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MEDIZINREPORT

Digitalisierung: Eine App ist kein Hebammenersatz

Dtsch Arztebl 2019; 116(40): A-1780 / B-1474 / C-1446

Lenzen-Schulte, Martina

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Die Digitalisierung der Medizin schreitet voran. Seit einiger Zeit wirbt ein App-basierter Geburtsvorbereitungskurs mit der Möglichkeit, die Schwangerschaftsbetreuung durch die Hebamme notfalls ersetzen zu können. Allerdings sehen Experten dies eher kritisch und zeigen auf, dass eine gut gemeinte App nicht per se schon eine gute ist.

Moderne Apps auf dem Gesundheitsmarkt bieten sich als ambitionierte Lösungen an, können aber oft nicht halten, was sie versprechen. Sucht die Schwangere den Kontakt, tut es die Digitalvariante nicht. Foto: LeslieAnn/stock.adobe.com
Moderne Apps auf dem Gesundheitsmarkt bieten sich als ambitionierte Lösungen an, können aber oft nicht halten, was sie versprechen. Sucht die Schwangere den Kontakt, tut es die Digitalvariante nicht. Foto: LeslieAnn/stock.adobe.com

Die Zahl der Geburten in Deutschland steigt stetig, 2018 wurden laut statistischem Bundesamt 787 600 Kinder geboren. Für Schwangere wird es jedoch immer schwieriger, Hebammen zu finden, die sie durch Schwangerschaft, Geburt und Nachsorge begleiten. Jede fünfte Schwangere sucht 2 Monate oder länger nach einer Hebamme (1). Laut einer aktuellen Studie des IGES-Institutes (Infrastruktur und Gesundheit) war es für mehr als jede vierte Mutter in Bayern schwer bis sehr schwer, eine Hebamme für die Betreuung während der Schwangerschaft und im Wochenbett zu finden (2).

Verschärft wird die Situation dadurch, dass immer mehr Geburtskliniken, die Geburtsvorbereitungskurse anbieten, schließen. So sank die Zahl der Krankenhäuser mit Entbindung von 1 186 im Jahr 1991 auf 709 im Jahr 2015. Eltern und werdende Mütter suchen mitunter verzweifelt auf Internetforen. Manche bezahlen sogar Hebammenmakler, die sich auf dem umkämpften Markt anbieten, etwa „Maternita“ in Berlin oder „Call a midwife“, um die Schwangeren bei der Suche zu unterstützen.

Geburtsvorbereitung per App

Was liegt näher, als in Zeiten der Digitalisierung diesem Mangel in Form einer App abzuhelfen? Eine solche hat die Firma Keleya entwickelt und im Frühjahr auf den Markt gebracht. Sie wird beworben als „Deutschlands erster, App-basierter Geburtsvorbereitungskurs“ (https://keleya.de/geburtsvorbereitungskurs/). An ihr lässt sich exemplarisch aufzeigen, dass digitale Lösungen gut durchdacht sein wollen, damit sie irgendwann wirklich den Namen „Lösung“ verdienen.

Geburtsvorbereitungskurse werden in der Regel von Hebammen durchgeführt. Laut den Angaben des Bundesministeriums für Gesundheit möchten vor allem Erstgebärende an den Kursen zur Geburtsvorbereitung teilnehmen (3). Allerdings bestehen Unterschiede, abhängig vom Bildungsgrad (4): Vorrangig sind es Familien mit hohem Bildungsstatus (72%), während deutlich weniger Schwangere mit niedriger Bildung von diesen Angeboten erreicht werden (27,2 %). Keleya wirbt indes ausdrücklich damit, ein „niederschwelliges Angebot“ zu sein, „das alle Einkommensschichten und alle relevanten Zielgruppen anspricht“.

Ursula Jahn-Zöhrens, Hebamme aus Bad Wildbad und Präsidiumsmitglied des Deutschen Hebammenverbandes, hat Zweifel, ob sich diese Gruppen tatsächlich allein durch eine App mitnehmen lassen. „Wir wissen aus unserer Erfahrung, dass es Schwangeren, die psycho-soziale Schwierigkeiten haben, schwer fällt, sich für die Geburtsvorbereitung zu motivieren“, so die Hebamme. Aber gerade diese Frauen benötigen am ehesten eine persönliche Ansprache. Eine solche App – ähnlich wie andere, Web-basierte Angebote – dient als „add on“ und darf nicht Tendenzen zur sozialen Isolation förderten, so ihr Einwand.

Wer ist sonst noch schwanger?

Hauptmotivation für die Teilnahme an den Kursen ist die Möglichkeit, die Hebamme besser kennenzulernen und zu ihr Vertrauen zu fassen. Schon dies löst die App nicht. Außerdem sei der zweitwichtigste Grund der, die anderen Schwangeren kennenzulernen. „Die Frauen wollen einfach sehen: ‚Wer ist mit mir schwanger‘“, so Jahn-Zöhrens.

Insofern spreche vieles dafür, solche Kurse auch tatsächlich zu besuchen. „Aber es gibt auch Frauen, die können zum Beispiel aus medizinischen Gründen nicht aufstehen und müssen das Bett hüten“, erläutert die Hebamme, „hier halte ich eine solche Lösung für eine Möglichkeit.“ Auch für jene, die schlicht aus Gründen der Entfernung die Teilnahme nicht organisieren könnten, könnte dies eine Alternative sein, vermutet Jahn-Zöhrens.

Beratungen über Videochat, Onlinekommunikation oder über das Telefon gebe es ohnehin schon lange – aber eben immer als ergänzende Maßnahme zu den Kursen selbst. Für Hebammen ist es im übrigen nicht möglich, Onlineangebote als Ersatz anzubieten. In den Geburtsvorbereitungskursen muss die Anwesenheit der Schwangeren handschriftlich bestätigt werden, sonst kann der Kurs nicht mit den Kostenträgern abgerechnet werden.

Geburten steigen – Zahl der Hebammen und Ausbildungsplätze hinkt hinterher
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Geburten steigen – Zahl der Hebammen und Ausbildungsplätze hinkt hinterher

Kostenübernahme für die App

Die AOK PLUS, die Gesundheitskasse für Sachsen und Thüringen, übernimmt als eine der wenigen Krankenkassen derzeit die Kosten für die App Keleya. Dort hat man sich entschieden, ab dem 1. Juli 2018 im Rahmen eines Zusatzangebotes für schwangere Versicherte auch Online-Geburtsvorbereitungs-kurse zu erstatten – und zwar als Zusatzleistung. Die Versicherte ist frei in der Auswahl des Kurses. Wichtig ist nur, dass dieser von einer zugelassenen Hebamme oder einem Entbindungspfleger erbracht wird.

Viele Versicherte nutzten digitale Medien, um ihr Wissen zu erweitern und ihre Gesundheitskompetenz zu erhöhen. Die Erstattung von Onlinekursen durch qualifizierte Anbieter (in diesem Fall: zugelassene Hebammen) sichere die Qualität der Informationen, heißt es auf Nachfrage bei der Krankenkasse. „Gesundheits-Apps sind eine gute Möglichkeit, klassische Behandlungsmethoden zu unterstützen“, so die Pressesprecherin Hannelore Strobel. Es gehe daher auch aus Sicht der Krankenkasse ausdrücklich nicht darum, ein Konkurrenzprodukt zu schaffen, lediglich eine Ergänzung zur klassischen Hebammenarbeit.

Allerdings sei das Angebot noch relativ unbekannt: In diesem Jahr 2019 gab es von Januar bis Juli rund 100 Nutzerinnen. Der Anteil der Schwangeren, welche zusätzlich einen Onlinekurs nutzen, liegt bei den bei dieser Krankenkasse Versicherten somit bei < 1 %.

Doris Scharrel, Frauenärztin und 2. Vorsitzende im Berufsverband der Frauenärzte (BVF), sieht die App indes weit kritischer. Den Anspruch an eine zertifizierte Gesundheits-App erfüllt Keleya in ihren Augen nicht. Hier wolle man zunächst mit dem Horrorszenario einer ungepflegten, überforderten und übermüdeten Schwangeren und Mutter zu Workout-Übungen anregen, die verbessern sollen. Der Fragenkatalog zur Stimmung, Ernährung, Verdauung und Schmerzen sei nicht plausibel und soll dazu dienen, Workouts und Rezepte zusammenzustellen, die erst für einen zusätzlichen Preis von 4,83 € monatlich der Schwangeren zur Verfügung stehen.

Lediglich auf Basis der Schwangerschaftswoche zum Umgang mit Befindlichkeitsstörungen und Beschwerden wie Müdigkeit zu informieren, greife zu kurz. Die App gehe nicht über Inhalte üblicher Schwangerschaftsratgeber hinaus und sei zudem gespickt mit kostenpflichtigen Angeboten Dritter. „Ich vermisse einen prominenten Hinweis auf den Rat des Arztes vor Nutzung der App“, kritisiert die Frauenärztin ebenso wie die Tatsache, dass die im Expertenteam genannten Gynäkologinnen keinen Tätigkeitsschwerpunkt in der Geburtshilfe haben. Überdies enthalte die Rubrik „Vorsorgeuntersuchungen während der Schwangerschaft“ etliche sachliche Fehler und fragwürdige Empfehlungen wie diese: „Gehen Sie erst in der 7. bis 8. SSW zum Frauenarzt“.

Schwangerschaft als Wellbeing

Scharrel sieht es zudem kritisch, dass wichtige Hinweise erst bei den Nutzungsvereinbarungen in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen auftauchen. Etwa der, dass das angebotene Training und weitere Pläne nur mit dem Einverständnis des Arztes durchzuführen sind. Auch auf konkrete Signale des Körpers, die die Nutzung der App verbieten oder einschränken, werde ebenfalls erst dort hingewiesen. Die Hersteller der App postulierten zudem ohne Evidenznachweis, dass mit ihrem digitalen Produkt die psychische Konstitution der Nutzerinnen gestärkt, mentale Willensstärke und Selbstvertrauen entwickelt würde, urteilt Scharrel.

Keleya ist in ihren Augen nur ein weiteres kostenträchtiges Angebot ohne medizinische Notwendigkeit. Der BVF sehe darin keinen medizinischen Mehrwert und protestiert explizit gegen die Darstellung einer stilisierten Schwangeren ohne Selbstzweifel, Beschwerden und Ängste. „Eine solche ‚Wellbeing-Mentalität‘ bewirkt lediglich, dass die normalen Umstellungen in der Schwangerschaft noch weniger akzeptiert werden“, rügt Scharrel. Der Anspruch, eine App als niedrigschwelliges Angebot unter anderem für Frauen mit niedrigem Bildungs- und Soziallevel zu etablieren, die sich nicht zum Arzt oder in die Geburtsvorbereitung trauten, würde ebenfalls nicht eingelöst. Gerade diese Personengruppen brauchten direkte persönliche, aufsuchende Betreuung, die kostenfrei im Rahmen der normalen Versorgung angeboten werden.

Dr. med. Martina Lenzen-Schulte

1.
Studie: Mangel an Hebammen in Deutschland. Online-Befragung des Marktforschungsinsitutes Skopos 2018.
http://daebl.de/EH55.
2.
IGES Institut Studie zur Hebammenversorgung im Freistaat Bayern. Mitteilung vom 14. September 2018. http://daebl.de/PS32.
3.
http://daebl.de/YN75.
4.
Eickhorst A, Schreier A, Brand C, et al.: Inanspruchnahme von Angeboten der Frühen Hilfen und darüber hinaus durch psychosozial belastete Eltern. Bundesgesundheitsblatt Gesundheitsforschung Gesundheitsschutz. 2016; 59 (10): 1271–80 CrossRef MEDLINE
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1.Studie: Mangel an Hebammen in Deutschland. Online-Befragung des Marktforschungsinsitutes Skopos 2018.
http://daebl.de/EH55.
2.IGES Institut Studie zur Hebammenversorgung im Freistaat Bayern. Mitteilung vom 14. September 2018. http://daebl.de/PS32.
3.http://daebl.de/YN75.
4.Eickhorst A, Schreier A, Brand C, et al.: Inanspruchnahme von Angeboten der Frühen Hilfen und darüber hinaus durch psychosozial belastete Eltern. Bundesgesundheitsblatt Gesundheitsforschung Gesundheitsschutz. 2016; 59 (10): 1271–80 CrossRef MEDLINE

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