ArchivDeutsches Ärzteblatt14/1996Strukturreform: Hausärzte wollen künftig Case Manager sein

POLITIK: Leitartikel

Strukturreform: Hausärzte wollen künftig Case Manager sein

Maus, Josef

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LNSLNS Die Hausärzte sehen sich künftig in der Rolle des Case Managers. Dies kündigte Dr. Klaus-Dieter Kossow, Vorsitzender des Berufsverbandes der Deutschen Allgemeinärzte (BDA), auf einem Presseseminar seines Verbandes in Bonn an. Mit dem Begriff Case Management verbinden die Hausärzte die Bereitschaft, neben ihrer koordinierenden Funktion mehr ökonomische Verantwortung im Gesundheitswesen zu übernehmen. In diesem Zusammenhang wertet Kossow das Modellprojekt der AOK zum "Hausarzt-Abo" als einen wichtigen Schritt in Richtung Case Management.


Wenn es in der Gesundheitspolitik ein parteienübergreifendes, gemeinsames Ziel gibt, dann ist dies die Ausgabenbegrenzung in der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung. Für Dr. Klaus-Dieter Kossow folgt daraus die Gewißheit, "daß wir auf Dauer mit begrenzten Mitteln haushalten müssen. Wir sind gezwungen, medizinische Problemlösungen und ökonomische Zwänge zu vereinbaren."
Jahrelang, so der Vorsitzende des rund 45 000 Mitglieder zählenden Hausärzteverbandes, hätten sich die Ärzte gegen diese Konsequenz gewehrt. "Jetzt geht das nicht mehr", sagt Kossow und folgert daraus: "Wenn also die ökonomische Verantwortung stärker als zuvor auf die Ärzte übergehen muß, ist der Hausarzt für diese Aufgabe geradezu prädestiniert." Der BDA-Vorsitzende verweist dabei auf den Paragraphen 73 des Sozialgesetzbuches V, der den Hausarzt als Koordinator und "Lotsen durch das Gesundheitswesen" einsetze. Gerade diese besondere Betonung der Verantwortung des Hausarztes für die Abstimmung der Behandlung auch der anderen Leistungserbringer münde schließlich in das Case Management.
Ein Zuwachs an (durchsetzbaren) Kompetenzen ist mit der neuen Bezeichnung allein freilich nicht gewonnen. Das ist auch dem BDA klar. Der Verband geht deshalb andere Wege – beispielsweise in der Zusammenarbeit mit den Apothekern. Kossow: "Das Ziel dieser Kooperation ist eine zwischen Hausärzten und Apothekern abgestimmte fallbezogene Betreuung der Patienten, um eine kompetente Beratung auch im Bereich der Selbstmedikation sicherzustellen." Mit den Verbänden der ambulanten Pflegedienste seien gleichfalls Gespräche aufgenommen worden. Auch hier sieht der BDA Ansätze für die Entwicklung des Case Managements im Sinne des Hausärzteverbandes.
Schließlich setzt der Berufsverband einige Hoffnungen in die verschiedenen Modellprojekte der Krankenkassen, die den Hausarzt in den Mittelpunkt der gesundheitlichen Versorgung rücken wollen. Das sogenannte "Hausarzt-Abo" der AOK ist ein solches Modell, von dem sich der BDA Schrittmacherfunktionen verspricht.

Wettbewerb mit Hausarzttarifen
Ohne dies direkt zu fordern, könnte sich der Hausärzteverband durchaus die Einführung von Wahltarifen etwa nach dem dänischen Beispiel vorstellen. Dort gibt es einen sogenannten Hausarzttarif, der für die Versicherten preiswerter ist als der Facharzttarif. Hierzulande seien ähnliche Tarife bei der privaten Kran­ken­ver­siche­rung zur Zeit "der Verkaufsrenner".
Das Recht auf freie Arztwahl sieht Kossow durch derartige Tarife nicht gefährdet. Der Versicherte könne sich dafür entscheiden, seinem Hausarzt die Lotsenfunktion zu überantworten, im Gegensatz zu einem Primärarztmodell müsse er es aber nicht. Und wenn es ums Wahlrecht geht, zeigt sich der BDA-Vorsitzende zuversichtlich: "Wir stellen uns gerne dem Wettbewerb."
Als entscheidend für ein funktionierendes Case Management bewertet Kossow jedoch die Kommunikation zwischen Hausärzten und Fachärzten. Würde sich der Hausarzt im umfassenden Sinne um den jeweiligen Versorgungsfall kümmern, hieße das bezogen auf Hausärzte und Fachärzte nicht zwangsläufig gegeneinander, sondern durchaus miteinander. Eine reibungslose Kommunikation ist nach Auffassung des BDA ebenso für die Zusammenarbeit mit Krankenhausärzten die wesentliche Voraussetzung. Der Hausarzt, der den gesamten Versorgungsfall umfassend betreuen und verantworten soll, müsse darüber hinaus "freie Hand bei den veranlaßten Leistungen" haben, meint Kossow. Dies sei wichtig, um der wachsenden ökonomischen Verantwortung im Rahmen eines Case Managements auch tatsächlich gerecht werden zu können. Daß dies zugleich eine stärkere Konzentration der Wirtschaftlichkeitsprüfung auf die Hausärzte nach sich ziehen würde, ist dem BDA bewußt. Die Hausärzte, so Dr. Klaus-Dieter Kossow, seien durchaus bereit, auch diese Verantwortung künftig anzunehmen. Josef Maus

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