ArchivRechercheElektronische Pflegedokumentation: Sektorengrenzen überwinden

SUPPLEMENT: PRAXiS

Elektronische Pflegedokumentation: Sektorengrenzen überwinden

Dtsch Arztebl 2015; 112(45): [12]

Kempe, Lisa

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Der sektorenübergreifende elektronische Datenaustausch scheint immer noch in den Kinderschuhen zu stecken. Zahlreiche Pilotprojekte zum Einsatz von IT in der Pflege sollen Abhilfe schaffen.

Die Pflege und medizinische Versorgung von älteren und chronisch kranken Patienten erfordert ein enges Zusammenspiel verschiedenster Professionen. Das betrifft sowohl die akute Krankenpflege als auch die stationäre, teilstationäre oder die ambulante Kranken- und Altenpflege. Eine unmissverständliche Kommunikation sowie ein schneller und sicherer Informationsaustausch zwischen den Leistungserbringern sind deshalb A und O für eine effektive Versorgung dieser Menschen.

Anzeige

Viele Daten vorhanden

Informationen sammeln die am Behandlungs- und Pflegeprozess Beteiligten reichlich: Diese schlummern digital in Praxis- oder Krankenhausinformationssystemen, liegen als Pflegedokumentation in Aktenschränken oder füllen Karteikästen. Beim Informationsaustausch zwischen den einzelnen Systemen und Sektoren hapert es noch – nicht jeder, der Informationen zum Patienten benötigen würde, erhält ungehindert Zugang zu bereits vorhandenen Befunden, Medikationsplänen oder Therapieempfehlungen.

Ein Problem scheint die mangelnde Standardisierung zu sein. Jeder der am Pflegeprozess beteiligten Akteure hat eine eigene Fachsprache, in Krankenhäusern, Rehabilitationseinrichtungen oder Pflegeheimen gibt es unterschiedliche Fachterminologien. Darüber hinaus bevorzugen Arzt, Apotheker, Hilfsmittelhersteller oder Physiotherapeut je nach Bereich bestimmte Kommunikationssysteme und Medien. Die für jeden Fachbereich spezifisch ausgelegten Softwaresysteme sind untereinander selten kompatibel. Über die Sektorengrenzen hinweg wird hauptsächlich immer noch telefonisch, per Fax, Brief oder auch handschriftlich kommuniziert.

Mittendrin bewegt sich die Pflegekraft, sie muss als „ständiger Grenzgänger“ eine Querschnittsfunktion erfüllen: Pflege erstreckt sich über alle Sektoren und muss mit der ambulanten ärztlichen Primärversorgung genauso wie mit der stationären Akutversorgung korrespondieren. Fehlerquellen bei der Datenübermittlung bleiben dabei nicht aus. Experten fordern deshalb mehr „IT in der Pflege“. Computer sind zwar in der professionellen Pflege für die Abrechnung und bei anderen administrativen Prozessen nicht mehr wegzudenken, gleichwohl ist der Einsatz von Informationstechnologie in der Pflegedokumentation deutlich ausbaufähig.

Einheitliche Standards

Ein fortschrittliches, IT-basiertes Überleitungsmanagement erfordert jedoch einheitliche Standards für den Datenaustausch. Denn nur eine gemeinsame Sprache ermöglicht die Interoperabilität der Systeme. Der Interoperabilitätsstandard HL7-CDA (Clinical Document Architecture), der speziell für das Gesundheits- und Sozialwesen entwickelt wurde, könnte nach Meinung von Experten der Schlüssel für die ungehinderte digitale Kommunikation zwischen den Sektoren sein (siehe Interview). Dr. rer. nat. Lisa Kempe

Interview: Das Potenzial ist noch nicht ausgeschöpft

Mehr Zeit für die Pflege – das ist nur eine Forderung an die Einführung moderner Informations- und Kommunikationstechnologien in der Pflege. Mathias Aschhoff, zuständig für den Bereich Standardisierung beim Zentrum für Telematik und Telemedizin (ZTG) in Bochum, zeigt die Perspektiven auf.
Mehr Zeit für die Pflege – das ist nur eine Forderung an die Einführung moderner Informations- und Kommunikationstechnologien in der Pflege. Mathias Aschhoff, zuständig für den Bereich Standardisierung beim Zentrum für Telematik und Telemedizin (ZTG) in Bochum, zeigt die Perspektiven auf.

Wie ließe sich die Anwendung von IT in der Pflege vorantreiben, und inwiefern können Patienten davon profitieren?

Aschhoff: Aus technologischer Sicht kann man sagen, dass alle Seiten daran mitwirken sollten, einheitliche digitalisierbare Dokumentationsvorgaben bundesweit durchzusetzen. Dies wäre eine Grundvoraussetzung für die interoperable Kommunikationstechnologie in der Pflege. Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) können bei verantwortungsvollem Einsatz in der Pflege zu mehr Qualität und Entlastung für Pflegekräfte und Angehörige führen. Die Digitalisierung im Gesundheitswesen – und insbesondere in der Pflege – muss aber stets bedarfsgerecht und vor allem patientenorientiert sein. Mit IKT sind die richtigen Informationen zur richtigen Zeit am richtigen Ort und können zum Beispiel für die pflegerische Weiterbehandlung genutzt werden.

So dient etwa der ePflegebericht in Verlegungs- und Entlassungsszenarien als Dokument zur Informationsweiterleitung über Institutionsgrenzen hinweg. Er ermöglicht es, die besonderen Bedürfnisse der Patienten besser zu berücksichtigen. Dadurch können Behandlungsrisiken minimiert und unnötige Kranken­haus­auf­enthalte vermieden werden. Perspektivisch ließe sich die Doppelerfassung von Informationen vermeiden. Das ist ein wichtiger Schritt, um mehr Zeit für die eigentliche Pflege zu gewinnen.

Zur Einführung eines IT-gestützten Pflegemanagements gibt es verschiedene Projekte. Wie ist die Akzeptanz bei den Teilnehmern?

Aschhoff: Das eigentliche Potenzial ist heute noch nicht annähernd ausgeschöpft. Im Verein Integrating the Healthcare Enterprise (IHE) haben sich Experten zusammengeschlossen, die die Kommunikation und den Datenfluss zwischen den verschiedenen IT-Systemen verbessern möchten. So steht IHE für internationale Standards, etwa DICOM und HL7, die einen sicheren Zugang zu Gesundheitsinformationen ermöglichen sollen. Die Integration von IHE-Profilen und die Anbindung von Pflegesystemen an die elektronische Fallakte findet bislang nur in Pilotprojekten statt. Wir sind aber sicher, dass gerade die Integration von Infrastrukturkomponenten in die elektronische Pflegedokumentationssoftware zukunftsorientiert ist.

Der Standard „HL7 CDA“ wird kontrovers diskutiert. Worin liegen die Probleme?

Aschhoff: Es besteht die Sorge, CDA sei zu kompliziert. Die Implementierung von CDA ist jedoch keine unlösbare Aufgabe. In den Projekten der Landesinitiative eGesundheit.NRW sehen wir, dass Hersteller sich immer häufiger für die Implementierung von CDA entscheiden und sich auch an der Entwicklung neuer Leitfäden beteiligen. Allerdings wird das dort auch aktiv eingefordert. In Österreich etwa wurden CDA-Leitfäden unlängst sogar als Gesetz verabschiedet: Die ELGA-Verordnung 2015 ist dort seit 15. Mai 2015 in Kraft.

Um weitere Hürden abzubauen, betreibt die ZTG die Plattform „Standards Dokumentations- und Informationssystem“ (SDIS). Hier findet man alle aktuellen Informationen über vorhandene Standards und erfährt, in welchem Zusammenhang diese verwendet werden können. SDIS ermöglicht den Austausch von Wissen und Erfahrungen zu Projektergebnissen, Standards und Spezifikationen und sorgt so für mehr Transparenz.

Welche Bedeutung kommt der Standardisierung der Fachsprachen für eine sektorenübergreifende Kommunikation zu?

Aschhoff: Für eine IT-gestützte Kommunikation in der Pflege über die Sektorengrenzen hinweg bedarf es vor allem einer höheren Form der syntaktischen, semantischen und der Prozessinteroperabilität.

Auf der Ebene der syntaktischen Interoperabilität bieten die „HL7 CDA“-basierten Standards für den ePflegebericht und für den eWundbericht eine gute Basis für den Austausch von pflegerischen Daten bei Entlassung aus dem Krankenhaus ins Heim oder in die ambulante Versorgung beziehungsweise bei Aufnahme ins Krankenhaus von dort. Hier muss man also keine neue Entwicklung beginnen.

Auf der Ebene der semantischen Interoperabilität gibt es hierzulande keine gesetzlichen Vorgaben. Für einen Informationsaustausch über die Sektorengrenzen hinweg müssen aber gleiche Konzepte gleich benannt werden. Daher ist die Standardisierung der pflegerischen und medizinischen Fachsprachen sehr wichtig. Es gibt bereits erprobte Klassifikationen und Terminologien, die auch für Deutschland relevant sind. Als Referenzterminologie bietet sich die Internationale Klassifikation der Pflegepraxis (ICNP) an. Für fast alle anderen Klassifikationen gibt es sogenannte Mappings, die eine technische Überführung zu ICNP erlauben.

Einführung von Standards versus Entbürokratisierung der Pflege: Schließt sich das aus oder ergänzt sich beides?

Aschhoff: Standards bilden die Grundlage für die Prozesse einer modernen und effizienten Gesundheitsdienstleistung. Nun könnte man kritisch einwenden, dass unter einer generellen Normierung oft die Vielgestaltigkeit pflegerischen Handelns leidet und dies zur Bürokratisierung führt. Dahin darf es nicht gehen, wir wollen keine Technisierung der Pflege. Andererseits ist Dokumentation nun mal eine wichtige Voraussetzung für Qualitätssicherung. Es kann also nur darum gehen, durch Technologien und Standards die notwendigen Prozesse so elegant und „unsichtbar“ wie möglich für die Pflegekräfte zu gestalten.

Die Fragen stellte Dr. rer. nat. Lisa Kempe

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Stellenangebote

    Alle Leserbriefe zum Thema

    Anzeige