ArchivDeutsches Ärzteblatt28-29/2011National Health Service: Mehr Spielräume, mehr Druck

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National Health Service: Mehr Spielräume, mehr Druck

Merten, Martina

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Während der Gesetzentwurf zur Reform des staatlichen britischen Gesundheitsdienstes noch im Parlament diskutiert wird, geben Experten bereits die mit einer Umsetzung verbundenen Schwierigkeiten zu bedenken.

Einschneidende Reformen will der britische Gesundheitsminister Andrew Lansley dem System verordnen. Foto: picture alliance
Einschneidende Reformen will der britische Gesundheitsminister Andrew Lansley dem System verordnen. Foto: picture alliance

Selten fiel eine Bewertung des staatlichen britischen Gesundheitsdienstes so positiv aus wie die von Dr. Donald M. Berwick: „I am romantic about the National Health Service“, sagte der Direktor des US Center for Medicare and Medicaid Services vor britischem Publikum im Jahr 2008. „All I need to do to rediscover the romance is to look at healthcare in my own country”, sagte der Amerikaner.

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Berwicks Begeisterung für das überwiegend aus Steuermitteln finanzierte System fanden nicht nur viele Amerikaner befremdlich. Auch die britische Regierung – allen voran Gesundheitsminister Andrew Lansley – wollte den National Health Service (NHS) einschneidend reformieren. Anfang Januar 2011 stellte sie einen Gesetzentwurf vor (Health and Social Care Bill), der ein mehr marktwirtschaftlich geprägtes Gesundheitswesen durch mehr Freiheiten für Ärzte, Krankenhäuser und Versicherungen vorsieht (DÄ, Heft 17/2011).

„Während die Nachfrage nach Gesundheitsleistungen seit Jahren um rund vier Prozent steigt, hat sich die Leistungsfähigkeit unseres Gesundheitswesens nicht gleichermaßen erhöht“, berichtete Mark Simmonds, Abgeordneter im britischen Parlament, am Rande der „European Health Care Conference“ der Techniker-Krankenkasse, deren Wissenschaftlichem Institut und der European Health Management Association in Hamburg. So habe Großbritannien noch immer eine hohe Rate vermeidbarer Todesfälle und schneide bei Erhebungen zum Gesundheitsstatus im OECD-Vergleich schlecht ab, ergänzte Dr. Jennifer Dixon, Direktorin des Nuffield Trust in London. Der Druck auf das britische Gesundheitssystem wird sich nach Angaben der Experten weiter erhöhen. Die Bevölkerung altert, Komorbiditäten nehmen zu. Darüber hinaus wachse der finanzielle Druck durch die Einführung neuer Technologien und steigende Erwartungen an die Qualität und Effizienz, unterstrich Dixon.

Wettbewerb soll Abhilfe schaffen. So sieht die Reform vor, dass Patienten künftig ihren Hausarzt frei wählen können. Regional zuständige Arztpraxen sind in dem Primärarztsystem dann kein Muss mehr. Während Hausärzte zuvor bestimmte Behandlungen für ihre Patienten bei staatlichen Stellen beantragen und sich auf vorgegebene Krankenhäuser beschränken mussten, sollen sie dem Entwurf zufolge künftig hierüber freier entscheiden.

Die Abstimmung über Behandlungen soll in Gremien stattfinden, zu denen sich Hausärzte zusammenschließen müssen. Diese erhielten dann vom „NHS Commissioning Board“ und dem Staat Gelder. Die Höhe der Mittel – und hier kommt der Wettbewerbseffekt zum Tragen – wäre abhängig vom Behandlungserfolg der Hausärzte. Patienten würden den Plänen nach künftig gemeinsam mit ihrem Hausarzt entscheiden, von welchen Fachärzten sie sich behandeln lassen. Öffentliche Krankenhäuser wären freier, Privatpatienten anzunehmen, müssten andererseits aber mit privaten Krankenhäusern oder Operationszentren um die Behandlungsaufträge der Hausärzte konkurrieren.

Ob diese und andere Maßnahmen ausreichen, um den Kostendruck zu reduzieren und für bessere Ergebnisse zu sorgen, wollten die Experten noch nicht beurteilen. Zumal die Rolle der Hausarztgremien noch nicht klar definiert sei, urteilt Dixon. Sie hält es für eine schwierige Gratwanderung, Effizienz und Produktivität zu erhöhen, dabei aber mit weniger Geld auskommen zu müssen.

Prof. Dr. Kieran Walshe von der Universität Manchester hält die Reform für einen Triumph. Allerdings sei der Weg hin zu mehr Marktwirtschaft im Gesundheitswesen ein langsamer, schmerzvoller und unsicherer Prozess. Und an Unsicherheiten sei man in einem staatlichen System nicht gewöhnt.

Martina Merten

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