bei denen ein Rauschmittelabusus oder eine Intoxikation diagnostiziert wurden. Die Schwierigkeit bestand hier im Wesentlichen in der hohen Anzahl der Fälle, relevante Probleme im Sinne einer komplexen Mischintoxikation mit nicht differenzierbarer Symptomatik traten nicht auf, so dass eine regelrechte Behandlung auch von Ärzten ohne Spezialisierung in der Behandlung von Rauschmittelvergiftungen durchgeführt werden konnte. Hierbei wurde die im Vorfeld durchgeführte Drogenfortbildung als wichtig und positiv bewertet. Zum einen vertieft eine solche Veranstaltung das Fachwissen der beteiligten Ärzte, zum anderen baut sie (den Ablauf verzögernde) Unsicherheiten im Umgang mit Patienten ab und beschleunigt so Entscheidungen und Prozesse. Da eine zügige Behandlung der Patienten in diesem Fall hohe Priorität hat, ist eine solche Fortbildung für die Vorbereitung ähnlicher Veranstaltungen zu empfehlen.

Eine spürbare Erleichterung der Arbeit lag in der Tatsache, dass es sich um ein junges (Median 23,0 Jahre) und gesundes Patientenkollektiv handelte. Nur bei 9 Patienten (2,6 %) wurden relevante, vorbestehende Nebendiagnosen verschlüsselt. Zwar schließt dies das Vorliegen weiterer Nebendiagnosen nicht aus, diese verursachten jedoch keinen medizinischen Aufwand. Auf der einen Seite lässt dies eine zügige Behandlung der Patienten zu, entbindet andererseits jedoch nicht von der Pflicht einer vollständigen Anamneseerhebung, um relevante Informationen nicht zu übersehen. Beispielsweise finden sich Medikamenten-Allergien teilweise nicht in der Kodierung wieder, so dass insgesamt von einem höheren Anteil an Patienten mit wichtigen Nebendiagnosen auszugehen ist.

Das Hauptproblem auf internistischer Seite lag im Rauschmittelabusus, der bei 29,6 % der Patienten vorlag. Obwohl dieser selbst oft nicht behandlungsbedürftig ist, beeinträchtigt er doch die Diagnostik und die Compliance der Patienten, so dass weitere Symptome überlagert werden können. Auch die hohe Zahl stationärer Entlassungen gegen ärztlichen Rat ist hierauf zurück zu führen.

Im chirurgischen Bereich waren Wunden, oberflächliche und Extremitätenverletzungen sehr häufig. Das Hauptproblem lag aber nicht in der Behandlung dieser Schäden, sondern in dem Ausschluss einer schweren Verletzung bei einer großen Anzahl von Patienten, der sich in der Kodierung nicht wieder findet. Die eigentliche Versorgung von Verletzungen trat vom Aufwand her dahinter zurück. Hier ist es wichtig, suffiziente und schnelle Strukturen im Notfallplan zu integrieren und diesen vor Großveranstaltungen zu optimieren (16, 17), um genügend Ressourcen für die eigentliche Behandlung Verletzter zur Verfügung zu haben.

Als Kritikpunkt der Untersuchung mag die nicht vollständige Datenbasis erscheinen, die auf die unterschiedliche Handhabung der Datenweitergabe in verschiedenen Kliniken zurückzuführen ist. In allen Bereichen konnten jedoch mindestens drei Viertel der exakten Patientendaten erhoben werden. Aufgrund der hohen Anzahl an Patienten und der qualifizierten Bewertung der Informationen durch erfahrene Ärzte rechtfertigt dieser Datenpool nach Ansicht der Autoren jedoch valide Aussagen. Eine vergleichbar detaillierte Statistik zu Großunglücken findet sich in der Literatur bisher nicht.

Retrospektiv erscheinen die getroffenen Maßnahmen in allen Bereichen adäquat. Auch die Spitzenbelastungen wurden von Kliniken und Rettungsdienst regelrecht bewältigt. Hervorzuheben ist die spontane Hilfe vieler Krankenhausmitarbeiter, die nach Bekanntwerden des Unglücks anreisten und die Ambulanzen unterstützten.

In der Zusammenschau ist für die Krankenhäuser eine Obergrenze der Leistungsfähigkeit bei der 2- bis 2,5-fachen Personalbesetzung erreicht. Ein höherer Bedarf kann von den lokalen Kliniken nicht mehr gedeckt werden. Es ist zu diskutieren, dass dann Veranstalter beziehungsweise genehmigende Behörden informiert werden und logistische und finanzielle Hilfe eingefordert werden muss.

Auch gibt die Informationspolitik im Vorfeld Anlass zur Kritik. Es wurden offenbar in Duisburg, wie auch bei den Veranstaltungen in Essen und Dortmund wesentlich überhöhte Teilnehmerzahlen bekannt gegeben. Dies macht eine realistische Planung der Klinikkapazitäten unmöglich. Bei fehlender Richtigstellung ergibt sich ein zusätzliches Risiko daraus, dass bei Berücksichtigung der Erfahrungswerte aus falsch-hohen Teilnehmerzahlen die Behandlungskapazitäten für zukünftige Veranstaltungen zu niedrig angesetzt und Patienten damit gefährdet werden.

Ein zentraler Aspekt zukünftiger gemeinsamer Vorbereitungen muss daher die umfassende und sachlich richtige Information beteiligter Kliniken und Ärzte sein.

Arztpraxen

Während Kliniken in jedem Fall in die Versorgung eingebunden sind, werden niedergelassene Kollegen mit ihrer Praxis nur in den wenigen Fällen beteiligt sein, in denen eine Großveranstaltung zu den regulären Sprechstundenzeiten stattfindet. Aufgrund der erweiterten Öffnungszeiten können vor allem chirurgische Durchgangsarzt-Praxen betroffen sein, so dass auch hier Vorbereitungen zu empfehlen sind. Es muss eingeplant werden, dass die Transportkapazität der Rettungsdienste stark eingeschränkt ist, so dass klare Absprachen zur Einweisung in kooperierende Kliniken bestehen sollten. Routinetermine sollten vermieden und ein erfahrener Mitarbeiter für Patientenaufnahme und Sichtung abgestellt sein. Günstig ist es, im Vorfeld Patienten im Wartezimmer zu informieren. Auch die Therapie unter Einsatz schneller Wundversorgungs- und Gipstechniken kann hier Vorteile bringen.

Resümee

Die klinische und rettungsdienstliche Versorgung der Patienten war adäquat. Die wesentlichen klinischen Schwerpunkte fanden sich im Rauschmittelkonsum und der hohen Zahl potenzieller Schwerverletzter.

Interessenkonflikt

Die Autoren erklären, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Manuskriptdaten
eingereicht: 22. 11. 2010, revidierte Fassung angenommen: 7. 2. 2011

Anschrift für die Verfasser
Dr. med. Ole Ackermann MaHM

Klinikum Duisburg

Zu den Rehwiesen 9

47055 Duisburg

ole.ackermann@klinikum-duisburg.de

Summary

Patient Care at the 2010 Love Parade in Duisburg, Germany:
Clinical Experiences

Background: The mass panic at the Love Parade 2010 attracted a great deal of public attention in Germany and abroad. The goals of this paper are to summarize the available data on the injured persons and their treatment, and to assess the preparations that should be made for such an eventuality and the acute measures that should be taken if it occurs.

Methods: Patient data from the Duisburg hospitals were subjected to a structured statistical analysis, and all of the measures taken were assessed by qualified evaluators on the basis of questionnaires, a consensus conference, and individual interviews of the clinical coordinators.

Results: A total of 250 000 persons took part in the Love Parade; 5600 patient contacts occurred at first-aid posts and 473 patients (mean age, 25.5 years; male:female ratio, 1.4:1) were treated in 12 hospital emergency rooms, 41.7% were admitted to the hospital. Among the admitted patients, 73% stayed in the hospital for less than 24 hours, and 41% signed out against medical advice; 62.2% had a surgical diagnosis, 40.6% a medical one, and 8.0% a psychiatric one (some patients had more than one diagnosis). 47.6% of the surviving patients were classified as mildly injured, 47.8% as moderately injured, and 4.0% as severely injured. Most medical activity was concentrated in three areas: the treatment of drug abuse, the care of many mild and moderate injuries, and Shock Room diagnostic assessment of patients potentially harboring serious injuries. Hospitals were subject to the highest strain 2 to 3 hours after the mass panic, at which time they received up to 20 new patients per hour.

Conclusion: These data permit a detailed view of the medical care that was provided. In situations of this kind, the main problems can be dealt with through targeted and structured preparation and optimized emergency plans which consider both foreseeable and unforeseeable events. Priority must be given to rapid diagnostic assessment and clinical decision-making; the prerequisites for these are transparent institutional structures and clear assignments of responsibility.

Zitierweise
Ackermann O, Lahm A, Pfohl M, et al.: Patient care at the 2010 Love Parade in Duisburg, Germany: clinical experiences. Dtsch Arztebl Int 2011; 108(28–29): 483–9. DOI: 10.3238/arztebl.2011.0483

@The English version of this article is available online:
www.aerzteblatt-international.de

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Abteilung für Anästhesiologie, Intensivmedizin und Notfallmedizin, Evangelisches Krankenhaus Duisburg-Nord, Duisburg: Dr. med. Kutzer
Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin, Katholisches Klinikum Duisburg, Duisburg: Dr. med. Weber
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