ArchivDeutsches Ärzteblatt28-29/2011Nichtraucherschutz: Bevormundung
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Der Titel Ihres Beitrages „Außer Kontrolle“ war so schön provokativ, dass ich sofort zu lesen begann, was da außer Kontrolle gerät. Und siehe da: Es ist der Mensch, der außer Kontrolle des Staates gerät, weil es kein flächendeckendes Rauchverbot in unserem Lande gibt. Es drängte sich mir – übrigens seit 25 Jahren Nichtraucherin – wieder einmal die Frage auf: Wie viel Kontrolle braucht der Mensch, eine Gesellschaft, ein Staat?

Hat der Staat überhaupt das Recht, so weit in die persönliche Entscheidungsfreiheit einzugreifen? Natürlich hört die eigene Freiheit dort auf, wo sie die der anderen einschränkt. Das betrifft aber nicht nur die Bürger unseres Landes, sondern auch die Damen und Herren in Berlin, die Vorschriften und Gebote erlassen.

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Ich bin gegen das generelle Rauchverbot, weil ich denke, dass ein Verbot das Problem nicht wirklich löst und weil mir andererseits der Eingriff in die persönliche Freiheit in diesem Falle zu weit geht, was auch wieder eine ganz eigene Dynamik entwickelt. Der Erfolg des Ganzen ist also sehr fraglich. Das sehe ich gerade als Arzt so sehr eng, denn ich praktiziere täglich die Wahrung des Respekts vor der Entscheidungsfreiheit meiner Patienten und verfolge dennoch und dadurch das Therapieziel – unter Einbeziehung des Patienten.

Beim Rauchverbot wird meines Erachtens der Nichtraucherschutz nur vorgeschoben, eigentlich will man die rauchenden Sünder erziehen. Denn niemand muss in ein Raucherlokal gehen, wenn er nicht will, ebenso wie niemand in eine laute Disco gehen muss, wenn er nicht will. Und wo will man bitte mit der Bevormundung der Bürger aufhören? . . .

Da müsste man Gerichte verbieten mit mehr als 2 000 Kalorien, ebenso Weißbrot als Darmkrebsrisiko Nummer eins abschaffen, Alkoholverbot aussprechen, die PC-Nutzungszeiten per Stromabschaltung limitieren, Autos kontingentieren und bei Spitze 50 km/h abriegeln und Motorräder verbieten. Ach ja, und in der Disco gibt es nur noch leise Hintergrund-chill-out-Musik. Wäre sicher gesünder für alle . . .

Ich rate meinen gefäßkranken Patienten weiterhin vom Rauchen ab, verbiete es aber nicht, sondern überlasse ihnen die Entscheidung. Das stärkt deren Eigen- und Fremdverantwortung. Ein Erwachsener kann das nämlich entscheiden, wenn er will. Vorausgesetzt, man gibt ihm die Freiheit dazu. Und siehe da: Es nutzt!

Man muss es nur erst mal wollen. Und zwar beide Seiten.

Dr. Jeanette Noppeney, MVZ Gefäßchirurgie, 90429 Nürnberg

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