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Kriminologische Studie: Gewalt gegen Senioren – ein vernachlässigtes Thema

Burger, Frank

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LNSLNS Am 12. März 1996 fand in Bonn eine vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend initiierte Fachtagung "Gewalt gegen ältere Menschen zu Hause" statt. Dabei diskutierten in- und ausländische Experten aus Wissenschaft, Politik und Praxis über die Ursachen dieses Phänomens und suchten nach Möglichkeiten zur Vorbeugung und Intervention.


Einer Studie* des Kriminologischen Forschungsinstitutes Niedersachsen zufolge werden alte Menschen vor allem in engen sozialen Beziehungen Opfer von Gewalt. 1991 wurden in den alten Bundesländern mehr als 300 000 Fälle registriert, in denen Menschen im Alter von 60 bis 75 Jahren Gewalt am eigenen Leibe miterlebten – womit nicht nur körperliche Gewalt gemeint ist, sondern auch seelische Mißhandlungen und Vernachlässigung durch Angehörige.
Die Autoren der Untersuchung weisen darauf hin, daß ältere Menschen sich in erster Linie davor fürchten, Opfer einer kriminellen Handlung durch Fremde zu werden. Tatsächlich gelte jedoch: "Insbesondere älteren Menschen widerfährt dies ungeachtet ihrer Verletzlichkeit vergleichsweise selten." Opfererfahrungen in engen sozialen Beziehungen seien viel häufiger, doch würde diesem Aspekt bislang weniger Beachtung geschenkt.


Ursachen der Gewalt sind vielfältig
Die Gründe für Vernachlässigung und Mißbrauch sind so vielfältig wie die Lebensverhältnisse, denen sie entspringen. Oft ist die Ursache die große Belastung, der die Betreuer pflegebedürftiger Senioren ausgesetzt sind. Hinzu kommt, daß die Situation häufig von beiden Seiten als unbefriedigend und perspektivlos angesehen wird. Wenn dann noch schwierige äußere Lebensbedingungen – wie beispielsweise finanzielle Nöte, Arbeitslosigkeit oder beengte Wohnverhältnisse – vorliegen, ist der Ausbruch der Gewalt nur noch eine Frage der Zeit und der körperliche Ausdruck einer schwelenden Unzufriedenheit, wie in der Studie weiter ausgeführt wird.
Ein Problem ist, daß das Vorgefallene oft verschwiegen wird – eine Folge der Privatheit enger Beziehungen. Nach Auffassung der Autoren der Studie wird über die Vernachlässigung oder die Mißhandlung Stillschweigen bewahrt, solange ein Interesse daran besteht, die Beziehung aufrechtzuerhalten.


Wunsch: Netz von Hilfsangeboten
Auf die Wechselwirkungen zwischen Pflegebedürftigen und Pflegenden und die Gefahr einseitiger Schuldzuweisungen wies Gertrud Dempwolf, Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesseniorenministerium, während der Fachtagung hin: "Es ist nicht damit getan, den Schuldigen zu suchen und nach Bestrafung zu rufen. Statt Anklage sind entlastende Hilfe, Betreuung und Rat gefragt." Dazu bedürfe es einer intensiven und vor allem sachlichen Auseinandersetzung mit dem Thema.
"Wir müssen angemessene Hilfe und Unterstützung bereitstellen", so Frau Dempwolf weiter, "ich denke dabei an personelle Entlastungen, technische Hilfen und Selbsthilfegruppen. Ideal wäre ein engmaschiges Netz von ambulanten und teilstationären Angeboten." Besonders wichtig sei es, die professionelle Beratung möglichst frühzeitig in Anspruch zu nehmen, um es gar nicht erst zur Eskalation kommen zu lassen, betonte die Staatssekretärin. Um Empfehlungen und Ideen schneller realisieren zu können, bereitet das Bundesseniorenministerium jetzt ein Modellprojekt zur Prävention von Gewalt gegen Ältere vor. Frank Burger

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