ArchivDeutsches Ärzteblatt3/1996Studententheater: Schauspiele im Operationssaal

VARIA: Bildung und Erziehung

Studententheater: Schauspiele im Operationssaal

Wilp, Rita

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LNSLNS Das Schild im alten Uni-Klinikum in Göttingen weist den Weg in altertümlichen Lettern: "Eingang zum Operationssaal fuer Aerzte." Folgt man dem Schild und betritt den OP, wird allerdings sofort klar: Hier fließt bei der Arbeit der Mediziner schon lange kein echtes Blut mehr. Der ehemalige Operationssaal, in dem zuletzt in den 60er Jahren das Skalpell blitzte, wurde vor gut zehn Jahren zum Theater umgebaut. Dereinst operierten Ärzte zu Lehrzwecken "live" vor Medizinstudenten, die von Hörsaalbänken aus auf den OperationsTisch starrten. Heute seziert das Göttinger "Theater im OP" – kurz ThOP genannt – regelmäßig "Faust", "Leonce und Lena" und andere literarische Werke auf schauspielerische Art und Weise. Das Studenten-Theater ge-hört zur Dramaturgischen Abteilung des Seminars für Deutsche Philologie in Göttingen und ist ein bundesweit einmaliges Theaterprojekt, sagt der Leiter, der Germanistikprofessor Horst Turk. Rund 200 Zuschauer finden in den Hörsaal-Bankreihen Platz. Den sonst obligatorischen Vorhang gibt es bei der arenaartig mitten im Raum liegenden Bühne nicht. Für die Aufführungen des Theaters ist dieses Stück Stoff auch gar nicht nötig. Oft wird der ganze Raum des ehemaligen Operationssaales als Bühne genutzt.
Das Besondere und bundesweit Einmalige am ThOP ist seine Organisationsform, sagt Horst Turk. Im Vorlesungsverzeichnis der Universität Göttingen bieten büh-nenerfahrene Studenten der dramaturgischen Abteilung sogenannte Theaterübungen an. Schauspielbegeisterte Menschen sowie Studenten aller Fakultäten melden sich zu den Übungen und gründen Theatergruppen. Die Mitglieder erarbeiten unter Leitung eines regieerfahrenen Studenten parallel und völlig selbständig ein eigenes Theaterstück und führen es dann nach einer Probenzeit von etwa zwei Semestern im ThOP auf. "Rund 2 000 ambitionierte Schauspieler und solche, die es werden wollen, haben bei uns in den zehn Jahren schon mitgemacht", sagte Michael Schaffhauser, der technische Leiter im ThOP. Neben den sich ständig neu bildenden Schauspielgruppen arbeiten zwölf feste Mitarbeiter im ThOP. Sie sind sozusagen multifunktional als Schauspieler auf der Bühne und auch als Handwerker hinter den Kulissen tätig. Jeder von ihnen hat schon mal als Beleuchter die Scheinwerfer bedient oder beim Bau des Bühnenbildes selbst den Hammer in die Hand genommen. Geld für Handwerker ist im Budget des ThOP nämlich nicht vorgesehen. Die einzelnen Schauspielgruppen finanzieren die Kosten für ihre Aufführungen nur über die Eintrittsgelder. Die Idee, den ehemaligen Operationssaal des alten Göttinger Klinikums als Theater zu nutzen, meint Professor Horst Turk, lag nicht nur nahe, sie habe sich auch bewährt. "Schließlich waren Operationen und die Anatomie schon im 17. Jahrhundert ein bestürzendes Schaugeschäft." Rita Wilp (pid)
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