ArchivRechercheTherapiemaßnahmen bei Sexualstraftätern: Genetische Prädisposition

MEDIZIN: Diskussion

Therapiemaßnahmen bei Sexualstraftätern: Genetische Prädisposition

Schumann, Hans-Joachim von

Zu dem Beitrag von Dr. phil. Sabine Nowara und Prof. Dr. med. Norbert Leygraf in Heft 3/1998
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS In Übereinstimmung mit Dean Hamer (1), D. Klein, (2), J. Money, and C. Ogunro (3) und Verschuer (10) bin ich bei meinen Behandlungen von Sexualstraftätern zur Überzeugung gelangt, daß ihre abnormen sexuellen Verhaltensweisen genetisch bedingt sind. Zu begrüßen ist es deshalb, daß seit den siebziger Jahren in den Industrieländern neue Methoden der molekularbiologischen Forschung entwickelt worden sind und seit Beginn der neunziger Jahre sogar eine Gentherapie im Entstehen ist. Man hofft, daß bis zum Beginn des dritten Jahrtausends die geschätzten drei Milliarden Basen des menschlichen Genoms vollständig entschlüsselt sein werden. Anläßlich der Verleihung des medizinischen Nobelpreises im Jahre 1995 an die Tübinger Professorin Nüsslein-Volhard und ihre amerikanischen Kollegen Lewis und Wieschaus verkündete das Karolinische Institut in Stockholm, daß die genannten Entwicklungsbiologien mit ihren "epochemachenden Entdeckungen, wie die Gene die frühe Embryonalentwicklung steuern, den Grundstein für neue Erkenntnisse gelegt" hätten. Nach Mitteilung des US-Fachjournals "Nature Genetics" (1) hat der Genforscher Dean Hamer erkannt, daß das Gen für die männliche Homosexualität in der Region Xq28 auf dem langen Arm des X-Chromosoms zwischen Markern liegt. Zu untersuchen wäre nun, ob bei Sexualstraftätern ein genetischer Faktor oder ein genetischer Defekt vorhanden wäre. Dies ist auch für die Forensische Medizin deshalb von großer Bedeutung, weil man bei der gerichtlichen Beurteilung wird ermessen können, ob dem betreffenden Sexualtäter § 21 oder sogar § 20 StGB unter Berücksichtigung des § 63 zuzuerkennen wäre und ob durch eine genetische Heilbehandlung in Zusammenhang mit einer Psychotherapie eine sexuelle Normalisierung oder wenigstens eine Abschwächung der abnormen Dynamik aussichtsreich wäre. Da vielfach Unklarheit der Finanzierung von Behandlungen herrscht, sei folgendes mitgeteilt: Die Kosten für die Therapie von Sexualstraftätern können von den gesetzlichen und privaten Krankenkassen getragen werden. Sofern nämlich krankhafte psychosoziale Störungen oder krankhafte Verhaltensweisen direkt beobachtbar oder indirekt erschließbar sind, was in aller Regel bei Sexualdelinquenten der Fall ist, können die Kosten gemäß den Psychotherapie-Richtlinien in der Fassung, die seit dem 1. Oktober 1990 in Kraft getreten ist, nach wie vor von den Krankenkassen übernommen werden. Im Bedarfsfalle kann das Sozialamt als Kostenträger für solche Heilbehandlungen herangezogen werden. Gleichgültig ist es, ob es sich um Einzel- oder/und Gruppentherapie handelt. Dabei können Beziehungspersonen wie Partner und Familie in die Behandlung einbezogen werden. Als Behandler sind von den gesetzlichen und privaten Krankenkassen Ärzte und Diplom-Psychologen zugelassen, die die Zusatzbezeichnung Psychotherapie oder/und Psychoanalyse erworben haben, selbstverständlich auch Fachärzte für psychotherapeutische Medizin.


Literatur beim Verfasser


Dr. med. Dr. phil. habil.
Hans-Joachim von Schumann
Arzt für Allgemeinmedizin,
Psychotherapie und Psychoanalyse
Rembrandtstraße 30
40237 Düsseldorf

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Stellenangebote

    Alle Leserbriefe zum Thema

    Anzeige