ArchivDeutsches Ärzteblatt11/1998Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft: Capillary-Leak-Syndrome bei monoklonaler Gammopathie (Kappa-Leichtketten) nach Interferon beta-1b subcutan

BEKANNTGABEN DER HERAUSGEBER: Bundes­ärzte­kammer

Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft: Capillary-Leak-Syndrome bei monoklonaler Gammopathie (Kappa-Leichtketten) nach Interferon beta-1b subcutan

Dtsch Arztebl 1998; 95(11): A-627 / B-525 / C-502

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LNSLNS Die Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) weist auf einen möglichen Zusammenhang zwischen der subcutanen Gabe von Interferon beta-1b und der Entwicklung eines tödlich verlaufenden Capillary-Leak-Syndroms hin.
Anlaß ist die Einzelfallbeobachtung einer Patientin, die wegen der Symptome einer Encephalomyelitis disseminata (wahrscheinliche Multiple Sklerose) mit 8 MIU Betaferon® behandelt worden war und innerhalb von 48 Stunden im Schock und unter den Zeichen eines Multiorganversagens starb.
Möglicherweise wurden durch diese Therapie verstärkt autoimmune Reaktionen ausgelöst bei einer schon bestehenden verstärkten B-Zell-Aktivierung, die sich aus den Befunden einer monoklonalen Gammopathie und einer Hypergammaglobulinämie (21 bis 25 rel %) ableiten läßt. Auch eine vor der MS-Erkrankung der Patientin zu beobachtende schwer verlaufende Perimyocarditis unklarer Ätiologie könnte eventuell in diesem Zusammenhang gesehen werden.
Die Bewertung dieser Beobachtung stützt sich auf den Wirkungsmechanismus von Interferon beta-1b, das über die Freisetzung von Interleukin-10 die TH1-vermittelte zytotoxische Immunreaktion im Sinne der Immunmodulation unterdrückt.
Wenngleich der Pathomechanismus dieser Nebenwirkungsreaktion und auch des Capillary-Leak-Syndroms nicht bekannt ist, muß doch von einer möglicherweise durch Betaferon® induzierten, zytokinvermittelten Nebenwirkungsreaktion ausgegangen werden. Insofern sollten Patienten selbst bei gesicherter Diagnose einer Multiplen Sklerose dann nicht mit Interferon beta-1b behandelt werden, wenn aufgrund laborchemischer Parameter oder der Anamnese Hinweise auf verstärkte B-Zell-Aktivierung (zum Beispiel monoklonale Gammopathie unklarer Signifikanz) beziehungsweise TH2-vermittelte Immunreaktionen bestehen.
Eine sichere Diagnose einer Multiplen Sklerose liegt dann erst vor, wenn alle klinischen, kernspintomographischen und liquordiagnostischen Kriterien erfüllt sind.
Aus Sicherheitsgründen sollte wegen der molekularen Ähnlichkeit diese Indikationseinschränkung auf rekombinante Beta-Interferone erweitert werden, da sich nach den bisher vorliegenden Erkenntnissen weder in der Rezeptorbindung noch in der direkten Wirksamkeit von Interferon beta-1b und -1a signifikante Unterschiede ergeben.
Der Hersteller von Betaferon® hat aufgrund dieser Beobachtung als eigenverantwortliche Maßnahme bereits die Aufnahme eines entsprechenden Warnhinweises in seinen Produktinformationen angekündigt.
Die Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft bittet wie üblich um Mitteilung eventuell beobachteter unerwünschter Arzneimittelwirkungen im Zusammenhang mit einer Gabe von Beta-Interferonen (auch Verdachtsfälle) an folgende Anschrift:
Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft, Aachener Straße 233-237, 50931 Köln, Tel 02 21/40 04-5 18, Fax 02 21/40 04-5 39 N
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