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Ausstellung in St. Gallen: Die Büchse der Pandora

Scheiper, Renate V.

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Kostbare Hand- und Druckschriften, eine elegante Reiseapotheke, Erfindungen des 20. Jahrhunderts – ein Gang durch die Geschichte der Medizin

Klistierspritze mit gebogenen Aufsätzen aus dem 18. Jahrhundert mit „Gebrauchsanweisung“ und drastischer Darstellung der Anwendung. Fotos: Renate V. Scheiper
Klistierspritze mit gebogenen Aufsätzen aus dem 18. Jahrhundert mit „Gebrauchsanweisung“ und drastischer Darstellung der Anwendung. Fotos: Renate V. Scheiper

Hinter der türhohen, ausdrucksstarken Darstellung eines Aderlasses beginnt im Historischen und Völkerkundemuseum St. Gallen ein Gang durch die Geschichte der Medizin. Als regionale Geburtsstätte der Medizin eröffnet ein großes Modell des Benediktinerklosters St. Gallen die Ausstellung. In einer Schublade befindet sich der Ausschnitt des berühmten Karolingischen Klosterplanes von 830, der den Krankenbereich mit Arzthaus, Spital, Aderlasshaus und Heilkräutergarten zeigt. Ein Monitor wirft Bilder der damals angebauten Heilpflanzen mit Beschreibung ihrer Anwendung und Wirkung an die Wand; darunter sind in Flakons Riechproben zu nehmen.

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Kostbare Leihgaben mittelalterlicher Hand- und Druckschriften faszinieren in der Ausstellung „Zeit für Medizin“. Ältestes Original ist die Handschrift des „St. Gallener Botanicum“ aus dem 9. Jahrhundert. Paracelsus und der St. Gallener Arzt Vadian sind mit Schriften und Porträts an den Wänden vertreten. Vadian benutzte die Sammlung von Rezepten arabischer Medizin, den „Canon universalis“ von (Pseudo-)Mesue. Immer wieder werden die bibliophilen Kostbarkeiten durch Gegenstände wie Klistierspritzen mit gebogenen Aufsätzen aus dem 18. Jahrhundert aufgelockert, darüber hängt ein spätmittelalterlicher Text über die Anwendung eines Klistiers mit drastischer bildlicher Darstellung.

Besonders fällt die elegante Reiseapotheke aus dem 18. Jahrhundert ins Auge. Sollte nichts davon nützen, liegen im unteren Segment Bildchen diverser Heiliger als „Nothelfer“ bereit, die anzurufen sind. Unter einem Folianten enthält eine Schublade – „Bitte öffnen“ – ein vielteiliges Trepanationsbesteck von 1800, dazu eine Schrift mit der Abbildung eines auf den Schädel aufgesetzten „Schraubstockes“ und der Anweisung, wie man die „hirenschale, die eyngeschlagen ist, …, mit disem instrument wider auffschrauffe“.

Am Ende des ersten Bereiches in einem Regal mit der Aufschrift „Medizinische Irrtümer und Verbrechen“ symbolisieren elf hutähnliche Schachteln die Büchse der Pandora, durch deren verbotenes Öffnen nach der griechischen Mythologie die Götter den Menschen die Krankheiten schickten. Diese Schachteln sollen jedoch vom Besucher geöffnet werden. In einem Deckel ist das leidende Gesicht eines jungen Mannes zu sehen, und man erfährt, dass er an durch Onanieren hervorgerufene Rückenmarkschwindsucht litt. Eine andere Schachtel offenbart, dass schon die griechischen Olympioniken Dopingmittel nahmen.

Ein Raum ist Apparaturen und Erfindungen des 20. Jahrhunderts gewidmet. Als hygienisches Paradestück ist zum Schluss ein modernes „Themse Washdown Closet“ aus Keramik zu bewundern. Es war vor hundert Jahren eine moderne Errungenschaft, um zunächst in den Häusern der Reichen sanitäre Maßstäbe zu setzen.

Renate V. Scheiper

Informationen

Die Ausstellung „Zeit für Medizin“ ist im Historischen und Völkerkundemuseum St. Gallen, Museumsstrasse 50, CH-9000 St. Gallen, bis 20. Mai 2012 zu sehen. Öffnungszeiten: dienstags bis sonntags 10 bis 17 Uhr. Eintritt: 10 sfr, ermäßigt 8 sfr. www.hmsg.ch, info@hmsg.ch.

Ergänzend zur Ausstellung ist die gleichnamige Publikation „Zeit für Medizin“ erschienen, in der Mediziner und Historiker in Fachbeiträgen Hintergrundinformationen geben. Historisches Völkerkundemuseum St. Gallen (ISBN 978–3–9523 160–2–3), Preis: 29 sfr.

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