ArchivDeutsches Ärzteblatt11/1998Pränataldiagnostik: Keine Abtreibung nach der 20. Woche

POLITIK: Leitartikel

Pränataldiagnostik: Keine Abtreibung nach der 20. Woche

Dtsch Arztebl 1998; 95(11): A-573 / B-481 / C-457

Klinkhammer, Gisela

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Mehrere medizinische Fachgesellschaften und Mitglieder des Wissenschaftlichen Beirates der Bundes­ärzte­kammer wollen, daß Ärzte künftig keine
Fetozide an lebensfähigen Feten vornehmen sollen.
ach der 20. Schwangerschaftswoche sollten Abtreibungen aufgrund von Pränataldiagnostik nicht mehr möglich sein. Das jedenfalls sieht eine "Erklärung zum Schwangerschaftsabbruch nach Pränataldiagnostik" vor, in der zahlreiche weitere Forderungen erhoben werden. Die Erklärung wurde von der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, der Deutschen Gesellschaft für Humangenetik, der Deutschen Gesellschaft für perinatale Medizin, der Deutschen Gesellschaft für Neonatologie und pädiatrische Intensivmedizin sowie Mitgliedern des Wissenschaftlichen Beirates der Bundes­ärzte­kammer (BÄK) Ende vergangenen Jahres beschlossen. Der Diskussionsentwurf wird jetzt veröffentlicht.
Anlaß dieser Erklärung ist der bereits seit langem von Politikern, Vertretern der Kirchen und vor allem auch von Ärzten kritisierte Wegfall der embryopathischen Indikation. Aufgrund der seit 1995 geltenden gesetzlichen Abtreibungsregelung wurde die medizinische Indikation insofern erweitert, als daß sie nicht nur auf das Leben der Mutter begrenzt war, sondern sich auch auf potentielle psychische Gefahren nach der Geburt bezog. Vielfach werde jedoch fälschlicherweise davon ausgegangen, daß allein "wegen eines auffälligen Befundes beim Kind eine Beendigung der Schwangerschaft" ohne zeitliche Begrenzung indiziert sein könne, stellen die Verfasser fest.
Das hat dann möglicherweise die Folge, daß bei einem "Schwangerschaftsabbruch nach 20 Wochen post conceptionem es zur Geburt eines lebensfähigen Kindes kommen kann, das ärztlich betreut werden muß", heißt es in der Erklärung. Nur wenige Ausnahmen vorgesehen
Wenn die Schwangerschaft beendet wird, weil die Gesundheit der Schwangeren akut bedroht ist, so ist der Tod des Kindes nicht beabsichtigt, sondern wird "nur als unvermeidbare Folge akzeptiert". Sofern das Ziel des Abbruchs jedoch wegen einer pränataldiagnostisch festgestellten Erkrankung oder Behinderung der Tod des ungeborenen Kindes sei, wird "der Zeitpunkt, zu dem die extrauterine Lebensfähigkeit des Ungeborenen gegeben ist - also in der Regel 20 Wochen post conceptionem - grundsätzlich als zeitliche Begrenzung für Schwangerschaftsabbrüche nach Pränataldiagnostik angesehen. Ausnahmen von dieser Begrenzung können Fälle krankheits- beziehungsweise entwicklungsbedingter Lebensunfähigkeit des Kindes in Verbindung mit Unbehandelbarkeit der Erkrankung beziehungsweise Entwicklungsstörung sein".
Will man aber die Geburt eines lebensfähigen Kindes vermeiden, könnten Ärzte vor der Abtreibung einen Fetozid vornehmen. Ein solcher Fetozid wird in der Erklärung jedoch als "unzumutbar und mit dem ärztlichen Ethos nicht vereinbar" bezeichnet. Ausnahmen seien seltene Fälle, "in denen bei einer Mehrlingsschwangerschaft bei einem der Feten pränataldiagnostisch eine schwere Erkrankung oder Behinderung nachgewiesen wurde, die Schwangere ohne die Möglichkeit des selektiven Fetozids den Schwangerschaftsabbruch mit dem Verlust aller Kinder wünschen würde und die medizinische Indikation für den Abbruch gegeben wäre".
Nach Ansicht der Pränataldiagnostiker sollte außerdem die Beratungspflicht wieder eingeführt werden, da der Arzt ohne Beratung keine Grundlage für die Indikation habe. Der Gesetzgeber wird in der Erklärung unter anderem aufgefordert, die Rahmenbedingungen dafür zu schaffen, daß Beratungen, die Vorlage einer Bescheinigung über die Beratungen sowie die Einhaltung einer mehrtägigen Frist zwischen Beratungen und Schwangerschaftsabbruch nach Pränataldiagnostik obligatorisch sind.
Ob die Abtreibungsregelung tatsächlich entsprechend diesen Vorschlägen geändert wird, bleibt allerdings fraglich. Der Text wird jetzt in den Zeitschriften der verantwortlichen Fachgesellschaften veröffentlicht und zur Diskussion gestellt. Der Wissenschaftliche Beirat der Bundes­ärzte­kammer will in Kürze dem BÄK-Vorstand den Entwurf vorlegen. Gisela Klinkhammer
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Anzeige