ArchivDeutsches Ärzteblatt14/1996Rehabilitation: Angemessen wissenschaftlich integrieren
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LNSLNS . . . Einer der Gründe, warum das Gesundheitswesen immer weniger bezahlbar ist, ist genau darin zu suchen, daß uns das Bewußtsein weitestgehend abhanden gekommen ist, daß wir es mit einem Solidar-Topf zu tun haben, bei dem jede Entnahme den zur Disposition stehenden Rest entsprechend schmälert. Eine ausgewogene Interessenabwägung ist deshalb immer Grundprämisse – und mithin ethische Rationale. Sie muß versuchen, zwischen zwei Interessenebenen Ausgleich zu schaffen: den persönlichen Interessen und dem Allgemeininteresse. Es ist selbstredend, daß dabei Kosten beziehungsweise Kosteneffizienz nicht von vornherein alleinbestimmende Aspekte sein dürfen, da gerade hier die beiden Ebenen fundamental divergent sind.
Anders die Abwägung der Wirksamkeit. Es gibt keinen vernünftigen Grund, warum das Kurwesen da ausgenommen werden sollte. Jede Abwägung aber impliziert den Vergleich, und das Synonym für Vergleich in der Medizinforschung heißt kontrollierte Untersuchung. Zugegeben, es ist vergleichsweise einfach, die Wirksamkeit einer antihypertensiven Therapie zu belegen, und es ist vergleichsweise schwierig, die Wirksamkeit einer Kur zu belegen. Doch heißt das noch lange nicht, daß es unmöglich ist. Wenn uns keine adäquaten Studienprotokolle, keine brauchbaren Zielparameter zur Verfügung stehen, müssen wir sie einfach entwikkeln. Hier liegt noch vieles im argen. Die Kurortwissenschaft führt ein Mauerblümchendasein, die universitären Ressourcen sind Dimensionen unterhalb der gesundheitsökonomischen Größe von 2,5 Prozent der gesamten Leistungsausgaben der Ersatzkassen (Rehabilitation noch gar nicht mit berücksichtigt!). Dies ist sicher ein wichtiger Grund, warum sich de facto kaum ein talentierter Nachwuchswissenschaftler in diesen Bereich der Medizin verirrt. Das Fatale daran ist, daß wir, wenn wir keine "kritische Masse" an forscherischem Potential erreichen, ernsthaft Gefahr laufen, im wahrsten Sinne des Wortes das Kind mit dem Bade auszuschütten und uns künftig aller potentiellen Segnungen des Instrumentes "Kur" berauben. Wollen wir in Zukunft nicht gänzlich auf die Kur verzichten, müssen wir sie angemessen (also ihrer wirtschaftlichen Bedeutung innerhalb des Gesundheitssystems entsprechend) wissenschaftlich integrieren und uns von eventuellem (unethischem) Ballast befreien.
Univ.-Doz. Dr. med. Karl-Ludwig Resch, Dept. of Complementary Medicine, University of Exeter, 25, Victoria Park Road, Exeter EX2 4NT, United Kingdom
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