ArchivDeutsches Ärzteblatt11/1998Designprojekt: Räume für jedes Gemüt

VARIA: Feuilleton

Designprojekt: Räume für jedes Gemüt

Dtsch Arztebl 1998; 95(11): A-615 / B-534 / C-488

Bantle, Frank

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LNSLNS Studenten gestalteten Zimmer, die sich an den vier Grundtypen der Charaktere orientieren.
Häuser sind in aller Regel für eine Nutzungsdauer von hundert Jahren angelegt und werden in diesem Zeitraum von den unterschiedlichsten Bewohnern mit den verschiedensten Charakteren benutzt. Wenn man dem Standeskodex der Architekten glaubt, dann sollte eine Gebäudekonstruktion über die Jahre hinweg unangetastet bleiben, nur im Interieurbereich können individuelle Vorlieben der Bewohner berücksichtigt werden. Doch welches Ambiente kommt welchem Charakter am nächsten? Wer braucht die Unordnung und wer die Perfektion bis ins Detail? Im Rahmen eines in Designkreisen vielbeachteten Projektes von Studierenden der Hochschule für Kunst und Design Halle und Raumausstatter-Betrieben aus Baden-Württemberg wurden Raumsituationen - zwei Wände, ein Fußbodenausschnitt und ein Fenster - für die verschiedenen Gemüter gestaltet. Dunkles Holz
Prof. Axel Müller-Schöll, Fachbereichsleiter Innenarchitektur und Initiator der Aktion, orientierte sich an den vier Grundtypen der Charaktere, um den Zusammenhang zwischen Raum und Gemüt zu hinterfragen: der Melancholiker, der Choleriker, der Sanguiniker und der Phlegmatiker. Für das Zimmer eines Melancholikers wurde beispielsweise dunkles Holz gewählt. Es steht für Erdnähe und Wärme, denn Melancholiker haben ein starkes Bedürfnis nach Abgrenzung, Ruhe und Geborgenheit. Das Zimmer als Rückzugsraum - so wollten die Beteiligten ihren Entwurf sehen. Als "vergessene Gegenstände" plazierten sie ein altes Grammophon, Briefe und einen Schalensessel. Im Phlegmatiker-Zimmer fällt ein großes Fenster mit "Kissenablage" auf. Ein treffender Vergleich für einen Phlegmatiker könnte der Stoßdämpfer sein. Wirkt auf ihn Energie, so nimmt er sie langsam auf und gibt sie langsam wieder ab. "Unverwüstlich und stabil" - so muß nach Ansicht der Jungdesigner ein Choleriker-Zimmer sein. Begründung: Er ist temperamentvoll, eher ordentlich, egozentrisch, gewaltbereit, aber auch liebenswert. Weltoffenheit
Unruhigen Bewohnern wird eine freundliche Behausung offeriert: einfach verputzte Wandoberflächen als Ausdruck für Weite und Weltoffenheit, ein griffbereites Telefon als Hotline zum Geschehen draußen oder eine exponierte Schuhablagefläche. Der Sanguiniker bewegt sich viel in der Welt. Die Ergebnisse des Projektes machen deutlich, daß es bei der Ausgestaltung von Räumen nicht primär darum gehen darf, alles Vorhandene zu sterilisieren und zu verbannen. Vielmehr sollte man die Originalität der Wohnfläche respektieren und Vertrautes und Neues zusammenbinden. Prof. Peter Reimspieß, der Lehrbeauftragte für Industriedesign in Halle, bringt es auf den Punkt: "Gestaltung darf nicht zum bloßen Modeinstrument degenerieren, sondern muß dem Nutzer helfen, sich selbst zu finden, sich auszudrücken, ja eine Identität zu entwickeln." Frank Bantle
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