MEDIZIN

Medizingeschichte(n): Geburtshilfe – „Accouchierhaus“ (Gebäranstalt)

Dtsch Arztebl 2006; 103(25): A-1748 / B-1497 / C-1449

Schott, H.

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Zitat: „Nun Vater, auf euer Zureden gehe ich dahin, treffe ich aber den Zustand anders als ihr mir vorgebildet an, so lauffe ich davon und gehe aus Verzweiflung ins Waßer. Hierauf begab sie sich weg und in das Hauß, wo in Jena die Hebammen Schule angelegt ist. Nach Verlauf von etwann einer Stunde kahm diese meine Tochter außer Athem voller Bestürtzung zurück gelauffen, die Verzweifelung, der Schreck und die Alteration war in ihrem bleichen Gesichte abgebildet, mit einem Strohm von Thränen, die ihr der gerechte Schmertz auspreßete sagt sie zu mir und meinem hochschwangeren Weibe: Nun bin ich da, wo ihr mich hinschickt, gewesen, keine Hebamme habe ich nicht, sondern nur den H. Pof. Loder [1] anfänglich angetroffen. Dieser brachte mich in eine Stube, und kaum befande ich mich darinnen, so kahmen aus dieser Stuben Cammer etliche 20 Studenten eingetreten, diese umgaben mich, ein neugieriger davon wollte so gleich den Anfang, unerwartet und unanständig mich zu betasten machen. Scham, Wehmuth und gerechter Schmertz darüber, daß ich mich im Beysein so vieler junger Studenten in der Maße, die ich nicht beschreiben will, behandeln laßen sollte, nahm mich ein. [...] Ich stieß den jungen Studenten zurück, eilte von Angst getrieben aus dieser Stuben weg. Man wollte mich mit Gewalt zurück halten, ich aber ließ meinen Mantel fahren und entkahm aus diesem Hauße und diesem mir bevorgestandenen unvergesslichen Schicksale, nie und nimmer gehe ich wieder dahin [...].“
Schreiben des Braumeisters Johann Gottlieb Tonndorff aus Wenigenjena an Herzog Carl August in Weimar im Juni 1779; Thüringisches Hauptstaatsarchiv Weimar B 6242. Nach Stefan Wolter: "... zwinget mich nicht dahin zu gehen, wo ich aller Schamhaftigkeit vergessen sein soll". Aus den Anfängen der Jenaer Entbindungsanstalt. In: Christine Loytved (Hrsg.): Von der Wehemutter zur Hebamme [...]. Osnabrück: Universitätsverlag Rasch, 2001 – (Frauengesundheit; Band 1), Seite 79f. - [1] Justus Christian von Loder (1753–1832) wurde 1778 zum ordentlichen Professor der Anatomie, Chirurgie und Hebammenkunst an der Universität Jena ernannt; er war ein enger Freund Goethes und bis zu seinem Weggang 1803 nach Halle auch Leibarzt am Weimarer Hof. – Mit diesem Schreiben an den Herzog versuchte der verzweifelte Vater, seine unehelich schwangere Tochter vor der Zwangseinweisung ins Jenaer „Accouchierhaus“ zu bewahren, das kurz zuvor eröffnet worden war und bei betroffenen Frauen zum Teil Schrecken auslöste.

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